Climatehelper.de
Schwester aus Amerika

Die Schwester aus Amerika – von Monika B.

Der Text ist im Speed-Writing-Kurs entstanden, und das sagt Monika B. darüber:

Ich habe den Speed Writing-Kurs gewählt, weil ich mich zum Schreiben bringen wollte, was mir neben meiner beruflichen Arbeit immer mal wieder entgleitet. In Sachen Kurzgeschichten stehe ich noch eher am Anfang. Ich fand die Gelegenheit reizvoll, in relativ kurzer Zeit und mit hoher Konzentration an einer Aufgabe bzw. Geschichte zu sitzen, direktes (und sehr hilfreiches) Feedback zu erhalten und sie dann noch einmal  überarbeiten zu müssen. Ich fand den Lerneffekt relativ hoch und würde wieder daran teilnehmen. Hat viel Spaß gemacht.

Die Schwester aus Amerika

Ellen blickte auf ihre Armbanduhr. United Airlines war vor einer halben Stunde gelandet, Alissa musste also jede Minute durch die Exit-Tür treten. Sie versuchte sich an ihre Schwester zu erinnern. Vor zehn Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen.

Alissa änderte ihre Haarfarbe alle paar Haare. Zuletzt hatte sie blonde lange Haare. Ellen dagegen beschloss, sich dem Schicksal der Ergrauung zu stellen und beendete die Färberei. Sie trug ihre langen Haare nun zu einem Knoten. Ob Alissa sie erkennen würde? Wieder glitt die große Tür zur Seite und drei Reisende traten heraus, mit noch unsicheren Schritten, als wären sie gerade von einem anderen Planeten gekommen. Die einzige sehr korpulente Frau darunter war zwanzig Jahre zu alt. Alessa war gerade vierzig geworden. Ellen schaute an sich herunter und fragte sich, wie Alessa sie finden würde mit ihrer blauen Stoffhose und weißen Bluse. Altmodisch, vermutete sie. Die jüngere Schwester war immer unkonventionell in der Wahl ihrer Kleidung gewesen.

Veränderung

Plötzlich fühlte sie zwei Arme, die sich um sie von hinten schlingen. Sie drehte sich erstaunt um: Vor ihr stand Alessa, braun gebrannt, in weißen Jeans mit einer roten Tunika, die schwarzen Haare kurz geschnitten. „Wo kommst du denn her?“ Alissa lächelte und wollte wissen, wo ihr Auto stand. Ellen erklärte ihr, dass sie kein Auto mehr besitze und sie jetzt mit der Bahn fahren müssten.

„Wie geht’s Tom und den Kindern“, fragte Ellen. „Oh, great. Tom hat gerade eine Beförderung erhalten und ist nun General Manager und Jonathan und Melissa haben beide gerade mit dem Studium in Harvard begonnen“. Alissa lehnte sich zurück. „Und du bist immer noch bei dem Kunstverlag?“ „Oh sure, ich habe jetzt die Lizenzvertretung für Deutschland bekommen.“ „Das ist ja wunderbar“, entgegnete Ellen und verschränkte beide Hände auf ihrem Schoß, „meine erfolgreiche Schwester aus L.A“. Ellen hatte Alissa vor zehn Jahren einmal besucht und war beeindruckt gewesen von der Größe des Hauses, des Swimmingpools, der Supermärkte, der Straßen, aber sie war heilfroh, wieder nachhause zu kommen. Sie liebte es, wenn die Verhältnisse überschaubar blieben. Dennoch erzählte sie gerne von ihrer kleinen Schwester und von deren Leben in Los Angeles, ganz in der Nähe der Superstars Hollywoods. Schade, dass damals der Vater nicht dabei war. Er konnte den Krebs nicht besiegen und starb vor zwei Jahren.

Die Wohnung

„Konstablerwache“, Ellen schreckte hoch, „wir müssen hier aussteigen. Zu meiner Wohnung sind es zehn Minuten.“

Ellens Wohnung lag in einem Altbau im vierten Stock. Während sie die Treppen hochstiegen, erklärte Ellen ihre Wohnsituation. „Ich wohne inzwischen in einer Zweizimmerwohnung und ich habe gedacht, ich gebe dir mein Schlafzimmer und ich schlafe auf der Wohnzimmercouch. Wenn ich morgens um sechs Uhr aufstehe, störe ich dich dann nicht. Ich denke, das ist praktisch für uns beide.“ Alissa war damit einverstanden.

