olfaktorisches Chaos

Wettbewerbsbeitrag Nr. 2: Ein olfaktorisches Chaos: Weihnachten

Wettbewerbsbeitrag Nr. 2 „Der Geruch von Weihnachten“

Ein olfaktorisches Chaos: Weihnachten

Der Geruchssinn soll angeblich der komplexeste aller unserer Sinne sein. Und deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass Weihnachten nicht nur nach Nelke, Zimt oder Koriander gerochen haben kann.

Wieder sitze ich bei diesen Überlegungen vor meinem Rechner, drehe das Mausrad ziellos hoch oder runter und strenge mich an etwas zu finden, was einem diesbezüglichen Duft nahekommt und der auch einen Bezug zu Weihnachten hat.

Ich brauche lange, schüttele instinktiv verneinend den Kopf, als ich gedanklich in meiner Kindheit lande. Damals war Weihnachten mit allem verknüpft, aber keinesfalls mit einem speziellen Geruch. Nur eins war wichtig: die Eltern hatten frei und staffierten die Wohnung mit den entsprechenden Weihnachtsutensilien aus. Der Anblick meines Vaters, der, das unzählige Male benutzte Lametta wieder aufbügelt um damit erneut den Weihnachtsbaum zu schmücken, bleibt unvergessen.

`…heut rühr´n wir Teig zu Plätzchen ein…`. Ich verstehe selber nicht, warum mir gerade jetzt diese alte Liedzeile einfällt. Vielleicht einfach nur, weil sich auch die Anzahl an Schallplatten mit Weihnachtsmusik in Grenzen hielt. Die Folge dessen war, dass diese im Dezember abgespielt wurden – quasi in Endlosdauerschleife. Heißt: wir konnten das Gedudel bald nicht mehr hören und vermutlich liegt uns genau deswegen heute erst recht nicht sofort das Aroma von Plätzchen auf der Zunge.

Aber wir Kinder hatten da generell kein Mitspracherecht. Habe ich, kommt mir bei der Grübelei in den Sinn, eigentlich je zu meiner Mutter gesagt, dass sie lange in der Küche gestanden hat und es jetzt ganz toll riecht? Aber da ist etwas Anderes, was ich definitiv noch weiß: Sobald die Verwandten sich zum gemeinsamen Kaffee-Trinken und Abend-essen bei uns einfand, kam dies, Geruchstechnisch betrachtet, einer Fahrt in der Berliner S-Bahn gleich. Und zwar einem Regentag, wie oft, wenn zu viele Leute am zu kleinen Ort dicht gedrängt beieinanderstehen. Ein ´Odouvre´ aus feuchten Mänteln, penetranten Deos oder auch keinem, vermischt mit dem Gestank der gerade erst weggeworfenen Kippe.

Schön waren diese familiären Zusammenkünfte trotzdem. Denn Eltern und Verwandtschaft, alle auch irgendwie abgespannt und müde, waren dennoch lustig und uns Kindern zugewandt. Aber weihnachtlich gerochen? Nee, hat es nicht. Dafür die vielen Schuhe in der Wärme des Flurs, nebeneinander aufgereiht, verströmten ihren ganz eigenen Geruch. Ich halte inne und lache, als ich die Stiefel, Halb- und sogar Turnschuhe vor mir sehe.

Wäre ich als Kind schon cleverer gewesen, so hätte ich beim Anblick dieser vielen Schuhpaare sicher bemerkt, dass auch der Weihnachtsmann, der noch am Heiligabend leibhaftig bei uns zur Bescherung war, die gleichen Stiefel trug wie mein Onkel, der es sich jetzt mit einer Tasse Kaffee oder später einem Bier auf unserer Couch bequem machte.

Dann kamen Weihnachtsfeste, geprägt von Auflehnung und Stress. Heute weiß ich, dass Mama es lieber gesehen hätte, der Vierzehnjährige Sohn entscheidet sich freiwillig dafür, dem alljährlichen Familienritual beizuwohnen, anstatt mit anderen pickligen Teens im Stadtpark rumzuhängen. Und dort, denke ich bei mir, gab es auch keinen speziellen Geruch. Im Gegenteil. Denn eisige Luft kann man nicht riechen, spüren schon. Und obwohl es keiner laut sagte, dies käme ja fast dem Spießertum der Erwachsenen gleich, wünschte sich vermutlich jeder doch hinter die mit Lichterketten behangenen Fenster und in die Wärme der Wohnzimmer.

