Drogen

Magie ist ein rares Gut – Text von Jana Anouk Mansour

Mushrooms und andere Drogen: Lesen Sie hier den Beitrag von Jana Anouk Mansour

Jana Anouk Mansour studiert Kultur- und Sozialanthropologie in München. Der Text ist im Themen-Special Speed-Writing entstanden. Mushrooms spielen eine Rolle in dem Text.

Magie ist ein rares Gut

Semra schließt ihren Laden auf und tritt vor die Tür. Sonnenstrahlen fallen auf die alten Bücher im Schaufenster. Sie setzt sich auf die Bank, direkt neben dem Eingang draußen auf dem Bürgersteig, schließt die Augen und nippt an dem heißen Kräutertee. Sie hat schlecht geschlafen. Ihr Nachbar Marlon, der Sohn eines erfolgreichen und sehr wohlhabenden Schriftstellers, hat die ganze Nacht das Wohnhaus an einem seiner Drogenräusche teilnehmen lassen. Dann dreht er die Musik lauter als sonst und hat unüberhörbar Sex.

Marlon ist ein gut aussehender Mensch, einer dieser Schönlinge, den alle wollen und viele bekommen. Nächte wie diese sind keine Seltenheit. Gras, Alkohol, Ecstacy, Koks und MDMA. Er kann sich seinen ausgeprägten Hedonismus des Rausches leisten. Und braucht ihn auch. Während ihrer zufälligen, aber häufigen Begegnungen auf der Bank vor ihrem Laden ist ihr das schon oft aufgefallen. Er braucht den Rausch. Er braucht die Drogen und dieses Wertegerüst, dass ihm Bedeutsamkeit suggeriert, wenn er eine große goldene Uhr trägt. Und wenn ihn sein 5er BMW mit Glück erfüllt. Er braucht es. Er hat etwas zu unterdrücken, mit dem er noch nicht umgehen kann.    

Der Aufriss von gestern Nacht 

Ein Stockwerk über dem Buchladen schlägt Marlon gerade seine Decke zurück. Er liegt auf seiner schwarzen Couch im Wohnzimmer. Der Aufriss von gestern Nacht muss ihm die Decke übergelegt und sich dann aus dem Staub gemacht haben. Wie hieß die Frau noch gleich? Keine Erinnerung. Die Luft ist heiß und stickig. Die leeren Bierflaschen und vollen Aschenbecher verbreiten einen beißenden Geruch. Schwerfällig setzt er sich auf. Sein Kopf dröhnt. Der Alkohol ist noch im Blut.

Es ist ein gewöhnlicher Morgen für Marlon. Einer von vielen. Ausgelaugt. Heute aber ist irgendetwas anders. Es überkommt ihn schon wieder dieses Gefühl. Als würde sich ein Orkan in ihm ausbreiten, der alles, was Marlon umgibt, absorbiert und in sich aufnimmt. Überflutet von diesen Gefühlsstrudel, spürt er, dass Semra wieder unten vor ihrer Ladentür sitzt. Marlon holt einen halben Joint aus dem Aschenbecher, zündet ihn an und lehnt sich aus dem Fenster. Das Gras benebelt ihn leicht und beruhigt den Orkan. Von oben sieht er Semras blonden Kopf, um den der Dampf ihres Tees wabert. Den Blick auf sie gerichtet, legt der Orkan von Neuem los. Plötzlich ist es, als ob er neben ihr säße oder sogar, als ob er sie sei. Als würde er an ihrer Stelle dort sitzen, nach einer Nacht mit einem lauten Nachbarn nebenan, einen Tee in der Hand, vor dem eigenen Laden, der Arbeitstag vor ihm liegend.
Ein Schauer überkommt ihn und er zieht schnell den Joint in seine Lungen. Der Orkan legt sich. Endlich. Er schnipst den Stummel in die Ecke und sieht sich in seinem Zimmer um.

 

Eine Handvoll Mushrooms

Er fühlt nichts. Alles in diesem Raum fühlt sich wie ein Fremdkörper an. Raus. Raus hier. Er schnappt sich ein übrig gelassenes Stück Pizza, eine abgestandene Flasche Apfelwasser und eine Handvoll Mushroooms, die er noch vom letzten Herbst übrig hat. Normalerweise bevorzugt er stärkere Drogen, aber für einen Tag auf dem Bike sind sie perfekt. Vor der Tür grüßt er Semra im Vorübergehen. Ihr Anblick verwirrt ihn manchmal.

