Weihnachten

Überraschung an Weihnachten – Ein Märchen von Ursula Cole

Ursula Coles „Überraschung an Weihnachten“ ist einfach so entstanden. Ursula hat am Corona-Tagebuch teilgenommen und schreibt seither mehr. Sie lebt auf Kreta, kommt aus der Schweiz und hat lange Zeit in England verbracht.

Überraschung an Weihnachten – Ein Märchen   

Es ist der 24. Dezember, Weihnachten. Ich bin mit meiner ständigen Begleiterin, meiner Hündin Athene, alleine zuhause. Vor vielen Jahren habe ich das Thema ‘Weihnachten’ zur Seite gelegt, mich sozusagen von Weihnachten verabschiedet. Ich will nichts mehr damit zu tun haben, denn der ganze Kommerz geht mir unglaublich auf den Wecker. Zudem glaube ich schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann oder an das Christkind. Trotzdem befällt mich jetzt ein immenses Verlassenheitsgefühl, denn alle anderen, die ich kenne, sind mit fieberhaftem Vorbereiten für den Weihnachtsabend beschäftigt. Ich schaue dem Treiben mit einer gewissen Herablassung zu und verweigere weiter die Teilnahme.

Weihnachtsbäume werden geschmückt, die letzten Pakete eingepackt und diejenigen, die sehr spät dran sind, hechten in panischer Unruhe in die Stadt, um die letzten Geschenke zu ergattern. Ich wende mich angeekelt ab, als ich am späteren Nachmittag mit Athene spazieren gehe und in die bereits hell erleuchteten Wohnzimmer anderer Menschen schaue. Trotzdem schleicht sich jetzt unauffällig Neid auf leisen Sohlen in Richtung meines Bewusstseins und nun bin ich plötzlich schlecht gelaunt. Ich schreie Athene an, die an der Leine zieht, weil sie etwas Interessantes zu riechen scheint. Ihr ist Weihnachten egal, so denke ich weiter und finde nun die Menschen, die Weihnachten zelebrieren erst recht bescheuert. Athene interessiert sich vor allem für Gerüche. Ich beneide sie um ihre kleine, wahrscheinlich unkomplizierte Welt (wenigstens male ich mir dies so aus), in der sie sich nur Sorgen zu machen scheint, wann die nächste Mahlzeit auf ihrem Teller landen wird.

Ich bin zwiegespalten: Einerseits will ich nichts mehr von Weihnachten hören, lesen oder sehen, andererseits beneide ich alle, die jetzt vereint den Abend und die nächsten Tage vorbereiten.

Ich gucke im Weitergehen abermals in Fenster hell erleuchteter Häuser und sehe glückliche, rote Kindergesichter. Die in ein Zimmer verfrachteten Kinder hüpfen vollen aufgeregten Eifers auf Betten herum, wild durcheinander schreiend und lachend, denn sie hoffen auf viele Geschenke (möge das Christkind all ihre seinerzeit gesandten Wünsche erfüllen, so denken sie). Dass sie in ein Zimmer gesperrt wurden, kümmert sie nicht, denn dies lässt die Spannung noch mehr ansteigen. Verächtlich denke ich, ‘die Kinder sollen wohl nicht merken, dass nicht das Christkind es ist, welches den Baum schmückt und die Geschenke einpackt und unter denselben legt’. Angewidert wende ich mich ab und beschließe, im Marschschritt weiterzugehen, weg von all dem, was ich ‘Kommerz’ nenne. Dabei ignoriere ich die kleinen Stiche in meiner Brust.

Ich spüre jetzt aber, dass ich irgendetwas unternehmen muss, dass ich nicht einfach in mein Haus zurückkehren kann, um etwas Gutes zu kochen und um einen Wein zu öffnen – alleine an Weihnachten – Mist! Ich fühle mich nun doch sehr einsam. Da allgemein bekannt ist, was ich über Weihnachten denke, werde ich auch nicht mehr eingeladen.

