Urlaub auf Abwegen

Urlaub auf Abwegen – ein Text aus dem Sommerkurs

Im Sommerkurs „Pack die Badehose ein“ entstanden – neben vielen anderen Texten – auch zwei Krimis. Einer davon ist von Andrea Gärtners „Urlaub auf Abwegen“. Sie lesen hier den ersten Teil und können dann auf der Homepage von Andrea Gärtner weiterlesen.

Urlaub auf Abwegen – von Andrea Gärtner

Erster Teil

Der Feuerschein erhellt die Nacht. In der Ferne heulen Sirenen. Im tanzenden Licht der Flammen steht eine Gestalt in kurzer Hose, die Kapuze des Pullovers über den Kopf gezogen. Barfuß und mit leeren Händen verharrt sie einen Moment regungslos, ehe sie den Parkplatz verlässt, und quer über die Wiese in Richtung Wald davonläuft.

Als die Feuerwehr eintrifft, schlagen die Flammen aus den geborstenen Fenstern des Wohnmobils. Der Gestank von schmelzendem Kunststoff liegt in der Luft. Die Feuerzungen spiegeln sich glänzend in feuchten Spuren auf dem Schotter des Parkplatzes.

„Das ist Blut!“, ruft einer der Feuerwehrmänner. Seine Stimme wird vom Donnern der explodierenden Reifen übertönt.

 

*****

30 Stunden zuvor

 

„Das ist Ole, mein Sohn. Er kommt mit uns.“

Bentje starrte Georg an.

„Sag ‚Hallo‘, Ole!“ Georg zerrte den schlaksigen Jungen mit dem typisch mürrischen Gesichtsausdruck eines Teenagers vor und lächelte Bentje aufmunternd an.

„Tach“, grummelte Ole. Sein Widerwillen war ihm so deutlich anzusehen, wie einem Nudisten, den man in einen Anzug gezwängt hatte.

Bentje, noch immer fassungslos, ließ ihre Reisetasche fallen. Georg griff beherzt zu. „Ole, verstau die doch schonmal im Wohnmobil“, sagte er und schob seinen Sohn mit der Tasche los.

„Ich weiß, das kommt etwas überraschend“, beteuerte er und legte seine Hand auf Bentjes Schulter. „Ich hatte vergessen, dass er diese Woche bei mir ist, bis seine Mutter ihn gestern Abend bei mir abgeliefert hat. Aber vielleicht ist es ja eine gute Gelegenheit, dass ihr euch kennenlernt.“

Bisher hatte Bentje die Unbekümmertheit, mit der Georg dem Leben begegnete, immer bewundert. Jetzt klingelten leise Alarmglocken in ihrem Inneren.

„Wir wollten diesen Ausflug machen, damit wir uns erst einmal besser kennenlernen“, antwortete sie. „Ich habe ja noch nicht einmal gewusst, dass du einen Sohn hast.“

Bentje und Georg waren vor einigen Monaten auf einer Internetplattform miteinander in Kontakt getreten. Die wenigen Treffen, die es bisher im echten Leben gegeben hatte, waren witzig, unterhaltsam und ja, auch befriedigend gewesen. Georg war spontan, impulsiv und beneidenswert lässig. So zumindest hatte Bentje es bisher eingeschätzt. Momentan hielt sie ihn für naiv und unverschämt.

„Ich glaube, das ist keine gute Idee“, sagte sie und zog ihre Schulter unter Georgs Hand fort. „Wir sollten das verschieben und du fährst jetzt mit deinem Sohn alleine.“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, erwiderte Georg und zog sie mit sich zum Wohnmobil. „Wir haben uns so auf diese Tage gefreut. Und Ole ist eigentlich ganz unkompliziert, wirst schon sehen!“

 

*****

 

 

Ole hatte die Tasche der Trulla in den unteren Stauraum des Wohnmobils geworfen und war eingestiegen. Wo sein Vater diese dummen Gänse immer auftrieb, war ihm ein Rätsel. Wer nur halbwegs bei Verstand war, musste doch sofort merken, was für ein Arsch der war. Alleine diese Nummer jetzt wieder. Darauf zu bestehen, dass er mitfahren solle. Ole fand, er hätte genauso gut zuhause bleiben können. Ja, dann wäre er eben eine Woche allein gewesen. Na und? Er hätte schon nicht die Bude abgefackelt. Aber dass es hier zu dritt in diesem beknackten Camper friedlich zugehen würde, dafür übernahm er keine Garantie.