„Fühl Dich ganz wie zuhause“, sagte Ellen. „Hast du einen Mixer für Smoothies“ fragte Alissa. „Smu was?“ „Smoothies, das ist ein Mixgetränk aus Obst und grünen Pflanzenanteilen, das besonders viele Mineralien enthalten soll. Kommt natürlich aus den USA und ganz Hollywood ernährt sich davon.“ „Ich habe eine Obstpresse, vielleicht kannst du sie dafür benutzen, ansonsten ernähre ich mich eher klassisch, wie du weißt, Fleischgerichte mit Kartoffeln.“ Morgen gehen wir zu Mutter, um mit ihr die letzten Einzelheiten für den Geburtstag durchzugehen.

***

Wiedersehen

„Hallo Schätzchen“, da seid Ihr ja beide. Marlene drückte Alissa an sich und klopfte Ellen auf den Rücken. „Wie war der Flug? Wie geht’s den Kindern?“ Ellen eilte in die Küche, um das Geschirr für die Kaffeetafel zu holen. Die Kaffeemaschine war fast durchgelaufen. Sie packte den Blechkuchen aus, den sie mitgebracht hatten.

Alissa stand immer im Mittelpunkt, ihr interessantes Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ihre unbefangene Fröhlichkeit und Leichtigkeit steckten an. Ellen dagegen war immer da, um Dinge zu regeln, Probleme zu lösen, hier und dort mit anzupacken. Obwohl sie seit zehn Jahren andere Pläne hegte und anfing zu sparen auf eine Auszeit. Sie wollte in die Welt hinaus, als Krankenschwester mit der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ nach Indien. Sie hatte keinen Mann und keine Kinder, die sie hielten aber eine Mutter, die rund um die Uhr in Beschlag nahm. Manchmal rief sie dreimal am Abend an, weil ihr immer noch etwas einfiel. Ellen hatte sich damit arrangiert. Sie schaffte es nicht, ihr entgegen zu treten.

 

„Also, Mama, die Einladungskarten sind verschickt, der Raum und das Essen im „Praunheimer Hof“ sind bestellt. Sie las die Gästeliste vor. Haben wir irgend jemanden vergessen?“ Marlene zögerte, „nein, das sind wohl alle. Es kann jedoch immer sein, dass jemand dann doch nicht kommt oder jemand unerwartet, nicht wahr?“ „Unerwartet?“, wunderte sich Ellen.

***

Die Feier

Samstag Abend im „Praunheimer Hof“: Die ersten Gäste liefen ein. Alissa und Marlene schüttelten Hände und lachten viel. Ellen hatte das letzte Tischkärtchen verteilt. Als alle Gäste Platz genommen hatten, stand Onkel Reinhold, Mutters kleiner Bruder, auf und erhob das Glas in Richtung Marlene, die neben ihm saß: „Lasst uns alle anstoßen auf meine liebe Schwester Marlene, wünschen wir ihr Gesundheit und viel Freude für die letzten Jahre. Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst. Alles Gute zum Siebzigsten und Prost.“ Die Gäste erhoben auch ihr Glas und applaudierten. „Mehr hat er nicht zu sagen, flüsterte Alissa in Ellens Ohr, „das war schon die Rede?“

Nach der Vorspeise, einer Ochsenschwanzsuppe, führte Ellen mit Hilfe des Diaprojektors durch die letzten zehn Jahre, wobei auch der Besuch in Los Angeles besonders hervorgehoben wurde. Man sah Fotos von Tom, Melissa und Jonathan und Alissa, mal mit Großmutter, mal nur die Kinder, mal nur Tom und Alissa, mal nur die beiden Schwestern in allen Konstellationen gegen den azurblauen Himmel, braungebrannt und lachend. Heiteres Raunen, erstauntes Rufen, Lachen begleiteten die Vorführung. Tante Änne wollte wissen, warum Tom und die Kinder heute nicht dabei waren. Alissa setzte zum Reden an, aber Marlene schnitt ihr das Wort ab. „Na, weil ein General Manager keine Zeit hat, für ein paar Tage nach Deutschland zu fliegen. Der Job geht vor, nicht wahr, Kleines?“ Sie strich Alissa, die rechts von ihr saß, über das Haar. Alissa antwortete nicht und schaute angestrengt auf ihren Teller. Ellen, die gegenüber von Marlene saß, runzelte die Stirn.

