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Kein Housekeeping

Kein Housekeeping – von Andrea Gärtner

“Kein Housekeeping” – von Andrea Gärtner

Kein Housekeeping entstand im Speed-Writing-Kurs als Gewinn des Wettbewerbs “Warum schreiben Sie?”

„Housekeeping!“ Mathilda klopfte dreimal zügig an die Tür mit der Nummer 326. Gerade als sie in ihrer Schürze nach der Keycard fingerte, öffnete sich die Kabinentür einen Spaltbreit. Eine dicke Nase kam zum Vorschein, rot geädert und feucht glänzend. Mathilda zwang sich den Blick davon abzuwenden und mit dem Gast wie vorgeschrieben höflich lächelnd Blickkontakt aufzunehmen. Das Lächeln gefror ihr auf der Stelle. Piotr Wolkow – so hieß der Mann laut ihrer Liste – starrte sie aus unterlaufenen Augen grimmig an. Die Bartstoppeln der letzten Tage zierten seinen teigigen Teint, ein Schweißfilm bedeckte seine Haut.

„Brauche nicht Housekeeping“, sagte er in gebrochenem Deutsch und entblößte dabei schiefe gelbe Zähne. Der faulige Mundgeruch, der mit den Worten bei Mathilda ankam, verursachte ihr Übelkeit. Sie straffte die Schultern. „Herr Wolkow, Ihre Kabine wurde meinen Aufzeichnungen zufolge seit vier Tagen nicht gereinigt.“

Brauche nicht Reinigung

Der Passagier war in Visby an Bord gegangen und seither nicht mehr gesehen worden. Nun durchquerte das Schiff gerade den Finnischen Meerbusen und nährte sich dem Ziel des Herrn Wolkow: St. Petersburg.

„Brauche nicht Reinigung.“ Seine Stimme war ebenso unwirsch wie der Blick.

„Herr Wolkow, ich muss leider darauf bestehen. Wir haben unsere Vorschriften, wissen Sie.“ Mathilda versuchte erneut zu lächeln. Ihr Gegenüber schlug ihr die Kabinentür vor der Nase zu. Der Luftzug pustete Gestank auf den Flur.

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Die Hausdame hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass Kabine 326 heute zu reinigen sei. Katja, die für diesen Flur bisher zuständig gewesen war, war in hohem Bogen gefeuert worden, weil sie „die „Kommunikation mit dem Passagier einfach nicht beherrschte“. Mathilda musste also Erfolg haben, sie brauchte diesen Job. Beherzt klopfte sie erneut.

„Herr Wolkow? Ich komme jetzt herein.“ Sie schob die Keycard in den Schlitz und bemerkte, dass ihre Hand zitterte.

Was, wenn dieser Kanisterschädel zur russischen Mafia gehörte? Womöglich baute der in seiner Kabine Bomben, schnitt Drogen oder hielt eine Geisel gefangen.

Die Tür wurde ihr aus der Hand gerissen

Mathilda atmete tief ein und drückte die Klinke herunter.

Die Tür wurde ihr aus der Hand gerissen. Überrascht stolperte sie ihr hinterher und stand in der Kabine, dem Russen mit weit aufgerissenen Augen direkt gegenüber. Der Gestank trieb ihr die Tränen in die Augen, das Unwohlsein ein Zittern in die Stimme.

„Herr Wolkow, bitte. Lassen Sie mich die Kabine reinigen und einen Blick auf die Klimaanlage werfen. Die Luft hier drinnen ist wirklich schlecht.“

Ihr Blick huschte durch die fensterlose Kabine. Im schummrigen Licht sah sie Essensreste auf Tellern oder in Verpackungen auf dem Tisch und auf dem Boden. Dazwischen lagen von Schmutz verkrustete Handtücher. Ein dunkler Fleck von der Größe eines Fußballs prangte auf dem Teppich, aus einem geöffneten Koffer quollen die Kleidungsstücke des Passagiers hervor. Der einzige Ort, der von dem Chaos verschont wurde, war das Bett. Auf ihm lag ordentlich gefaltet die Decke. Etwas musste darauf liegen, eine Vertiefung war zu erkennen.

Ein Horrorszenario nahm in Mathildes Kopf Gestalt an. Der russische Mafioso hatte sich tagelang mit einer Geisel verbarrikadiert, sie gequält und letztlich getötet, enthauptet und bewahrte nun den Kopf auf, um eine Trophäe vorweisen zu können.

Schockstarr stand sie da, unfähig, sich zu bewegen oder zu schreien.

Der Mann fasste sie am Arm, zog sie zu sich in die Kabine und schloss die Tür hinter ihr.

Nichts dafür kann

„Bitte Vergebung. Ist gestorben. Nichts dafür kann ich. Aber jetzt, ich bringe nach Hause.“

Mathilda starrte ihn an. Der Russe stand bebend vor ihr und knetete seine Hände vor dem Bauch. Die Kabinenstewardess schaute sich hektisch um und suchte nach einem Gegenstand, den sie notfalls als Waffe einsetzen könnte.

„Es tut mir leid“, stammelte sie. „Ich habe nichts gesehen. Ich werde einfach wieder gehen und niemandem etwas sagen. Versprochen!“ Wie weit war es bis zur Tür? Würde er sie gehen lassen? Sie meinte es ernst: Sie würde kein Sterbenswort sagen. Dann verlor sie eben den Scheißjob. Egal. Vorsichtig bewegte sie ihren rechten Fuß rückwärts. Der Mann packte zu, griff wieder ihren Arm und zog sie weiter Richtung Bett. „Tot, einfach so.“ Mathilda wagte nicht, Widerstand zu leisten. Sie schloss die Augen und ließ sich blind von ihm durch die Kabine ziehen. Der Gestank wurde immer schlimmer. „Ein Tag gut, nächste Tag alles kommt raus. Vorne und hinten. Ich keine Hilfe gewusst.“

Als sie stehenblieben, ließ er ihren Arm los.

Sekunden vergingen, in denen nichts passierte. Als sie es nicht mehr aushielt, öffnete Mathilda zögernd die Augen. Piotr Wolkow saß auf dem Bett und streichelte sanft über Etwas, das in der Vertiefung der Bettdecke lag. Er wiegte seinen Oberkörper hin und her und murmelte russische Worte vor sich hin.

Mathilda wagte sich einen Schritt vor und begriff.

„Ich habe Tochter versprochen. Sie nicht glaubt, wenn sie nicht sieht, ich habe wahrgemacht. Muss ich tot mitbringen.“

Und er strich weiter über das Fell der leblosen Katze.

Foto: Felipe Laquim

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Hanne Landbeck

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