Er fläzte sich auf einen der hinteren Sitze, setzte seine Kopfhörer auf, zog die Kapuze tief ins Gesicht und rief den Chatroom seines Lieblingsforums auf. Ablenkung konnte er jetzt gut gebrauchen. Und das hatte er rausgehandelt: Wenn er schon mitkam, dann nur, wenn er unbegrenzten Zugang ins Netz hatte.

Als sein Vater und die Trulla endlich einstiegen, war Ole schon mit herold_wolf in ein mitreißendes Gespräch vertieft.

 

*****

 

Georg war zufrieden mit seinen Überredungskünsten. Zwar schmollte Bentje, aber, so wie er sie einschätzte, würde sie das nicht ewig durchhalten und dann könnten sie ein lauschiges Wochenende verleben. Er hatte schon lange davon geträumt, Ole mal mitzunehmen. Vielleicht würde das den Jungen ihm wieder näher bringen. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass seine Ex dem Burschen jede Menge Blödsinn erzählt und ihn so bewusst von ihm entfernt hatte. Wie sonst sollte sich Georg das merkwürdige Verhalten seines Sohnes erklären, mit dem er früher durchaus Spaß gehabt hatte.

„Wo sind denn meine Sachen?“, riss Bentje ihn aus seinen Gedanken. Sie sah sich nach Ole um, der nicht reagierte.

„Was brauchst du denn?“, fragte Georg.

„Nichts. Ich will einfach nur wissen, wo meine Sachen sind.“

Georg wedelte mit der Hand zu den rückseitigen Sitzen und erwischte Oles Knie, was der mit einem genervten Schnauben quittierte. Georg patschte ein weiteres Mal hinter sich.

„Was?“, kam es knurrig von Ole, der die Kopfhörer abgenommen hatte. Laute dumpfe Beats waren zu hören.

„Wo hast du Bentjes Sachen gelassen?“, fragte Georg.

„Wo wohl? Im Stauraum.“

Bentje sah Georg fragend an.

„Was, unten drin?“, fragte der seinen Sohn.

„Du hast doch gesagt, ich soll die Tasche da rein tun.“ Ole setzte die Kopfhörer wieder auf und tippte auf seinem Handy herum. Die Musik wurde deutlich hörbar.

Georg fluchte leise vor sich hin.

„Stimmt was nicht?“, fragte Bentje misstrauisch.

„Nein, nein, alles in Ordnung“, beschwichtigte Georg. „Es ist nur so, dass der Stauraum so eine Art Garage ist. Da ist es schon mal dreckig. Naja, und es riecht auch ein bisschen nach Garage. Aber wir müssen sowieso gleich tanken. Wenn wir anhalten, holen wir deine Sachen da unten raus, okay?“ Er schenkte Bentje ein strahlendes Lächeln und tätschelte beruhigend ihr Knie. Sie ließ es geschehen, lächelte aber nicht zurück. Georgs Stimmung sank. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Bisher war es mit Bentje immer unkompliziert gewesen. Es gefiel er, wenn er seine Geschichten zum Besten gab. Sie lachte und ließ sich von ihm gerne mitreißen, mal etwas Neues auszuprobieren. Auch im Bett machte sie eine gute Figur. Dass sie nun derart miesepetrig war, enttäuschte ihn.

Hier lesen Sie den gesamten Krimi

Wie Texte entstehen

Wie Texte entstehen – zum Beispiel in einem Schreibkurs

Pack die Badehose ein!