Überraschung

Plötzlich öffnete sich die Tür und ein älterer Herr trat ein, er trug entsprechend der sommerlichen Jahreszeit weiße Hosen, ein blaues zweireihiges Jackett, darunter ein weißes Hemd. Sein Alter war aufgrund seines noch vollen Schopfes schwer zu schätzen. Marlene ging ihm entgegen, strahlte über das ganze Gesicht und umarmte ihn herzlich.

Es herrschte Stille im Raum, die Gäste blickten erwartungsvoll auf die beiden. Marlene eröffnete das Wort: „ Meine lieben Kinder, liebe Familienangehörige und Freunde. Ich möchte heute die Verlobung mit Sir John Johnson bekannt geben. Es freut mich von Herzen, dass Ihr meinen Geburtstag mit mir feiern wollt. Leider müssen wir jetzt aufbrechen, weil unser Flug in drei Stunden nach Los Angeles geht, wo wir unseren Lebensabend verbringen werden. Unser Häuschen habt Ihr ja schon bei der Diashow kennen gelernt. Ihr seid jederzeit bei uns willkommen. Meldet Euch, schreibt eine Mail oder schickt eine App. See you soon.“ Beide teilen noch ein royales Winkehändchen aus und verließen den Raum.

 

Reaktionen

Wie vom Donner gerührt saßen die Gäste für einen Moment, bevor ein heilloses Geschnatter ausbrach. „Das sieht der Madam ähnlich“, entrüstete sich Bärbel, Marlenes Cousine, „sie hat schon immer ihr eigenes Ding gemacht“. Plötzlich schauten alle in die Richtung, aus der ein Schluchzen kam. Alissa war in Tränen aufgelöst. So hatte Ellen ihre Schwester noch nie gesehen. Sie ging zu ihr und legte ihr die Hände auf die Schultern. Alissa beugte sich nach vorn und stand auf. Ein Ruck ging durch ihren Körper. „Ich möchte euch etwas beichten“. Jetzt konnte man im Raum eine Nadel fallen hören. „Das, was Ihr auf den Dias gesehen habt, ist alles erschwindelt.“ Raunen im Raum. „Ich habe in L.A. nie wirklich gelebt. Nur für diesen Sommer, als Ihr uns besucht habt. Tom ist Elektriker und wir leben mit den Kindern im Vogelsberg.“ „Jetzt wird mir so einiges klar“, rief Ellen, „ warum Tom und die Kinder damals fließend Deutsch sprachen. Habe mich eh gewundert, warum sie den hessischen Dialekt konnten. Und dann die vielen Mails und vermeintlichen Bilder aus den USA“. „Ja und warum das ganze Theater?“, empörte sich Onkel Reinhold.

Halb oder ganz?

„Weil Mutter die Liaison zu John, der mein leiblicher Vater ist und ihre große Liebe war, schon seit zweiundvierzig Jahren hat und eine Adresse und einen Grund brauchte, um ihn regelmäßig besuchen zu können. Sie war ja schließlich hier verheiratet Das Haus, das Ihr gesehen habt, gehört ihr.“ Alissa setzte sich und sah erschöpft aus. Das Gemurmel im Raum wurde sehr laut, manche lachten hysterisch und andere schimpften, die meisten schüttelten immer wieder ihren Kopf.

Ellen fühlte eine Mischung aus Zorn und Frustration. Das Kartenhaus Familie war kollabiert. Aber da war auch noch ein anderes Gefühl: Erleichterung, große Erleichterung. Jetzt konnte sie ihr Leben in die Hand nehmen und endlich das tun, was sie sich schon lange ersehnt hatte. Und zwar jetzt.

Sie stand auf, strich ihren Kostümrock glatt, ließ ihr volles, welliges Haar herunter, und verließ mit einem Lächeln in den Mundwinkeln das Geburtstagsfest. Sie ging, ohne sich zu verabschieden.

Die später folgenden Mails und Fotos aus Mali an ihre Schwester waren echt.

 

 

Photo by Daiga Ellaby on Unsplash

 

Merken

Merken

Merken


Hanne Landbeck

Bei uns lernen Sie schreiben. Ob in Online- oder Präsenzkursen, schreibwerk berlin bietet Ihnen die Begleitung für Ihr Schreibprojekt, die Sie benötigen.

Hallo, hier können Sie einen Kommentar verfassen. Wir würden uns darüber freuen.