Sohn

Das menschliche Herz hat zwei Kammern – von Simone Grawe

Das menschliche Herz hat zwei Kammern von Simone Grawe beschreibt die außergewöhnliche Situation einer Mutter mit einem psychisch kranken Sohn

Simone Grawe lebt in Bern

Das menschliche Herz hat zwei Kammern: Die eine heisst Glück, die andere Verzweiflung

Es ist gut, zerbrechliche Menschen um sich zu haben, das hilft einem, die Welt besser zu verstehen, obwohl ich nicht immer weiss, was ich mit diesem Verständnis anfangen soll. (Jon Kalman Stefansson)

Ich habe eine Freundin. Die hat einen komischen Sohn.

Dauernd ist sie mit diesem Sohn beschäftigt. Das regt mich auf, ärgert mich, nie hat sie Zeit, und wenn wir uns sehen – selten genug, dann jammert sie über den Sohn oder hat Angst um ihn oder ist völlig verstört, so dass ich sagen möchte: „Jetzt spinnst du aber selber schon, komm’ mal wieder runter.“

Offenbar habe ich es tatsächlich gesagt, denn sie schaut mich an, glotzt eher, dann: „Sorry. Was hast du gesagt?“

Wir sind bei ihr zuhause, eine sehr gemütliche Stube, die passt so gar nicht zu der Aufgeregtheit der Freundin: Sie rennt hin und her:

„Er will keinen Kontakt mehr mit mir. Er wirft mir vor, ich hätte sein Erbe veruntreut, ich lebe doch, ich hab’ doch gar keinen Zugriff zu irgendwelchem Erbe von ihm. Da schau!“, und sie zeigt mir die Postkarte, die sie eben erhalten hat.

Ich will sie trösten, aber mir fällt nichts ein. „War dein Sohn eigentlich immer schon so?“

Diese hilflose Frage war richtig. Es kommt wieder Leben in die zusammengesinterte Person, die meine beste Freundin ist, und die ich so oft nicht verstehe.

„Nein, überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Er war das bezauberndste Kind von meinen Kindern, schau!“ Sie zeigt mir Fotos, die einen süßen kleinen Jungen zeigen. In der Tat.

„Er war seit Kleinkindzeit ein Fighter, er übte alles so lang, bis er es konnte, Türen aufschliessen, Laufen lernen, alles auf Zehenspitzen,  aber er lief. Er schrie nie, wenn er hinfiel, er schrie nicht, wenn er sich verletzte, tiefe Schnitte, ins Bein oder so… – naja, vielleicht war das ja auch nicht ganz normal.

Er war ein so bezauberndes Kind“, wiederholt sie sehnsüchtig. „Er hat so gern Leute beobachtet, und dann seine Kommentare abgegeben: „ Der Mann dort (der eine Frau angesprochen hatte) der macht ein Kontäktchen“.  Oder: „Hast du gesehen, wie der Mann da seine Frau verletzt hat?“ Und wenn ich entgegne: „Aber du hast doch gar nicht geguckt!“ sagt er drauf: „Da muss ich doch nicht gucken.“

„Und mit 15 war mein eigener Sohn zu einem bösartigen alten zaundürren Mann geworden, mit einem bereits weissen Bart, und er behauptet, er kenne mich nicht, ich sei aufdringlich, weil ich behaupte, ich sei seine Mutter. Man solle mich entfernen. Aber das war schon die Zeit in der Psychiatrie.“

Wieder diese Geste einer Hilflosigkeit, einer Ratlosigkeit meiner sonst so kompetenten Freundin.

„Und jetzt“ sagt sie, „jetzt ist oft keine Verbindung möglich, wie bei Spencer Reid in Criminal Minds – der mit seiner schizophrenen Mutter, sie hilft ihm bei der Aufklärung einer Straftat, ist dabei ganz klar, und als er sie gleich danach wieder anspricht, ist sie schon wieder abgedriftet in ihre eigene Welt, unerreichbar, und er steht da – stumm, ratlos und ich habe laut aufgeschrien, als ich diese Szene damals gesehen habe. So geht’s mir immer. Brutaler Abriss der Verbindung. Plötzlich, unerwartet, obwohl es ja immer so ist und sein wird – ich weiss es ja, aber ich halte es schlecht aus.“

„Du musst dich abgrenzen“, sage ich, „so kann es doch nicht weitergehen! Denk doch, weisst du noch, wie viele Jobs du verloren hast, weil du immer rausgeflogen bist, oder selber aufgehört hast, wenn er in den Wohnheimen aufgetaucht ist, wo du gearbeitet hast, wenn er beim Jugendgericht war, wo du den Super-Job hattest, immer bist du gegangen, hast du gehen müssen, willst du nicht mal aufhören damit? Dich immer zu ergeben – du regst mich auf!!

