Ohne dich

Ohne dich – von Matthias Pieper

Ohne dich 

Ohne dich ist ein Beitrag zum Wettbewerb „Frühling“ von Matthias Pieper – einer der drei Gewinner-Texte

Noch bleich vom Winter

Rose schaute lange aus ihrem Fenster in das Grün hinter der Klinik. Die Wiese war noch bleich vom Winter, der Wald stand dunkelgrau, vor ihrem Fenster stießen die Blätter der Narzissen wie Büschel grüner Skalpelle aus dem Boden. Wenn sie in die Tasse blies, um den Tee abzukühlen, beschlugen ihre Brillengläser, und Wald und Wiese verschwanden. Draußen war es sonnig und kühl, in den kahlen Sträuchern am Fußweg gleich unterhalb ihres Fensters ließen die Meisen ihre zweisilbigen Rufe hören.

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Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ von Maria Unger

Maria Unger ist ehemalige Lehrerin und lebt in Bayern. Notizbuch führt sie quasi schon immer

Notizbuch 4 2017 – 08 – 29

Gedanken einer älteren Frau
ihren Umgang das Notizbuch betreffend

Eine Wolkenguckerin

Vor Jahren hat die Tochter der Mutter ein wunderschönes Buch geschenkt, SKYWRITING journal . Sie weiß nämlich, dass die Mutter eine Wolkenguckerin ist, dass sie manchmal Geschichten schreibt und noch öfter Geschichten liest. Aber Lesetexte enthält das Buch nicht, die Seiten sind nicht durchnummeriert, sondern über jede Doppelseite erstreckt sich ein Foto von Wolkenmassen, von Landschaften, die sich unter einem breiten Himmel ausdehnen, oder von Nebelschwaden, die Berge einhüllen. Krähen sitzen auf einem Kabel im blassen Abendlicht, ein gleißender Blitz zuckt aus einer Wolke, eine kaum sichtbare, schwach gekräuselte Linie trennt Himmel und Wasser. Überall viel freie Fläche, Wolkenweiß, Meeresblau und Nebelgrau.

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Notizbuch

Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ von Melanie Penquitt

Nicht bloß Worte

Erinnere-dich

„Bitte nimm mich mit“, sprach mein Notizbuch und ich nahm es mit. Mit zum Einkaufen. Zu Ausflügen. Zur Arbeit. Mit in den Urlaub. Mein Notizbuch wurde zum ständigen Begleiter. Zum Freund. Zum Erinnere-dich. Zum Therapeuten. Anstelle von Fotos, die in Fotoalben geklebt werden, hielt ich Worte fest. Und ganz im Gegensatz von Fotoalben, in denen nur das Schöne festgehalten wird, vertraute ich meinem Notizbuch alles an. Ich schrieb von Gefühlen und Gedanken genauso wie von Einkaufslisten und Kontaktdaten. Fuhr ich mit dem Auto, so saß mein Notizbuch neben mir oder lag im Handschuhfach zum Ausruhen. Passierte ich interessante Ortsnamen, so rief es aus: „Bitte füttere mich!“ Ich tat wie geheißen, denn ich wußte, ich würde bei der einen oder anderen Kurzgeschichte wieder darauf zurückgreifen können.

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Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ – von Stefan Gross

Dieser Beitrag stammt von Stefan Gross, Architekt

Steine

Der Altar der Arillas

Der Altar der Arillas ist ein Stein im Meer. Einer von fünf, die von der Steilküste gefallen sind. Er hat eine besondere Position, mit auffällig schönen Abständen zu seinen Brüdern und zur Steilwand hin. Entfernte man ihn, fehlte etwas, bliebe der Eindruck einer Lücke. Er bestimmt das System. Deshalb haben sie ihn ausgewählt. Vom Strand aus ist er nicht zu sehen. Man muss um den Arm der Bucht herum durchs Wasser. Man kann hin waten. Ich stehe bis zur Hüfte im Meer und will den Blick nicht abwenden, als könnte ich so das Kunstwerk auf dem Stein vor seinem Zerfall bewahren.

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Augenblick

Augenblick – Eine Short Story von Andrea Gärtner

 Augenblick – Eine Short Story von Andrea Gärtner

„Augenblick“ entstand im Speed-Writing, dem Gewinner-Kurs des Wettbewerbs „Warum schreiben Sie“

Milla saß am Fenster und starrte hinaus. Das muntere Treiben ihres Lieblingscafés hatte sie ausgeblendet. Sie hielt ihren Latte zwischen den eisigen Fingern und dachte angestrengt nach. Wie hatte es nur soweit kommen können? Sie hatte sich immer für eine emanzipierte Frau gehalten, die ihr Leben klar vor sich gesehen hatte. Mit dem Volontariat im Museum war sie ihrem Traumberuf der Kuratorin wieder ein Stück nähergekommen. Und die Beziehung zu Till hatte sich anfangs auch genauso gestaltet, wie sie sich das gewünscht hatte. Anfangs. Sie trank einen Schluck Kaffee und stellte das Glas ab. Als ihr Ellenbogen die Tischkante berührte, zuckte sie schmerzhaft zusammen.