Oben liegt Schnee, viel Schnee, es gibt tannenartige Bäume, wilde, kleine, knorrig struwwelige und vom Wetter zerzauste Bäume, die jedem Wetter trotzen und jeden noch so starken Sturm überleben. Plötzlich weiß ich es: da will ich hin! Wenn schon einsam, dann aber richtig.

Es ist beinahe Vollmond. Hell leuchtet er mir den Weg und ich werde nicht einmal eine Taschenlampe benötigen. Die Straßen wurden schneegeräumt, sodass ich es wage, mit meinem Kleinwagen auf den Berg zu fahren.

Dort oben im Schnee, im hellen Weiß, wo dunkle, knorrige Baumwipfel sich im Wind wiegen und wo man nur noch die Köpfchen der Zaunpfosten sehen kann, ist es ganz still, nein nicht ganz still, denn als ich oben ankomme, rauscht der Wind sanft den Bergen entlang, streichelt die Blätter und Tannenzweige, die wiederum gefällig ihre Arme leicht schwenken. Die Blätter und die Tannenäste antworten dieser Liebkosung mit ihrem eigenen Lied: ein feines Rascheln, ein leichtes silbernes Klingen ertönt. Ich bleibe fasziniert stehen. Ich hadere nicht mehr.

Meine Hündin Athene scheint ebenfalls ganz eingenommen von der Stimmung hier oben. Sie steht unbeweglich wie eine Statue, ihre Rute hoch aufgestellt, da. Sie starrt und horcht ins mittlerweile Einzug haltende Dunkel. Mit spitzen Ohren lauscht sie angestrengt in die Ferne. Was sie wohl hört? Muss ich beunruhigt sein? Ich selber kann nur die Geräusche, die uns die Natur hier oben beschert, das Rauschen der Äste, das Singen der Blätter, wahrnehmen und finde es zauberhaft. Der Mond lächelt mir silbern zu, Sterne funkeln am Himmelszelt, ein tanzendes Lichtermeer. Obwohl es in dieser klaren Nacht nun kälter wird, fühlt es sich trotzdem irgendwie mild an, es ist, als ob eine riesengroße Decke uns sanft zudeckt, uns beschützt.

Ich bin jetzt ganz ruhig geworden und zufrieden obendrauf, die schlechte Stimmung ist vollends verschwunden.

Ich rege mich, denn es kommt mir in den Sinn, dass ich im Auto eine Decke habe, die Kälte abwehren kann. Ich breite sie im Schnee aus und setze mich mit angezogenen, gekreuzten Beinen darauf. Athene erwacht aus ihrer Starre und tollt im Schnee herum. Sie prescht den Hügel hinauf und hinunter, scheint glücklich in ihrer uneingeschränkten Freiheit. Ich packe meine mitgebrachten Sandwiches und die Thermosflasche mit dem köstlichen Glühwein aus. Sogar einen gläsernen Trinkbecher habe ich mitgebracht. Nach meiner Meinung kann man Wein – und sei es Glühwein – nicht aus Plastik- oder Pappbechern trinken. Athene fliegt den eben erst erklommenen Hügel hinunter, sie rennt mit Höchstgeschwindigkeit auf mich zu, dem verheißungsvollen Duft entgegen, den die Sandwiches ausströmen. Wir beide sitzen nun friedlich mampfend nebeneinander.

Während ich so dasitze und esse, bleibt meine Hündin, die eben noch Essen von mir gefordert hat, abermals wie angewurzelt stehen, setzt sich dann kerzengerade hin und spitzt die Ohren. Sie starrt in die Nacht, in die Richtung, in die sie vorher schon angespannt geschaut hatte.