So in Gedanken versunken, lehne ich mich in meinem Stuhl zurück. Was ist wohl aus denen geworden ist, die sich damals die ersten Kippen geschnorrt und aus Vaters Keller das Bier mitgenommen hatten, um es dann mit allen auf der kalten Holzbank zu teilen?

Die Erkenntnis, dass ich ziemlich lange überlegen muss, bevor ich jedem von ihnen einen Namen und ein Gesicht zuordnen kann, überrascht mich; dabei waren wir doch ´friends-forever´.

Habe ich in der Zeit meinen Eltern eigentlich was geschenkt? Keine Ahnung, denke ich bei mir und beschließe, auch weiter-hin lieber den Mantel der Verschwiegenheit darüber ausgebreitet liegen zu lassen.

Egal ob jugendliche Auflehnung oder unser `prinzipiell-gegen-alles-sein´; etliche von den Bankbesetzern sind einige Weihnachten später dennoch ihrer ersten Staatsbürgerlichen Pflicht nachgekommen und haben Wehrdienst geleistet. Warum musste es aber ausgerechnet mich erwischten, über das Weihnachtsfest Wachdienst zu haben? Ich habe keine Ahnung. Was aber in jedem Fall in dieser Zeit den Weg über meine geringste Geruchsschwelle genommen hat, ist eine Mixtur aus Schuhcreme, akkurat auf Kante gefalteten Oberhemden und dem Früchtetee aus der sogenannten ´Ein-Mann-Packung´. Und dieser Früchtetee ist meines Erachtens das beste Beispiel dafür, wenn man von Geruchsreiz, anstatt Geruchssinn spricht. Noch heute kann ich einfach keinen trinken.

Im Jahr darauf riecht mein ´Fest-der-Freude´ nach eingestaubten Büchern aus der Universitätsbibliothek. Überlagert wurde der nur von dem meiner Wäsche, die irgendwann, sehr zur Freude meiner WG-Mitbewohner doch den Weg in Mamas Waschmaschine fand.

Innehalten, sich besinnen, die Gedanken ordnen, all das schreibt man der ´stillen Zeit´ zu.

Warum aber fällt mir dann gerade jetzt auf, dass es die nächsten zwei, drei Heilig-Abende waren, die mir besonders im Gedächtnis hängen geblieben sind? Lag es jetzt plötzlich daran, selber ruhiger, gesetzter geworden zu sein? Hatten sich die eigenen Einstellungen und Werte mittlerweile geändert? „Vermutlich ja“, sage ich laut vor mich hin und weiß: Weihnachten roch in dieser Zeit nach Wärme, Herzlichkeit und nach Familie.

Als ich, überwältigt von den ganzen Eindrücken dasitze und Bilder, Gedanken und Emotionen dieser Zeit miteinander verknüpfe, fällt mir plötzlich ein, dass es ein Weihnachten später, für mich einen ganz speziellen und einzigartigen Geruch zum Christfest gab.

Sie hieß Susanne und hatte die schönsten und längsten Haare, die man sich vorstellen kann. Und wenn ich die Augen schließe, dann verwebt sich noch heute ihr Duft mit der Glätte und der Zartheit ihrer Haut zu einem federleichten Tuch, mit dem wir uns nicht nur in warmen Sommernächten zugedeckt haben.

Im Jahr darauf kam unserem gemeinsamen Fest ihr plötzlicher Dienst am Heiligabend dazwischen. Als Susanne dann abgespannt und müde nach Hause kam, roch ich an ihr einen Cocktail aus durchgearbeiteter Nacht, Nährsalzlösung und dem Desinfektionsmittel ihres Krankenhausarbeitsplatzes.

Wiederum ein paar Jahre und Bescherungen später, war Susannes Haut immer noch weich, dafür das lange Haar nur noch schulterlang. Und zu ihrem untrüglichen Duft nach Milch-und-Honig stahl sich jetzt der Geruch von Babybrei und vollen Windeln.

Viele Feste danach ähneln sich im Ablauf und Kinderspielzeug hat einen speziellen Geruch nach Plaste oder dem entsprechenden Weichmacher. Und das Glück in den beschenkten Kinderaugen kann man nicht riechen; dafür aber sehen.

