Indien

Post aus Indien – von Petra

Post aus Indien – von Petra 

Die Autorin des Beitrags lebt in Deutschland und Indien. In Varansi betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Künstlerresidenz. Alle Fotos stammen von Petra.

 

Indien / Varanasi 26.03.2020
RE: Ausgangssperre

Liebe B…,

Wir versuchen, hier irgendwie Routinen aufrechtzuerhalten. Morgens arbeiten wir im Garten solange die Temperaturen es zulassen. Wir ernten unsere Tomaten, Blumenkohl, Kohl, Auberginen. Danach Kaffee und Duschen. Navneet kocht dann was gemeinsam mit Lori, der Künstlerin aus New York, die es vorzieht hier zu bleiben, statt nach Hause zu gehen.

Ich sitze einige Stunden am Tag im Büro, da wir unsere Lieferanten beruhigen müssen, arbeite gewisse Dinge auf, die schon länger überfällig sind. Nachmittags gibt es Tee auf der Terrasse, Abendessen fällt aus, gegen 9 Uhr geht’s ins Bett. Lesen im Dunkeln ist nicht so schick, da anschließend das Zimmer voll Moskitos ist, die einem die Nachtruhe rauben.

Nachtruhe, endlich… seit der Ausgangssperre ist es hier so schön ruhig, kein Verkehr, kein Hochzeitsgedöns, selbst die Hunde sind unruhig, da so ruhig. Endlich hören wir die Vögel und die Bäume rascheln. Also soweit alles gut.

[foogallery id=“7032″]

 

Die Lebensbedingungen sind für alle unterschiedlich. Wir sind sehr privilegiert und vermissen das Rausgehen oder Reisen. Die Armen kennen diese Dinge nicht, sie verbleiben in ihrem gewohnten Umfeld, Essen und Wasser wird von verschiedenen Organisationen, Militär bereitgestellt. Also noch ist alles ruhig, doch das kann sich ändern. Der Inder ist es nicht gewohnt ruhig zu sein, zu Hause zu sein. Bei manchen können da leicht die Sicherungen durchbrennen.

Da stimme ich dir zu, mein Immunsystem ist auch stabil, zumindest hatte ich die letzten Jahre nie grosse Grippen, Erkältungen.

Bei einer der Aufräumaktionen hier habe ich meine alte Schulausgabe der ‚Pest‘ von Camus gefunden, die lese ich grad nochmals. Nicht makaber, sehr beruhigend. Er befasst sich mit den Themen, des Warum und des Glaubens, wie sich Menschen allzu sehr mit einer Routine abfinden, dem Unausweichlichen nichts entgegen zu setzen haben und wie sich Liebe in Gleichgültigkeit und Monotonie entwickelt über das Unausgesprochene.

Ich verstehe ehrlich die Hoffnung nicht, warum die Welt sich ändern sollte über ein Virus. Wir hatten schon andere Todesraten, Brände, Hunger und Krieg und dazu zähle ich auch den 2ten Weltkrieg, Aids etc. und was hat sich geändert?

Ich denke, dies ist ein frommer Wunsch, es wäre schön, doch ich sehe nicht die Ansätze. Die Masse der Menschen will ein gutes Leben, Status, Symbole und Luxus. Da ist doch keiner bereit auf irgendwas zu verzichten, und für alle ist einfach nicht genug vorhanden, weder von der guten Luft, dem sauberen Wasser, der Hoffnung, dass unser Geld uns die schönen Dinge kauft.
Meiner Meinung nach fehlt es auch an den Vorbildern und der Führung.

Es sind einfach keine charismatischen Personen zu sehen, die uns Anreize geben. Jeder bleibt in seiner individuell geschaffenen Komfortzone mit Bioäpfeln, Bioauto und BioInternet, geht ein bisschen wandern mit Greta, und dann bleibt da die große Leere. Dies gilt für alle Generationen, Rassen und Länder, jeder auf seinem Niveau.

Oder wie ist es zu erklären, dass ein Land wie Amerika keine anderen Politiker vorweisen kann als alte Männer, einen Wahnsinnigen? Oder in Polen? Ungarn? Selbst in Deutschland fehlen mir da die Gesichter nicht nur auf bundes- sondern auch auf landes- und kommunaler Ebene.

Und ehrlich gesagt, schliesse ich mich da auch mit ein.

Ich gehe zwar mit Plastiktüte spazieren und sammle anderer Leute Müll dabei ein. Lange habe ich es verschämt und heimlich gemacht, weil ich nicht diese blöden Gesichter und Kommentare erfahren wollte. Doch mittlerweile mache ich es offen und die Kommentare haben aufgehört. Doch der Müll ist immer noch derselbe geblieben.

So, nun genug der Philosophie.

Morgen ist wieder Coaching Tag mit Bea, das ist auch immer sehr inspirierend für die Gedanken- und Gefühlswelt.

Nun sind hier noch für 2 Tage Zigaretten verfügbar, und dann beginnt die große Entwöhnung. Wünsch mir Glück und Durchhaltevermögen. Ich vermisse es jetzt schon.

Bleib gesund, sei umarmt und gegrüßt.

Bis bald, Petra

Hallo, hier können Sie einen Kommentar verfassen. Wir würden uns darüber freuen.


© 2020 Dr. Hanne Landbeck schreibwerk berlin