Nun bin ich doch etwas beunruhigt. Was dort wohl sein mag? Ein wildes Tier, ein Mensch, der ebenfalls die Einsamkeit gesucht hat? Ich kann nichts erkennen und bereue, keine Taschenlampe mitgebracht zu haben. Mein Mobiltelefon ist zuhause geblieben, ich kann also nicht einmal Hilfe herbeirufen. Schleichend krabbelt Ängstlichkeit in mir hoch, macht sich zunehmend breiter, fordert ihren Platz.

Ich versuche mich zu beruhigen, aber meine Phantasie geht nun mit mir durch, und ich sehe im Geiste fürchterliche Bilder: wilde Tiere galoppieren auf mich zu, sie wollen mich zerfleischen. Dann wieder sehe ich eine Horde böswilliger Menschen, die mir an den Kragen wollen. Ich fürchte mich jetzt richtig.

Athene steht jetzt auf und horcht hoch erhobenen Hauptes wieder angestrengt ins Dunkel. Ihr ganzer Körper ist angespannt, ein einziges Muskelpaket – sie strahlt Höchstspannung aus. Sie bellt aber nicht, sie steht erwartungsvoll da, ohne auch nur den kleinsten Laut von sich zu geben. Das scheint mir alles sehr geheimnisvoll. Bellt sie nicht, so fürchtet sie sich nicht, so denke ich weiter und beruhige mich selber wieder. Wenn sie sich nicht fürchtet, kann es nichts Schlimmes sein, was sich dort im Dunkel versteckt hält, wenn es überhaupt etwas ist – vielleicht ein Hase.

Sanft wiegen sich die Äste kleiner knorriger Nadelbäume. Es ist, als ob auch sie ihre Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt im Dunkel richten.

Jäh wird es ganz still. Der Wind hat sich zur Ruhe gelegt, streicht nicht mehr durch Blätter und Äste. Sie ihrerseits haben aufgehört, sich zu wiegen. Ich habe mich inzwischen etwas gefasst, schaue aber weiterhin angestrengt ins Dunkel. Da muss etwas sein!

Ebenso plötzlich, wie es still geworden ist, ertönt jetzt ein wundersamer, heller, glockenreiner, leiser Klang – etwas unbeschreiblich Lichtes, Schönes scheint sich auf uns zuzubewegen. Ich bin wie gelähmt und ebenso geht es Athene. Anfangs sehe ich nur dieses zarte, feine Lichtlein und dahinter erscheint etwas Größeres, Durchsichtiges, Helles. Das zart flackernde Licht entpuppt sich als eine immense Kerze, die mit ruhiger Flamme Frieden und Zuversicht verbreitet. Aber wie kann das sein hier draußen? Hinter der brennenden Kerze erscheint nun eine feenhafte Gestalt, welche dieses Licht vor sich herträgt. Das geheimnisvolle Wesen ist nur noch wenige Meter von uns entfernt. Es ist weiß gekleidet, scheint leicht über dem Boden schwebend zu gehen, wenigstens kommt es mir so vor, denn es berührt kaum den Boden, so federleicht sind seine Bewegungen. Es bewegt sich weiter leise singend auf uns zu! Ich sitze immer noch wie erstarrt auf meiner Decke und schaue dieser Gestalt mit größter Verwunderung entgegen! Bei uns angekommen sehe ich, dass die weiße Kleidung trotz des Schnees und der Kälte von leichter, schleierhafter Qualität ist. Das Tuch, welches die liebliche Gestalt umgibt, wird mit einem goldenen Gürtel zusammengehalten. Immer noch singend und die Kerze in der Hand haltend setzt sie sich lächelnd zu uns auf die Decke, als wäre es die natürlichste Sache der Welt!

