Sommerabend am See – von Iris Otto

Der Text entstand im Kurs „Pack die Badehose ein“ – Aufgabe: etwas Leichtes

Iris Otto lebt in Liederbach und schreibt u.a. Kriminalromane

Staubflusen tanzten

Gaby strecke sich, um die Kunstmappe von ihrem Kleiderschrank herunterzuholen. Staubflusen tanzten um sie herum. Sie drehte den Kopf, um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln, während sie mehrmals nieste. Dann zog sie die roten Schleifenbänder auseinander und öffnete den Pappdeckel. Sachte hob sie das oberste Bild heraus.

Mit leichtem Pinselstrich hatte die Künstlerin die Farben aufgetragen. Dabei musste sie viel Wasser verwendet haben, denn das dunkle Blau des Sees im Vordergrund verblasste sehr schnell, wechselte von Hellblau und Rosa über ein zartes Zitronengelb bis hin zu einem rötlichen Abendhimmel. Die Sonne stand als weißer Fleck gerade noch über dem Horizont.

Vage Konturen

Von der schmalen Landzunge, die sich in den See streckte, hatte der hereinbrechende Abend nur noch vage Konturen zurückgelassen. Vorn im Bild drängten sich Schilfrohre dicht aneinander. Das Licht der untergehenden Sonne tauchte die Halme in rötlich-braune Töne. Im Schutz des Schilfs lag ein kleines Holzboot. Ein altes Seil verband es mit einem windschiefen Holzpfeiler, der aus dem Wasser ragte. Gedankenverloren fuhr Gaby mit ihrem Finger über die Konturen des blauen Bootes. Sein Rumpf verschwamm mit der Linie des Wassers und setzte sich doch klar gegen den Abendhimmel ab. Auf einem Sitzbrett spiegelte sich das letzte Tageslicht. Wie tief wohl das Wasser an dieser Stelle war? Konnte man einfach zu Fuß hineinwaten, um zu dem Boot zu gelangen? Würden zwei Ruder im Bootsrumpf bereitliegen? Oder hatte sich altes Brackwasser darin gesammelt und machte eine Fahrt unmöglich?

Leichte Abendbrise auf ihrer Haut

Immer stärker fühlte sie sich in die Szene hineingezogen. Sie spürte die leichte Abendbrise auf ihrer Haut, die trägen Wellen des Sees umschmeichelten ihre Waden, während sie den Holzpfeiler berührte, um das Boot loszubinden. Das Bild, das sie eben noch in ihren Händen gehalten hatte, segelte in seinen ganz eigenen Wellenbewegungen auf den Parkettboden. Gaby bückte sich und hob es auf. Auf der Rückseite hatte die Künstlerin vermerkt „Sommerabend am See“. Was für eine Verheißung, am Ende eines Tages in diese Szenerie einzutauchen. Losgelöst von allem, was einen an den Alltag kettete, auf den See hinaus zu rudern. Gaby hob den Blick und betrachte sich im Spiegel des Kleiderschranks.

Leicht und – ja auch jung – zu fühlen

Ihre Haare kräuselten sich feucht im Nacken. Das Shirt mit dem Werbeaufdruck ihres Blumenladens hatte im Laufe des Tages einige Flecke abbekommen, ebenso wie die dreiviertellange Jeans. Vielleicht war ein Sommerabend an einem See genau das, was sie brauchte, um sich wieder frei, leicht und – ja auch jung – zu fühlen. Behutsam legte sie das Aquarellgemälde auf ihr Bett. Dann öffnete sie ihren Kleiderschrank und nahm das türkise Sommerkleid heraus. Sie mochte es, weil der weiche Chiffonstoff ihren Körper so sanft umspielte. Auf dem Weg in die Dusche drehte Gaby sich noch einmal um. Die Farbe des Kleids passte bestimmt wunderbar zu dem See, wenn das Sonnenlicht auf beiden glitzerte. Sie würde es herausfinden. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

(Foto: Klara Kulikova/Unsplash)


Hanne Landbeck

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