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Kreatives Schreiben Online-Kurs

Augenblick – Eine Short Story von Andrea Gärtner

 Augenblick – Eine Short Story von Andrea Gärtner

“Augenblick” entstand im Speed-Writing, dem Gewinner-Kurs des Wettbewerbs “Warum schreiben Sie”

Milla saß am Fenster und starrte hinaus. Das muntere Treiben ihres Lieblingscafés hatte sie ausgeblendet. Sie hielt ihren Latte zwischen den eisigen Fingern und dachte angestrengt nach. Wie hatte es nur soweit kommen können? Sie hatte sich immer für eine emanzipierte Frau gehalten, die ihr Leben klar vor sich gesehen hatte. Mit dem Volontariat im Museum war sie ihrem Traumberuf der Kuratorin wieder ein Stück nähergekommen. Und die Beziehung zu Till hatte sich anfangs auch genauso gestaltet, wie sie sich das gewünscht hatte. Anfangs. Sie trank einen Schluck Kaffee und stellte das Glas ab. Als ihr Ellenbogen die Tischkante berührte, zuckte sie schmerzhaft zusammen.

Der Mann nahm seine Sonnenbrille ab

Die Türglocke erklang. Milla sah unwillkürlich auf und bemerkte einen gutaussehenden Mann, Anfang vierzig, mit grauen Strähnen im jungenhaft strubbeligen Haar. Schnell senkte sie den Blick und rieb den schmerzenden Ellenbogen.

„Hallo.“ Die sonore Stimme erschreckte Milla zu Tode. Der Mann nahm seine Sonnenbrille ab und setzte sich zu ihr an den Tisch, ein freundliches Lächeln im Gesicht. Milla sah sich hektisch um. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, setz doch auch die Brille ab, bitte.“ Das Lächeln wurde zu einem Grinsen.

Ruckartig schob Milla die Brille nur noch höher auf die Nase. „Entschuldigung, aber gibt es keinen anderen Tisch, an den Sie sich setzen könnten?“ Wieder schaute sie sich im Café um. Er folgte ihrem Blick, zwinkerte ihr zu und sagte: „Doch, aber ich würde gern hier sitzen bleiben.“

Milla schnappte nach Luft. Das war sicher wieder einer seiner Tests. Hastig griff sie ihren Latte, schnappte sich Jacke und Schal vom Stuhl und erhob sich. „Bitte, dann setze ich mich eben woanders hin.“

Ein paar Sätze wechseln

Der Mann stand ebenfalls auf und trat ihr in den Weg. „Ich finde, wir könnten wenigstens ein paar Sätze wechseln. Das bist du mir schuldig.“ Das Lächeln war erloschen. Stattdessen waren die Augenbrauen über seinem irritierten Blick hochgezogen.

„Bitte gehen Sie mir aus dem Weg.“ Millas Stimme drohte zu kippen. Ihr Atem setzte aus, als er seine Hand hob. Spontan ging sie in Deckung, das Glas rutschte ihr aus der Hand und zerschellte am Boden. Latte Macchiato ergoss sich auf ihre Schuhe und spritzte auf die neue Jeans. Das würde Ärger geben, so viel war klar. Zeitgleich mit ihrem Gegenüber ging sie in die Hocke, um das Malheur zu beseitigen. Während Milla vorsichtig die Scherben in ihre Hand sammelte, zog der Unbekannte ihr sanft die Sonnenbrille herunter. Milla wagte nicht, ihn anzuschauen, spürte, wie heiße rote Flecken in ihrem Gesicht aufblühten. Der Mann sog die Luft ein und griff nach ihrem Ellenbogen, um sie aufzurichten. Der Schmerz schoss durch ihren Arm, sie ließ die Scherben fallen und begann zu zittern. „Bitte, gehen Sie.“ Sie riss ihm die Brille aus der Hand und setzte sie schnell wieder auf. Doch zu spät.

„Da hat aber jemand ordentlich zugelangt“, sagte er mit einem wütenden Beben in der sonoren Stimme.

„Gehen Sie! Bitte! Er darf uns auf keinen Fall zusammen sehen.“ Milla sackte kraftlos zurück auf ihren Stuhl.

Eine Bedienung trat an den Tisch, sammelte erneut die Scherben ein und wischte die Kaffeelache vom Boden.

„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“, fragte sie.

„Nein, danke. Ich würde gern zahlen“, antwortete Milla.

„Wir hätten gern noch zwei Latte Macchiato“, sagte der Unbekannte zeitgleich. Die Bedienung schaute fragend. „Na, was denn nun?“

Ehe Milla etwas sagen konnte, hatte er ihr sanft eine Hand auf den Arm gelegt und die Bestellung wiederholt.

Keine Spur von Till

„Keine Widerrede“, schob er hinterher und setzte sich ihr gegenüber. Milla suchte ein weiteres Mal hektisch das Café ab. Keine Spur von Till. Ein Schauer rann ihren Rücken hinunter. Der Arm kribbelte warm an der Stelle, wo eben noch die Hand des fremden Mannes gelegen hatte. Sie hielt ihren Blick starr auf die Stelle gerichtet.

„Dann hat Till dich gar nicht geschickt?“, fragte sie leise.

„Ich kenne überhaupt keinen Till“, antwortete er.

„Aber was machst du hier? Warum setzt du dich dann zu mir?“

„Du glaubst, es würde sich nur jemand zu dir setzen, wenn Till ihn geschickt hat?“

Milla wagte es, den Blick zu heben und ihn anzuschauen. Seine Augen wanderten umher, versuchten die Barriere ihrer Sonnenbrille, die sie noch immer trug, zu durchbrechen. Sie sah Güte in seinem Gesicht und Sorge, nicht aber das erwartete Mitleid.

„Es wäre nicht das erste Mal“, sagte sie.

„Till hat dir das Veilchen verpasst.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Sie nickte.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte er.

Sie ließ die Frage unbeantwortet. „Warum hast du dich zu mir gesetzt?“

„Ich dachte, wir wären verabredet.“ Er deutete auf die Sonnenbrille vor ihm auf dem Tisch und grinste.

„Ein schöner Gedanke.“ Milla spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Körper löste und sie durch seine Sanftmut entspannte.

Doch schon beim nächsten Klingeln der Türglocke, zuckte sie wieder zusammen. Im Eingang Tür stand eine schlanke Blondine mit Lacoste-Sonnenbrille, die sich suchend umschaute.

„Ich glaube, da kommt deine eigentliche Verabredung“, sagte Milla und konnte das Bedauern in ihrer Stimme nicht verhehlen. Er drehte sich nicht einmal um.

„Ich denke, ich würde diese Begegnung gern vertiefen“, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Thorsten.“

Milla schluckte. Schließlich ergriff sie seine Hand. „Ich bin Milla“, sagte sie und setzte ihre Sonnenbrille ab.

Foto: Igor Starkoff

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Hanne Landbeck

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