Und Du kannst es nicht ändern!“, schreie ich fast auf sie ein, „dein Sohn ist so und wird so bleiben, du hast doch keine Schuld, denk’ doch auch an Dich. Oder an mich.. Kein Mensch hat noch was von dir, du kapselst dich ab, so kann’s doch auch nicht weitergehen.“

„Ich kann mich nicht abgrenzen, ja, das sagen alle – aber ich kann es nicht. Mein Herz hat eben auch diese zwei Kammern, das Unglück, die Verzweiflung und das Glück, die Hoffnung, die Liebe. Ich hab’s  immer gespürt, wenn er als Säugling kalt hatte, Hunger hatte, gekotzt hatte, obwohl er in einem anderen Zimmer schlief als. Aber ich hab’ das immer gespürt, wenn was war, und bin aufgestanden, und es war auch immer so, er hatte gekotzt, das Bett war nass,  e r  war nass, er war kalt, und es war gut, dass ich aufgestanden bin. Es war doch zum Erbarmen, wie er auf die Welt gekommen ist. Mein 4- Punkte- Kind.“

„Was ist das – 4- Punkte- Kind?“, frage ich sie.

„Na ja, das Kind wird ja gleich untersucht: Atmung, Hautfarbe, Herzschlag, was weiss ich, eben alle Lebensfunktionen. Ist alles o.k., gibt’s 10 Punkte. Bei Tibet war nichts o.k. Keine selbstständige Atmung, fast kein Herzschlag mehr,  Hautfarbe grau statt rosig – rosig – nix davon. Also 4 Punkte. Ähnlich war es bei jeder Nachfolgeuntersuchung.“

Ich weiss jetzt, wie der Abend weitergeht: Kein Freundinnenabend, kein Geplänkel über unsere Kerle, über die Jobs, über die Kinder, naja, ausser ihrem, diesem ihrem Kind. Er nimmt so viel Raum ein, immer nimmt er Raum ein. Oft hasse ich ihn, weil er mir die Freundin wegnimmt. Und sie spricht weiter:

„So süss, so einfühlsam, er wusste immer, wie es mir ging, wie es den anderen ging, er kümmerte sich rührend um die Dinge um ihn herum. Beim Badengehen:  Er ist es, der alle Plastiksäcke schleppt mit den Vorräten. Die anderen Kinder schlendern frohgemut nebenher. ‚Habt ihr das Trinken mit?‘ und beim Verreisen: ‚Habt ihr die Pässe?‘ Dafür sorgte er schon mit vier.“

Und sie springt auf und zeigt mir weitere Fotos von früher.

„Da schau“,  sagt sie, „da ist er schon älter, ist doch eigentlich ein Hübscher – sieht man was?“ „ Was soll man sehen?“

„Sieht man was, dass er behindert ist?“

Ich bin verblüfft – behindert, so hat sie das noch nie ausgesprochen. „Was meinst du mit behindert?“

“Naja, schau dir die Briefe an, die er mir schreibt. Wirr. Nicht zu entziffern. Und voll akro.“ Und sie steht auf, um einen Brief zu holen. Einen? Sie bringt einen ganzen Ordner.

Vollgestopft mit Briefen, ich sehe die Schrift, kreuz und quer, vor und zurück, nicht zu lesen. Oder doch? Es steht da immer ein Satz, der im nächsten Satz widerrufen wird.  Da steht: ich wünsche keinerlei Kontakt – bitte reiss’  Dich zusammen und antworte sofort!!

„Hunderte von Briefen, in denen steht, ich wünsche keinen Kontakt“, jammert die Freundin. „Wie soll man da drauf reagieren?“

„Jesses, sind die alle so?“ frage ich entsetzt.

„Nein, mal so, mal so“. Und sie kramt in dem Leitz-Ordner, dem dicken, und ich will diese Briefe gar nicht sehen. Sie sieht so verloren aus inmitten dieser Briefe, die Freundin. „Schmeiss das Zeug doch weg, es bringt doch nichts, du machst dich nur unglücklich!“

„Ja, dann könnte ich doch gleich das ganze Kind wegschmeissen!“, fährt sie mich an. „Ich hab das geträumt, da waren die Müllmänner mit riesigen Müll- Containern, da schmissen sie die Müllsäcke rein, und auch mein Kind, in einem blauen Anzug, er war noch klein, und ich rannte hin und schrie- „Nein!“- aber sie schmissen ihn hinein. Und ich dachte, ich bin es, ich bin es , die das träumt, aber ich will ihn doch gar nicht wegschmeissen- nein, es ist so…!“

Und jetzt heult sie auch noch, die Freundin.