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Schlafteppich

Ein merkwürdiger Tag – von Diana Ohmann

Der Schlafteppich – von Diana Ohmann

„Der Schlafteppich“ entstand im Speed-Writing – der Gewinn des Wettbewerbs „warum schreiben Sie?“

iAm sah sich um. Das konnte einfach nicht möglich sein. Absolut unmöglich. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder, in der Hoffnung; alles würde sich nur als böser Traum entpuppen. Von dem braunen Sumpfmann, mit dem er sich die karge Schlafzelle in der Karawanserei geteilt hatte, war nur noch eine zerknüllte Decke zu sehen. Immerhin eine Decke! Denn iAms eigene Habseligkeiten hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst, seine Umhängetasche, seine Schuhe, sein Umhang, Proviant – alles war verschwunden. Man hatte es scheinbar sogar geschafft, ihn während der Nacht von seinem Schlafteppich zu rollen und ihm diesen unter seinem Hintern weg zu entwenden.

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warum schreiben Sie?

Warum schreiben Sie? Eingereichte Texte: Nr. 1

Warum ich schreibe

Von Wolfgang Wimmer
Wolfgang Wimmer – WW. Filmschaffender, Berater, Autor. Zuhörer und Erzähler. Suchender und Finder.

Schreiben und sprechen waren für mich tabu. Ich stottere und bin Legastheniker. Das war 1956 bei   meinem Schuleintritt echt ein Problem. Ich sollte auf die Sonderschule. Zum Glück hatte ich auch noch ein Problem mit meiner Phantasie, ich glaubte nämlich meine eigene Realität. Die Anderen nannten das lügen. Deshalb kam ich sicherheitshalber gleich in die Kinder-Psychiatrie. Da war’s dann eh egal. Ein stotternder Legastheniker, der Worte umdreht und alles, was er rausbringt – sind Lügen. Das war dann erst mal für zwei Jahre meine Diagnose. Hochintelligent aber… tja, muss man medikamentieren.

Irgendjemandem muss ich das erzählen

Mir war klar, ich muss irgendjemandem erzählen, was in meinem Kopf ist, sonst bleibe ich da drin stecken. Also habe ich es aufgeschrieben. In einer Art Geheimschrift, die niemand lesen konnte. Und es sollte auch niemand lesen. Ich habe manisch geschrieben. Eigentlich Buchstaben gemalt. Oft nur, weil ich es eben schon konnte und die Anderen noch nicht. Auch als mich kontrollieren gelernt hatte und wieder ins normale Leben durfte.

Das Schreiben blieb. Immer.

Das Schreiben blieb. Immer. Der magische Moment, mich mit einem leeren Heft und einem Füllfederhalter hinzusetzen und die ersten Zeichen auf das Papier zu malen. Das mache ich bis heute. Ich bin dankbar, dass das Pages-Programm meine Wörter zurecht dreht und geduldig eines von den drei „T“ aus „hatt“ verschwinden lässt – ups – es ist sogar nur ein einziges T, hätte ich jetzt schon wieder falsch geschrieben.

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Schreiben

Warum ich schreibe – Ein Testimonial von Tonie Richter

Warum ich schreibe – von Tonie Richter

Tonie Richter, 47, lebt in Berlin. Sie studierte Jura in Hamburg und Paris, arbeitet als Juristin, ist verheiratet und hat vier Kinder. Dieser Text entstand zu Beginn des Online-Kurses Literarisches Schreiben

Schreiben in der Nacht

Meine letzte Schreibphase 2016 dauerte von Anfang Oktober bis Anfang November. Ich schrieb abends und bis  tief in die Nacht, wenn die Kinder schon schliefen und mein Mann nicht da war. Es war wie in den lange zurück liegenden Zeiten meiner Doktorarbeit, die ich in der letzten, intensiven Phase immer zwischen 19 Uhr abends (nach den Vorabendserien im Fernsehen) und drei Uhr nachts schrieb. Dann schlief ich bis mittags, kaufte ein, kochte (die erste Mahlzeit am Tag war meist das Mittagessen), las am Nachmittag Quellen und Fachtexte, ging in die Bibliothek und machte Recherchen und Notizen. Keine Textproduktion! Dann kam „Verbotene Liebe“ oder „Unsere kleine Farm“ – die Vorabendserien konnten nicht kitschig genug sein –  und dann setzte ich mich an den Schreibtisch, hörte Streichquartette und tippte. Das Beste: nachts geschriebene Texte musste ich kaum überarbeiten. Sie waren einfach gut. Versuchte ich die Textproduktion am Vormittag – gar keine Chance. Jeden Satz musste ich dreimal umdrehen.

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