Ein Schreibkurs in vier Lektionen, der sich literarisch dem Phänomen Sommer widmet. Von Leichtigkeit und Freiheit ist da die Rede, von lauen Nächten, schattigen Wäldern und den Wellen als Klangteppich unter unseren Träumen. Ich bin begeistert und melde mich zu diesem Online-Kurs an. Die Lektionen sind umfangreich. Die Teilnehmer*innen werden mit Sachinformationen, literarischen Beispielen, Musikstücken und Videos an die Facetten des Sommers und deren literarische Umsetzung herangeführt. Fast nebenbei entsteht eine Sommergeschichte. Leicht soll sie sein, unterhaltsam und ganz bestimmt kein Krimi. Das habe ich mir fest vorgenommen. Doch dann kommt alles irgendwie anders, in dem „Haus am See“.

Haus am See – ein Sommerkrimi von Iris Otto

Lektion 1

Kurze Hose lange Nächte, der Start in den Sommer

Aufgabe: Ein Protagonist, der in Sommerstimmung kommt.

„Du weißt, dass es die einzigen drei Wochen sind, die ich im Sommer wegkann. Wir hatten den Urlaub ja nun weiß Gott lange genug im Voraus geplant.“ Gaby schob ihren Teller von sich. Der Appetit war ihr vergangen. Unter der Markise staute sich die Wärme und trieb Schweißperlen auf ihre Stirn.

„Ich weiß, mein Schatz. Es tut mir leid. Das kannst du mir glauben. Aber mir sind da die Hände gebunden. Kein Mensch konnte ahnen, dass uns plötzlich die Entwicklung der neuen E-Motoren solche Probleme bereitet. Wir sind total im Verzug. Der CEO kommt extra aus Japan eingeflogen. Ich kann jetzt nicht wegfahren.“ Ralf lehnte sich auf seinem Terrassenstuhl zurück und sah sie zerknirscht an. Vergeblich versuchte sie hinter seiner in Falten gelegten Stirn zu lesen, wie weit sein Bedauern tatsächlich ging. Ihr Mann liebte seinen Job, vielleicht mehr als sie selbst? Das war ungerecht, rief sie sich zur Ordnung. Er hatte ihr in fünfzehn Ehejahren nie einen Grund gegeben, an seiner Liebe zu zweifeln. Trotzdem hatte sich allmählich immer mehr Alltagsroutine in ihre Beziehung eingeschlichen. „Können wir nicht ausnahmsweise in der zweiten Ferienhälfte wegfahren?“, bat er.

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Die Leichtigkeit des Feierabends – von Andrea Gärtner

Der Text entstand im Kurs „Pack die Badehose ein“ – Aufgabe: In Sommerstimmung kommen

Andrea Gärtner Jahrgang 1974, lebt und arbeitet in Südniedersachsen. 2017 erschien ihr erster Roman „Herzfehler“.

Die Leichtigkeit des Feierabends

Sie parkt das Auto und schnappt nach ihrer Handtasche. Die Post vom Nebensitz klemmt sie unter den Arm. Während sie den Wagen abschließt, entsperrt sie schon das Handy, um die eingegangenen Nachrichten zu lesen.

Ihre Mutter schickt einen Einkaufszettel, mit der Frage, ob sie das Gewünschte auf dem Wochenmarkt besorgen könne. Sie seufzt. Das heißt dann, schon um sechs aufzustehen, wenn sie vor der Arbeit den Einkauf und eine Runde Sport absolvieren will.

Eine Freundin bittet um Rückruf. Es geht um die Besorgung eines Geschenks für einen gemeinsamen Freund. Vermutlich wird das wieder an ihr hängen bleiben. „Da hast eben immer die besten Ideen!“, heißt es dann. Sie kann es nicht mehr hören.

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Sommerabend am See – von Iris Otto

Der Text entstand im Kurs „Pack die Badehose ein“ – Aufgabe: etwas Leichtes

Iris Otto lebt in Liederbach und schreibt u.a. Kriminalromane

Staubflusen tanzten

Gaby strecke sich, um die Kunstmappe von ihrem Kleiderschrank herunterzuholen. Staubflusen tanzten um sie herum. Sie drehte den Kopf, um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln, während sie mehrmals nieste. Dann zog sie die roten Schleifenbänder auseinander und öffnete den Pappdeckel. Sachte hob sie das oberste Bild heraus.