Vor allem dann, wenn er gerade einen dieser Orkan-Momente hatte. Diese Menge an Gefühlen, die völlig unkoordiniert von außen in ihn hinein drängen wie endlose Wassermassen, ist kaum auszuhalten. Semras Blicke verunsichern ihn dann noch mehr, denn es scheint, als wüsste sie genau, wie es um ihn steht.
Semra ist anders als andere Menschen in seinem Umfeld. Sie hat noch nie mit ihm geflirtet. Das ist ungewöhnlich. Sie sieht ihn anders an. Durchdringend. Suchend. Als würde sie seine Schönheit irgendwie anders wahrnehmen. Sie hört ihm gerne zu und erkundigt sich regelmäßig nach seinem Tag, seinen Partys und seinen Sorgen. Er versteht bis heute nicht, wieso sein Leben sie so interessiert. Ein hedonistischer, drogenabhängiger, abgestumpfter Materialist, der auf Autos und große Uhren steht. Sie kann mit all dem bestimmt wenig anfangen.
Und dennoch unterhalten sie sich manchmal stundenlang. Das Interesse für die jeweils andere Lebenswelt und der Respekt füreinander treibt ihre Gespräche an. Marlon neckt sie gerne wegen ihres bescheidenen Lebensstils, dann lächelt sie ihn verschmitzt, etwas belustigt und zugleich verständnisvoll an, zieht lange an ihrer glühenden Camel und hört, den Blick in die Ferne gerichtet, auf zu reden.

 

Sein Blick bleibt im Wasser hängen

Marlon rast auf seinem Rad über Straßen und Feldwege, der Wind bläst ihm entgegen, er tritt ohne Unterlass in die Pedale. Erschöpft kommt er an dem kleinen Weiher bei einer Lichtung zum Stehen, schiebt sich eine Handvoll Mushrooms in den Mund und spült sie mit Apfelwasser hinunter. Es ist ruhig, nur die Vögel zwitschern. In einiger Entfernung liegt ein kleines Ruderboot. Wahrscheinlich haben die Kids, die hier manchmal unterwegs sind, es einfach liegen gelassen.

Marlon schiebt es ins Wasser, setzt sich in den Kahn und paddelt gemächlich in die Mitte des kleinen Gewässers. Für einen Moment schließt er die Augen und betrachtet fasziniert die Muster und Farben, die sich vor seinem inneren Auge auftun. Die Sonne brennt auf seiner Haut. Er schwappt etwas Wasser über den Bordrand auf seinen Oberkörper. Sein Blick bleibt im Wasser hängen.

An dem hellen Grün, und an dem Licht, dass die Oberfläche durchdringt und wie seidene Fäden kegelförmig auf den Grund zu gelangen versucht. Marlon fühlt sich magisch angezogen. Er will da rein, will in die Weite, will in das Grün, will einer dieser Sonnenstrahlen werden. Sich auflösen, die Drogen vergessen, die Menschen vergessen, die allesamt von seinem Aussehen, seinen goldenen Uhren und dem geschulten Geist eines Schriftstellersohnes so verzaubert sind. Es erscheint ihm so oft so lächerlich.
Vorsichtig gleitet er vom Boot in das kühle Nass. Lässt das Wasser seinen Körper vereinnahmen, einhüllen, umarmen. Jede Stelle seines Körpers ist von einer schützenden Wasserschicht umhüllt. Die Welt geht ihn nichts mehr an. Ein tiefer Atemzug – und er verschwindet unter der Oberfläche.

 

Grüne Weite. Stille. Nichts

Alles um ihn glitzert in goldenen Farben, ist in gleißendes Licht getaucht. Grüne Weite. Stille. Nichts. Er taucht. Weit und weiter. Hält inne, keine Bewegungen, lässt sich fallen. Ohne zu wissen, wo oben und unten ist schwebt er durch das Wasser.
Die Gestalt eines feenartigen Körpers gleitet an ihm vorbei und sieht mit den mandelförmigen Augen einer Katze direkt in die seinen. Es ist ein durchdringender und gutmütiger Blick.

Ein Blick aus alten, wissenden Augen, die in einem Gesicht liegen, in dem sich das Leben widerspiegelt. „Es ist so einfach. Sieh doch einfach hin, Marlon. Sieh genau hin. Du musst es nur hinnehmen. Annehmen. Eine Gabe, Marlon. Sehe, sehe, sehe.“  Die Stimme fließt als golden-glitzernde Sonnenpartikel in einem feinen Strahl aus ihren Augen hinaus, bahnt sich langsam schlängelnd ihren Weg zu ihm, umkreist seinen Kopf und gleitet über das Gesicht in seine Ohren. Durchdringt seinen Körper, füllt ihn aus. Und tritt den zweiten Orkan los. Er ist überfordert, will an die Oberfläche.