Im darauffolgenden Dezember saßen wir glücklich und zufrieden, aber überarbeitet und müde in unserem halbfertig gebauten Haus. Es roch nach Trockenwänden, Tapetenkleister und dem neu verlegten Laminat. Vier Kerzen auf einer umgedrehten Holzkiste haben uns darin erinnert, dass Weihnachten ist.

Irgendwann kam dann die Zeit, in der Susanne und ich plötzlich in der Realität aller Eltern ankamen: Weihnachten ja, aber vermutlich ohne unseren Sohn. Denn der war irgendwie mit diesen anderen Typen unterwegs. Ja, denk ich im Stillen bei mir, die Parkbank steht immer noch dort und könnte sicher einige Geschichten erzählen.

Stille Tage, stille Nächte – Susanne und ich haben in dieser Zeit eine wirkliche Idee von dieser Wortbedeutung bekommen. Und auf jeden Fall zu viel Geruch vom Kartoffelsalat, den Wiener-Würstchen und der selbstgemachten Ente, der durchs Haus zog und, trotz konsequenter Lüftung, lange Zeit darin blieb.

Wenn ich all dies gewusst hätte…, kommt es mir in den Sinn und ich spüre, dass ich schon wieder bei dem Gedanken schlucken muss. Sie kreisen dabei weiter, als mir klar wird, wie eng Susanne und ich uns in der Zeit noch waren. Hätte ich kurze Zeit später vielleicht anders damit umgehen können? Was habe ich übersehen?

Tja, wer hat es geahnt, Weihnachten steht auch dieses Jahr wieder vor der Tür. Und es riecht nicht. Nicht nach Plätzchen, nach Kaffee oder nach Vanille-Kipferln. Zukünftig wird hier auch kein Duft von Räucherkerzen mehr durchs Haus ziehen. Und Christstollen gibt es auch keinen mehr.

Es heißt ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Hm? Ist das wirklich so, drehen sich meine Gedanken fragend im Kreis.

Energisch schiebe ich die Computermaus zur Seite, mit der ich die ganze Zeit unbewusst rumgespielt habe.

„Nein…“ sage ich laut und erhebe mich vom Stuhl. Ich brauche ja keine Rücksicht darauf nehmen, ob mich jemand hört. Also schimpfe ich weiter vor mich hin.

„Definitiv nicht. Wie soll das auch gehen?“ Traurig hebe ich den Blick vom Computer, schaue zu den Wänden des Zimmers. Ich sehe unsere gerahmten Fotos, während mir die Tränen kommen. Nichts, das weiß ich jetzt, wird mehr so sein, wie es immer war oder in Zukunft hätte werden sollen. Denn Susanne ist gegangen. Und hat, obwohl sie nichts mitgenommen hat, nur Leere hinterlassen.

Ist es möglich, dass sie uns nicht mehr riechen konnte?

 

Comments (9)

  • Angelika von Knobelsdorff

    Mir gefällt auch Text Nr. 2 am besten. Ein ruhiger, nachdenklicher, am Schluss trauriger Text. Aber der letzte Satz verhindert zuviel Rührseligkeit.
    Beim Text Nr. 1 bewundere ich den Reichtum an Begriffen. Ich finde allerdings, dass zu viele Klischees bedient werden.

  • Für mich ist der zweite Text auch der Favorit, da u. a. die Erinnerungen der Kindheit wunderschön beschrieben sind, sich die Zeiten sehr verändert haben und das Weihnachten heute sich anders anfühlt, als in der Kindheit. Mein Favorit***** Das alles ist sehr schön geschrieben…

  • Ich kann mich den beiden Kommentaren nur anschließen: Die melancholischen Betrachtungen des Schreibers, eingebettet in vielfältige Lebensrückblicke, scheinen zunächst einmal alle Erwartungen an einen Text zu dem vorgegebenen Thema zu enttäuschen, erfüllen sie aber abschließend umso intensiver. Ein wirklich lesenswerter Text!

  • Ein wunderbarer Text, der den Bogen der Gerüche, Düfte und die daran geknüpften Erinnerungen von Kindheit – „Weihnachten roch in dieser Zeit nach Wärme, Herzlichkeit und nach Familie“ – bis in die Gegenwart zieht, und der Geruch sehr geschickt mit mehr als nur duftendem Gegenständlichem verbindet. Wie riecht die Leere, fragt man sich am Ende, die Susanne hinterlassen hat?
    M.a.W.: Mein Favorit.

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© 2020 Dr. Hanne Landbeck schreibwerk berlin

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