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Eisblau

Eisblau – eine Short Short Story von Susanne G.

Die Short Short Story (also ganz kurze Kurzgeschichte) entstand im Speed-Writing-Kurs.

Eisblau

Der Himmel war verhangen, der Tag dunstig. Als sich hinter Vitali die Tore der Anstalt schlossen, hatte er sie schon innerlich abgehakt.

Nur dieser spezielle Geruch nach verkochtem Essen, Anstaltsputzmittel und unendlicher Langeweile hing noch in seinen Klamotten. Doch das spielte keine Rolle.  Eine reine Äußerlichkeit. Genauso wie die zwei Bankangestellten, die sich superschlau vorgekommen waren und ihn hatten austricksen wollen. Sie hatten seine Wachsamkeit unterschätzt und waren nicht mehr dazu gekommen, einen Notruf abzusetzen. Sie waren jetzt Geschichte und interessierten ihn nicht mehr.

Die Mutter

Das einzige, was ihm ungewollt  in den Sinn kam, war seine Mutter. Sie bedeutete ihm mehr, als er zugeben wollte. Ihre Briefe waren immer kürzer und fahriger geworden. Sie schrieb auch nur selten, denn ihre Schübe kamen immer öfter und hielten länger an. Sie wohnte fernab der Stadt in der Einsamkeit, wohin sie sich verkrochen hatte, nachdem der Alte sich davon gemacht hatte. Angeblich weil er Heimweh hatte.

Sie schrieb über irrwitzige Dinge. Darüber, wie sie mit ihrem Hausarzt ein Picknick unter den Weiden am Fluss gemacht hätte. Wie sie sich auf der Picknickdecke an Dr. Lind geschmiegt hätte und sie die Sonne auf der Wiese sah. Reine Einbildung natürlich. Der Landarzt hatte anderes zu tun, als mit einer dementen Krebskranken Gänseblümchen zu betrachten. Wenn er sich überhaupt für jemanden interessierte, war es seine Tochter Jenny, die als Psychologin im Strafvollzug arbeitete. Und dann waren Mutters Briefe ganz ausgeblieben.

Es half nichts, er musste zu ihr.

Die Reise

Er fuhr mit dem Überlandbus durch die Stadt. Der Bus leerte sich immer mehr, bis er der einzige Passagier war, der an der Endhaltestelle ausstieg. Von der Haltestelle aus marschierte er zum Ortsende in Richtung Wald. Nach weiteren zehn Minuten sah er das verfallene Fachwerkhäuschen, in dem er aufgewachsen war.

Die Abendsonne schien auf den verwilderten Vorgarten. Geräusche von irgendeiner Soap schallten ihm entgegen. Zögernd betrat er das alte Haus: Innen herrschte Chaos. Überall Essensreste, Zeitungsberge, Plastikverpackungen, Alufitzelchen. Als er sich dem Sofa in dem abgedunkelten Raum näherte und der Geruch von Urin und Verwahrlosung immer stärker wurde, packte ihn ihre Hand und hielt ihn fest. „Bring mir die Tabletten. Du hast es mir versprochen, Vitali.“

Die Entscheidung

Da wurde ihm eiskalt und er sah in ihr zornig forderndes Gesicht. Der Schleier war aus ihren Augen verschwunden, sie blickten klar und eisig blau. Wie die seinen. „Du hast geschworen, mir zu helfen, als dein Vater sich aus dem Staub gemacht hat. Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus! Nun geh endlich und bring sie mir heute noch.“ Sie entließ ihn aus ihrem Klammergriff und er verschwand.

Als er das Haus des Arztes beobachtete, deutete lediglich ein verbeulter Volvo darauf hin, dass hinter den Rollos jemand zu Hause war. Nicht jedoch Dr. Lind, der nobleren Marken bevorzugte. Er wollte klingeln und um die Hilfe des Arztes bitten. Auf sein wiederholtes Klingeln öffnete jedoch keiner. Da schlich er sich auf die Rückseite des Hauses und drang durch ein Fenster in die Praxisräume ein. Auf dem Gang hielt er inne. Schwacher Lichtschein drang aus dem Medikamentenzimmer. Er lugte um die Ecke, sah ein leeres Wasserglas und ein paar Beine auf der Liege. Sie lagen ganz still. Auch kein Atem war zu hören. Er kam näher, bereit zuzuschlagen. Doch alles blieb still. Als er volle Sicht hatte, wusste er sofort, dass Gewalt nicht vonnöten war. So wie Jenny dalag, hatte sie ihr Werk schon fast vollbracht. Ihr Atem war nur noch ganz flach. Die leere Schachtel des Mittels, das er seiner Mutter hatte mitbringen wollen, lag neben ihr. Er betrachtete nachdenklich ihr entspanntes Gesicht. Er erinnerte sich an ihre Freundlichkeit in der Haftanstalt, seufzte und machte sich fluchend an ihre Wiederbelebung.

Vielleicht würde sich für seine Mutter ja doch noch eine andere Lösung finden. Vielleicht könnte ihm Jenny dabei helfen. Kopfschüttelnd setzte er sein Tun fort.

Susanne G. schreibt über sich:

Schreibnovizin

Unterrichtserfahren

Spaß an der Sprache

Anglophil  Niederissigheimerin Neugierig Ergebnisorientiert

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Hanne Landbeck

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