 

Zulassen statt zu lassen

Die Stimme wird eindringlicher. „Nicht wegsehen, Marlon. Zulassen statt zu lassen, Marlon. Entwinde dich nicht deiner selbst, Marlon. Ich sehe dich Marlon. Und du siehst mich, Marlon. Du siehst uns alle. Du weißt das, Marlon.“ Sein Zwerchfell zuckt und seine Kehle macht merkwürdige Würgegeräusche. Mit kräftigen Armzügen befördert er sich wieder an die Oberfläche. Ein tiefer Atemzug in der warmen Sommerluft bringt die Stimme dieses Wesens aus dem Wasser zum Schweigen. Atmen.
Wie in Watte gepackt und paralysiert manövriert er das Boot zurück ans Ufer, verlässt die Lichtung und lässt sich von seinem Fahrrad durch die Landschaften tragen.

Noch etwas benommen bremst er vor seiner Haustüre ab. Semra sitzt vor ihrem Laden in der Sonne und blättert in einem Buch mit vergilbten Seiten. Als sie ihn erblickt, legt sie das Buch neben sich und ihren Kopf lächelnd zur Seite. Stumm setzt er sich neben sie auf die Bank und dreht zwei Zigaretten, zündet beide an und reicht eine seiner Nachbarin. „Was ist passiert?“, fragt sie nach ein paar Zügen in der Stille. Er berichtet. Und als er zu sprechen beginnt, ist es endlich, als wäre alles nur ein Traum gewesen. Vorbei. Zurückgelassen. Abgeschlossen. „Krasser Trip“, meint Marlon, „selten so reale Halluzinationen gehabt. Und irgendwie habe ich noch nie diese Art von Nachricht bekommen. Wobei ich nicht weiß was ich damit anfangen soll. Unzusammenhängendes Zeug. Keine Ahnung, was das sollte.“

 

Die Augen einer Katze

Semra schaut ihn lange von der Seite an. Er spürt ihre Wärme an seiner Seite. Er spürt ihren Blick auf sich ruhen. Ihre Augen verengen sich, als er den Blick erwidert. „Was hast du gefühlt, als dieses Wasserwesen zu dir sprach?“ Er blickt sie an und plötzlich sind sie wieder da. Die golden-glitzernden Strahlen. Die Strahlen der Sonne. Ihre blonden Haare reflektieren das Sonnenlicht, alles ist hell. Und grün. Sie hat dieselben Augen. Die Augen einer Katze. Feine Fäden gleiten ihre Wangen entlang, ihren Oberkörper hinunter, über ihren Schoß auf den seinen, den Körper hinauf. Sanft legen sie sich auf seinen Kopf und dringen in seinen Körper ein. Alles ist still. Es ist glühend heiß.

Der dritte Orkan des Tages tobt in Marlon. Doch mit jeder Berührung durch einen der goldenen Fäden wird er ruhiger. Der Orkan nimmt Gestalt an, verliert an Zerstörungskraft und entwirrt sich zu einer sich langsam drehenden Spirale voller Stränge einzelner Emotionen. Marlon beginnt zu stottern. „Ich…ich fühle dich. Irgendwie…sehe ich dich. Ich sehe deine Ehrlichkeit, ich sehe deine Aufrichtigkeit. Ich sehe was du fühlst, Semra! Ich…ich…ich spüre dein Inneres Semra! Sie betrachtet ihn mit einem ihrer vielsagenden, durchdringenden und beschwichtigenden Blicke. „Ich weiß Marlon. Ich weiß.“

 

Magie ein solch rares Gut

Sie steckt sich eine ihrer Camels an und zieht den kratzigen Rauch in ihre Lungen. Nach einer Weile entfährt ihr ein vergnügtes, zufriedenes Glucksen. Über Marlons Ungläubigkeit über seine eigenen Wahrnehmungen, die er so vehement zu unterdrücken versuchte. Rational nicht erklärbare Phänomene passen nicht in seine Welt. Es passt nicht in eine Welt, in der Magie ein solch rares Gut ist. Semra legt ihren Arm um Marlon und raunt ihm ins Ohr: „Entwinde dich nicht deiner selbst, Marlon. Ich sehe dich Marlon. Und du siehst mich, Marlon. Du siehst uns alle. Du weißt das, Marlon.“

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