Der gesamte Teppichboden der Stube ist mit diesen Briefen bedeckt, eine flirrende Unordnung, ein lautstarkes Chaos, eine Flut von geschrienen Worten und abgehackten Sätzen, fühlbar, spürbar, ich fühle mich attackiert, ich halte es nicht mehr aus.

“Mach Pause“, flehe ich die Freundin an. „Räum’ das Zeug weg! Ich halte das nicht aus!“

Aber sie hört mich nicht, sie streicht über die Briefe, als wolle sie den schreienden Buben da drin beruhigen.

Wir sitzen in einem morschen Ruderboot mit einem brüchigen Netz und wollen Sterne fangen. Jon Kalman Stefansson

„Immer wieder habe ich geträumt, ich sitze mit ihm in einer Nussschale im offenen Meer. Ich schaue zurück, und eine riesige Welle kommt auf uns zu. Ich hab’ ihm mal den Traum erzählt, er hat laut gelacht.

Einmal sind wir ins Kino. Rainman.  E r   wollte da rein. Ich musste immer 30 Meter hinter ihm gehen. Kam ich zu nahe, raunzte er mich an, ich solle Abstand halten. Fiel ich zurück, bleib er stehen und sagte, ich solle schneller gehen. Im Kino waren wir die Einzigen, es war Nachmittag. Er sass hinten, ich weiter vorne. So wollte er es. An den Stellen, an dem mir das Blut in den Adern gefror, hat er laut gelacht. Dann hat er angefangen, Gespenster zu sehen, in der Wohnung, in meiner schönen Wohnung.

Er wollte nur noch im Treppenhaus schlafen. Steintreppe, wo die Leute rauf und runter gehen. Das war ihm egal. Er hat Messer gesammelt – gesammelt? Naja, beim Loeb (Kaufhaus) geklaut. Jeden Morgen hab’ ich grössere und schärfere Messer in seinem Bett gefunden, dann Dolche, einen Morgenstern, eine Schreckschusspistole. Er habe Angst, hat er gesagt, sie verfolgen ihn, hat er gesagt, und er müsse sich doch wehren.“

„Aber du hast Dir doch Hilfe geholt? Du bist doch sicher wohin?“

„Ja, sicher. Zu x Psychologen, Psychiatern, Beratungsstellen, sie kannten mich schon alle. Er hat sich dann immer so wunderbar brav, so angepasst, so reizend im Kontakt aufgeführt, und leise entschuldigend gesagt, ‚Wissen Sie, die Mama ist ein wenig dünnhäutig, sie sieht manchmal Gespenster. Sie ist eben zu sehr besorgt‘. Und der Arzt nickt verständnisvoll, und draussen sind wir. Dann musste ich eben zu einem Trick greifen. Ich hab’ alles aufgeschrieben, auf Karteikarten, was sich bei uns so abspielt, und die hab’ ich beim nächsten Mal dem Psychiater über den Tresen geschoben. Ich war dann sehr gespannt auf die Reaktion.

Ja, der Psychiater wolle ihn behandeln. Ja, der Psychiater hatte sogar Humor. Er hat den Sohn gebeten, doch mal eine von diesen angeblichen Waffen mitzubringen. Der Anruf kam umgehend:  ‚Ich breche sofort die Behandlung ab! Ihr Sohn hatte eine riesige Sporttasche mit Messern, Pistolen, Totschlägern und und und… mit.  Hüten Sie sich, Sie sind in grösster Gefahr!‘ Und auf mein Gemurmel, ‚ach nee, ich hab da keine Angst‘, fuhr er fort: ‚Wissen Sie, ich habe schon so manche Mutter in ihrem Blute liegen sehen!‘ Ich hab’ lachen müssen damals. Obwohl’s ja eigentlich nicht zum Lachen war. Jedenfalls – wieder nix.

Wir haben noch einen Termin auf der EB. Ich mache den selben Trick mit den Karteikarten. Diesmal wirkt es: Und der Schock darüber sitzt   m i r   noch Jahre in den Knochen: ‚Also, gute  Frau‘, sagt der Berater, ’sehen Sie denn nicht, dass Ihr Sohn voll psychotisch ist? Sie sind doch vom Fach.‘ ‚Nein, ich seh’s nicht, ich bin doch nur ne Mutter‘, stammle ich.

