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Der Berg dampft. Gedanken zum Wintersport und den Fotografien von K.T. Blumberg: Relax, if you can.

 Der Berg dampft

Schräg rechts im Bild trifft das Auge auf eine verspiegelte Wand. Dort sehen wir Menschen, die von einer Aussichtsplattform einen Blick auf die unter ihnen liegenden Bergkuppen werfen. Die Hänge sehen mitgenommen aus. Die Bergrücken zeigen Straßen, eine Berghütte, ermattete Pisten, viel erschöpftes Grün. Und Reste von Schnee. Aus den Bergen steigt Dampf auf, als ob sie ihr Mütchen kühlen müssten, als ob in ihrem Inneren etwas, vielleicht Empörung, Hitze entwickelte. Als ließen sie jetzt schnell noch mal Dampf ab, bevor der nächste Alpenansturm ausbricht.
Links neben der Spiegelscheibe regiert ein trister Himmel.

Relax. If you can

Dieses Foto der Serie Relax. If you can ist typisch, und es ist zentral für K.T. Blumbergs Arbeiten: Ihr skeptischer Blick verfremdet den Blick in den Spiegel, wirft das Abgebildete als Sinnbild zum Betrachter, wo der Reflex auf das Idyllenherz trifft.  Und dieses blutet. Unsere Wahrnehmung von Urlaub, von Natur, von Erholung verändert sich, wenn wir genau hinschauen. Aber nur dann.
Nein, K.T. Blumberg zeigt keine Fotos von glücklichen Touristen auf dem Gipfel. Sie diskutiert auch keine Klimaveränderung.
„Oben stehen Leute und wissen nicht genau, was sie da wollen“, konstatierte Kurt Tucholsky schon im Jahre 1926, nachdem er mit der Zugspitzbahn den höchsten Berg Deutschlands erklommen hatte. K.T. Blumberg zeigt Illustrationen dieses Tucholsky’schen Diktums, das vorausschauend jenen Fun-Faktor prognostizierte, der aktuell die armen Alpen zum Spaßpark degradiert und den Touristen befiehlt, allzeit grinsend die Zähne zu zeigen. Die Ratlosigkeit der Bergtouristen ist in unablässige Rastlosigkeit umgeschlagen.

Sehen, wohin die Welt sich entwickelt

Es ist dennoch ein auch ein humorvoller Blick, den K.T. Blumberg auf ihre Motive wirft. Ihr künstlerisches Interesse speist sich aus forschender Neugier. Sie möchte „sehen“, wohin sich die Welt entwickelt, und lässt sich daher auf das mehr als merkwürdige Treiben ein, das sich in hoch gelegenen Ferienregionen bietet. Und da die Künstlerin im Nebenberuf Soziologin ist, geht sie systematisch und beobachtend vor.
Den Titel Relax. If you can hat sie sich geborgt, es ist der Werbeslogan von Ischgl in Tirol. Dass Ischgl ruft, und sogar K.T. Blumberg kommt, zeigt, dass der Slogan was kann. Unterschwellig beben wir vor der Unerbittlichkeit des Versprechens, es könne immer was los sein. Aber genau das macht uns auch an. Wer den Burnout sucht, kann ihn in Ischgl finden.

Relax. If you can warnt der Slogan als Titel dieser Fotoserie, weil die Betrachter erschrecken angesichts des Gezeigten, nicht zur Ruhe kommen wegen des Zustands der Welt.

Die Fotos sind Erzählungen

Die Fotos sind Erzählungen, ihre Helden heißen Perspektive, Komposition, Rhythmus und Brennweite. Mal blickt K.T. Blumberg durch ihre Spiegelreflexkamera schräg nach oben, mal kombiniert sie Elemente, die durch ihre Zusammenstellung doppelt überraschen. Zunächst vermutet man Montage, gewollte Kombination, doch handelt es sich um Komposition, um den exakten Ausschnitt und den richtigen Moment. K.T. Blumberg verfügt über Eigenschaften, die den Nutzern der Alpenbespaßung offenbar abgehen: Mit Geduld wartet sie auf den glücklichen Moment, den Kairos, in dem die Elemente passen; und ihre Intuition bringt sie an den richtigen Ort. Ihre Reisen in die Berge hat sie zur Essenz stilisiert und zu uns herunter gebracht. Ins Tal. Hintersinnig, pastos und pastell, leise und grell zugleich. Ein sinniges Kalkül.

K.T. Blumberg packt Kulturgeschichte nicht als Staffage auf die Bilder drauf, diese steckt einfach in den Bildern drin.
Alle Fotos spielen auf der Klaviatur von Erschrecken und Beruhigung, von Erkennen und Selbstverweis, von Nähe und Ferne, von Witz und Zuspitzung.

Wir können die Fotos auch kulturhistorisch lesen: Der Urlaubswahn begann mit dem Blick auf eine scheinbar harmlose Idylle, als man Anfang des 20. Jahrhunderts den Erholungswert der Bergwelt suchte. Mittlerweile richten die Heiligenfiguren ihre Augen hilfesuchend gen Himmel,

fasst sich der Jägersmann an den Kopf, während der Paraglider den ultimativen Kick erlebt. Und Jesus klebt schwitzend am Kreuz, denn in seinem Rücken droh(n)en Gondeln.

Zarte Fotos, die an Impressionismus erinnern

Doch es gibt auch zarte Fotos, solche, die an den Impressionismus erinnern, wenn das Auge bereit ist, sich auf mehr Distanz einzustellen, die Brennweite weiter wird – dann erklingen die Farben pastell; die Skistöcke wirken in der Masse wie Noten auf einem Blatt. Hier labt sich der Blick an der Symphonie, jener Blick, der mit einer gewissen Milde auf das Treiben schaut und unerwartete ästhetische Momente genießt. So arbeitet K.T. Blumberg denn nicht nur mit einer Art Image-choc durch die vermeintlichen Trompe l’œuil-Fotos, sondern auch mit der angenehmen Besänftigung der Sinne. In dem Fall heißt es: Relax. Yes, we can.

Der Text ist die gedruckte Fassung der Eröffnungsrede im August 2015 in Potsdam

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Hanne Landbeck

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