Athene, die keinen Laut von sich gibt, hat sich wieder hingesetzt und starrt die Gestalt verwundert an. Ich fasse Mut und schaue nun auch genauer hin: Das zarte Wesen scheint weiblich zu sein, es ist von wunderschöner, zarter Gestalt und scheint nicht zu frieren! Meine Hündin bewegt sich nicht, aber ihr Gesicht ist dieser Frau im weißen Gewand zugewandt, die ihrerseits immer noch die brennende Kerze in ihrer sehr feinen Hand hält. Sie schaut uns beide an und hört nun auf zu singen. Sie lächelt übers ganze Gesicht. Ich bringe keinen Ton heraus, so verblüfft bin ich! Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich ein ähnliches Wesen zu Gesicht bekommen.

Die Frau steckt die Kerze in den Schnee und fängt überraschend an zu sprechen.

„So, so“, sagt sie mit einem breiten, leicht belustigten Lächeln, „ihr seid also vor Weihnachten geflohen?“ Ich bin immer noch sprachlos, nehme aber meinen ganzen Mut zusammen und frage: „Wer bist du und was machst du hier in diesen leichten Kleidern in der Dunkelheit?“ „Nun gut“, meint sie, „schon lange hatte ich vor, dir zu zeigen, dass Weihnachten und das Christkind existieren und ich habe heute beschlossen, dass ich trotz der vielen Arbeit zu dir hochkomme, um dir fröhliche Weihnachten zu wünschen. Ich bin das Christkind und zeige mich den Menschen sehr selten von Angesicht zu Angesicht. Dich lasse ich von meiner Existenz wissen, weil es für dich sehr wichtig ist, dass du wieder an etwas glaubst. Du hast dich in der weltlichen Normalität verloren, aber deine Seele schreit nach etwas anderem. Da ich bei dir ein offenes Türchen wahrgenommen habe, sehe ich es als meine Aufgabe, dir ein Zeichen zu geben. Und so stehe ich heute hier vor dir und wünsche dir fröhliche Weihnachten. Steige nun hinunter ins Tal und gehe zu den Menschen, die du liebst und die dich wiederlieben, denn du bist in der glücklichen Lage, dass diese existieren.“

Sie schaut in mein verblüfftes Gesicht (ich zweifle immer noch ein wenig an ihrer Existenz, obwohl sie hier vor mir sitzt), verweilt dann einen Moment, lächelt dann verstehend und sagt: „Du zweifelst wohl immer noch an meiner Existenz? Anders verhält es sich mit den Tieren. Sieh bloß, wie deine Hündin ruhig ist, sie weiß, dass ich existiere und sie weiß, dass nichts Böses von mir zu erwarten ist. Sie spürt es!

Fasse mich an oder versuche es wenigstens. Es wird dir nicht gelingen. Ich bin ein ätherisches Wesen und niemand auf dieser Welt kann mich fassen oder festhalten. Dafür wurde gesorgt. Ich könnte sonst meiner großen Aufgabe nicht gerecht werden. Du wirst nach Hause gehen und du wirst neue Einsichten gewinnen, aber es braucht Zeit. Später, wenn Menschen dir erklären, dass Weihnachten nur ein Geschäft ist und es mitnichten so etwas wie ein Christkind gibt, wirst du sie nur anlächeln, denn du bist jetzt Trägerin eines Geheimnisses.“

Ich zögere einen Moment und greife mit meiner Hand nach ihr. Da ist nichts! Kein Körper! Und doch sitzt sie da, die Kerze immer noch in der Hand. Sie lächelt und dann ist sie plötzlich weg – eine leichte Gestalt, die zwischen den Bäumen in der Dunkelheit verschwunden ist, leise singend.

Ich stehe auf, packe die Sachen zusammen und weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ist das wirklich alles geschehen? Meine Hündin ist ganz ruhig, ganz friedlich, nicht dieses zappelige, quirlige Wesen, welches sie oft ist.

Wir fahren ins Tal hinunter nach Hause – Frieden hat sich in meinem Innern ausgebreitet und irgendwie empfinde ich ein großes Glück – ein sprachloses, nicht greifbares eben…

 

Foto Jonathan Knepper, Unsplash

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