‚Ihr Sohn kann nicht mehr nach Hause zurück. Er wird nie mehr mit Ihnen leben können. Er muss in einer Institution betreut werden, anders geht’s nicht.‘

Und der Sohn bleibt dort, und ich geh’ heim, allein, in die leere Wohnung, in die plötzlich so stille Wohnung, nur der Computer ist noch an, sein Käppi liegt auf dem Boden, in der Eile hat er’s vergessen. Es ist mir vorgekommen wie ein Todesfall. Da war er 13. Jetzt ist er 40. Er ist nie wieder nach Hause gekommen zum Leben. Nur zu Besuch.“

„Und Deine Familie? Du hast doch `ne Riesenfamilie um dich. Was haben die gemacht?“

„Die hatten ihn doch lange nicht gesehen. Sie haben gesagt: ‚So ein süsser Junge. Und jetzt hast du ihn ins Heim abgeschoben.‘ Ich bin dann umgezogen. Damit er beim Besuch nicht im Treppenhaus schlafen muss, damit er sich in sein Bett traut.“

Sie kommt ins Reden, ruhelos, gehetzt, sie macht keine Pausen, es ist kein roter Faden mehr in dem Erzählten zu erkennen. Also sei sie angesteckt worden von der Verwirrung, infiziert.

„Er ist schon ein halbes Jahr in der Institution. Für psychotische Jugendliche. Schon dieser Begriff lässt mich immer noch erstarren.

Ich habe ein kleines Haus bezogen, es schön eingerichtet, sein Zimmer ist im oberen Stock, mit eigenem Duschbad. Ich komme vom Einkaufen, er hat offenbar Besuch, mein Sohn, Ich höre einige Jugendliche reden, debattieren. O, denke ich erfreut, er hat seine Kollegen eingeladen; aber die Dusche rauscht, man kann doch nicht duschen und sich zugleich mit seinen Freunden unterhalten? Ich gehe nach oben. Nur der Sohn ist da, er steht unter der Dusche, und er ist in eine laute Unterhaltung mit seinen unsichtbaren Freunden vertieft, und jeder der Freunde hat eine andere Stimme, sie sind gut zu unterscheiden, sie reden alle durcheinander, fallen sich gegenseitig ins Wort.

Ich gehe wieder runter an meinen Schreibtisch. Der gibt mir Sicherheit. Kurz darauf kommt der Sohn runter, wohlgemut, frisch geduscht. Auf meinem Schreibtisch sieht er die ausgeschnittenen Fotos von Falcone und Borsellino, den zwei Mafia-Jägern, die man gerade umgebracht hat (1992). Er wirft einen Blick darauf und sagt: ‚Die jedenfalls wussten, wofür sie lebten. Die jedenfalls haben ihren Sinn im Leben gefunden und erfüllt. Ihr Leben war nicht umsonst.'“

Ganz langsam und sehr sorgfältig räumt sie die Briefe vom Boden weg.

Ich atme erleichtert auf. Die Briefe sind wieder im Leitz-Ordner, jeder einzelne in einem Klarsichtmäppchen, es sind keine Schreie, keine Klagen und Anklagen mehr zu hören.

„Hast du denn irgendwann mal mit ihm reden können? Er hatte doch immer wieder auch helle Momente“. (Hoffentlich ist sie jetzt nicht sauer, die Freundin. Wie sich das anhört…)

„Ja, natürlich, immer wieder. Manchmal ging’s, manchmal hat er die Unterhaltung sofort abgebrochen.

Einmal hat er mir erklärt, wie das mit dem Verrücktwerden geht: ‚Weisst du, ich hab so oft was nicht kapiert, was nicht gekonnt, was alle anderen Kinder neben mir konnten. Oft hab’ ich mich geschämt dafür. Wenn’s ganz schlimm geworden ist, nicht mehr zum Aushalten, hab’ ich mich rübergebeamt.‘ ‚Rüber?‘ ‚Naja, rüber so in eine andere Welt. Da – ich hab’s doch mal aufgeschrieben. Aber ich bin immer wieder zurück. Wenn’s dann wieder schön war, in der Schule, beim Spielen, im Garten, da war ich wieder hier, wie alle anderen. Aber irgendwann, als ich mich wieder mal rübergebeamt hatte, da kam ich nicht mehr zurück. Und so ist es jetzt. Ich kann das nicht mehr steuern, hier und dann nach drüben. Ich kann nicht mehr zurück, wenn ich das will. Jetzt ist es halt so‘, hat er gesagt und hilflos mit den Schultern gezuckt.“

Ich mache noch einen Versuch. Den Versuch, die am Boden kauernde Freundin wieder rauszuholen aus ihrem Elend, aus ihrer traurigen Versunkenheit.

„Aber die Leute mit schwierigen Angehörigen, die sagen doch immer: Ich hab’ viel gelernt und so… gibt’s bei Dir auch so was?“

Sie schaut mich an, nachsichtig, das hat sie wohl schon zu oft gehört. „Du meinst, so Redensarten von reich beschenkt, du kriegst ganz viel zurück und so?“

Ich nicke, dankbar. Sie ist mir nicht böse.

„Nein, Du machst es, weil Du es musst. Weil du gar keine Wahl hast. Du machst es einfach. Und es geht am besten, wenn du gar nicht mehr darüber nachdenkst. Warum, und wieso, wieso ich. Du machst es. Basta.“

Ich kann das nicht glauben. Da muss es doch etwas geben. Das kann nicht alles sein? Offenbar habe ich sie so flehend angeschaut, dass sie aufsteht, und aus einem anderen Ordner – weit weniger dick als der Leitz mit den Briefen – ein paar Zeichnungen und ein Blatt Papier rausholt.

„Hier, die Zeichnungen:“

„Die sind schön!“

„Ja, oder dann, wenn sich mein Sohn tiefe Löcher in die Haut gebohrt hatte, oder sich die Füsse bis auf die Knochen wundgeschabt hatte – die Löcher und Wunden sind alle ohne Narben verheilt. Oder wenn er weggerannt ist, keiner hat ihn gefunden, auch die Polizei nicht, aber ich, ich hab’ ihn immer wieder gefunden – oder er hat sich von mir finden lassen – manchmal halt erst nach zwei Tagen.

Und manchmal ging auch was überraschend gut: So wie die Fahrt damals, als wir nach Frankreich gefahren sind:

Rastplatz rechts rein. Der Rastplatz liegt zurückversetzt. Weg von der Autobahn. Man hört nichts mehr von den Autos. Wir sind allein auf dem Platz, es ist Mittag, die Hitze flimmert. Wir können uns den schönsten Steintisch aussuchen. Nichts und niemand wird uns stören, keiner wird Tibet jetzt Angst machen. Wir packen unsere Schätze aus: Die Kartoffel aus den Leinensäckchen, sie sind noch warm vom Vorabend, die Eier, das Minisalz, den Minipfeffer, die üppig bestrichenen Brote, den Nescafé, die Löffelchen, die Milch, den Zucker. Hilfe – keine Tassen! Wir haben die Tassen für den ersehnten Kaffee vergessen. Löst das jetzt die Krise aus? Ich halte den Atem an.

Überhaupt nicht. Mein Sohn zeigt auf die gläsernen Jogurtbehälter: „Erst müssen wir die Jogurts essen, dann die Gläser schön sauber ausputzen, dann darin den Kaffee anrühren.“ Mit Löffel und Fingern kratzen wir die letzten Jogurtreste aus den Gläsern, dann kann der Nescafé angerührt werden. Mein Sohn raucht genüsslich. Ein paar Worte gehen hin und her, belanglose, freundliche Worte. Die Zeit steht still in dieser Mittagshitze. Mit wem sonst könnte ich so selbstvergessen hier sitzen? In diesem Augenblick, allein auf dem ganzen Platz, in der Stille, in der Hitze, kann ich nur   e i n e n   Satz denken: Das hier ist Glück. Nichts mehr, nichts weniger. Glück.“

Sie schaut mich herausfordernd an, die Freundin.

„Na ja“, sage ich, „Dein Glück ist ziemlich relativ“.

Sie lächelt mich überraschend freundlich an. Etwas verschämt? Oder irre ich mich?

„Vielleicht wird man bescheiden mit seinen Ansprüchen an das grosse Glück. Vielleicht reicht’s schon, wenn’s mal kein Desaster gibt. Komm, wir trinken was.“

Wir sollten nie über etwas anderes als genau darüber schreiben: Über Trauer, Verlust, Sehnsucht, Schutzlosigkeit und das, was zuweilen zwischen zwei Menschen entsteht, unsichtbar, aber stärker als Weltmächte, stärker als Religionen, und so schön wie der Himmel; über Tränen, die durchsichtige Fische sind, über Worte, die wir Gott zuwispern oder jemandem, der uns sehr wichtig ist…. frei nach Jon Kalman Stefansson

 

 

 

 

 

 

 

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