Mit leichtem Pinselstrich hatte die Künstlerin die Farben aufgetragen. Dabei musste sie viel Wasser verwendet haben, denn das dunkle Blau des Sees im Vordergrund verblasste sehr schnell, wechselte von Hellblau und Rosa über ein zartes Zitronengelb bis hin zu einem rötlichen Abendhimmel. Die Sonne stand als weißer Fleck gerade noch über dem Horizont.

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Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Michaela Christians lebt in Bielefeld

Die Aufgabe lautet: Beschreiben Sie jemanden mit professioneller Deformation. Zum Beispiel einen Frauenarzt. Der Text stammt aus dem Online-Kurs Literarisches Schreiben

Frauenarzt Alexander Fischer zog einen dunkelblauen Kaschmirpullover über das weiße Polohemd und setzte seine Goldrandbrille wieder auf. Wiebke hatte ein junges Ehepaar, das sie beim Spanischkurs in der VHS kennengelernt hatte, zum Abendessen eingeladen. Damit war die Sportschau für heute gestorben. Hoffentlich waren die beiden keine Ärzte. Er hasste Kollegengespräche beim Essen. Irgendwas mit Design hatte Wiebke vermutet, aber sie wusste es nicht genau.

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Drogen

Magie ist ein rares Gut – Text von Jana Anouk Mansour

Mushrooms und andere Drogen: Lesen Sie hier den Beitrag von Jana Anouk Mansour

Jana Anouk Mansour studiert Kultur- und Sozialanthropologie in München. Der Text ist im Themen-Special Speed-Writing entstanden. Mushrooms spielen eine Rolle in dem Text.

Magie ist ein rares Gut

Semra schließt ihren Laden auf und tritt vor die Tür. Sonnenstrahlen fallen auf die alten Bücher im Schaufenster. Sie setzt sich auf die Bank, direkt neben dem Eingang draußen auf dem Bürgersteig, schließt die Augen und nippt an dem heißen Kräutertee. Sie hat schlecht geschlafen. Ihr Nachbar Marlon, der Sohn eines erfolgreichen und sehr wohlhabenden Schriftstellers, hat die ganze Nacht das Wohnhaus an einem seiner Drogenräusche teilnehmen lassen. Dann dreht er die Musik lauter als sonst und hat unüberhörbar Sex.

Marlon ist ein gut aussehender Mensch, einer dieser Schönlinge, den alle wollen und viele bekommen. Nächte wie diese sind keine Seltenheit. Gras, Alkohol, Ecstacy, Koks und MDMA. Er kann sich seinen ausgeprägten Hedonismus des Rausches leisten. Und braucht ihn auch. Während ihrer zufälligen, aber häufigen Begegnungen auf der Bank vor ihrem Laden ist ihr das schon oft aufgefallen. Er braucht den Rausch. Er braucht die Drogen und dieses Wertegerüst, dass ihm Bedeutsamkeit suggeriert, wenn er eine große goldene Uhr trägt. Und wenn ihn sein 5er BMW mit Glück erfüllt. Er braucht es. Er hat etwas zu unterdrücken, mit dem er noch nicht umgehen kann.    

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Fladenbrot

Fatumas Fladenbrot – Short Story von Ernst Steffani

Fladenbrot ist im Speed-Writing entstanden. Ernst Steffani wurde 1985 in Hamburg geboren. Nach einigen Jahren im Ausland lebt er in Berlin, ist selbständig und versucht sich an einer Promotion über nachhaltige Geschäftsmodelle. Aber eigentlich ist er am liebsten zusammen mit seinem Notizbuch irgendwo in der Welt unterwegs.

Fladenbrot

Nora genoss diesen Moment. Die Nacht war vorbei. Der Morgen graute und sie stand erschöpft, aber seltsam erleichtert irgendwo auf einer Straße in Kreuzberg, vor einem dieser niemals schließenden, stetig vor sich hin vibrierenden Kellerclubs. Langsam fing sie an, ihre Sinne wieder wahrzunehmen. Sie schmeckte die frische Morgenluft. Sie fühlte, wie diese ihren schwitzenden Körper angenehm kühlte.  Für heute war es genug. Sie spürte bereits, dass die Wirkung des Ecstasy nachließ.

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Frauenarzt

Frauenarzt beim Abendessen – von Katharina Herrmann

„Frauenarzt beim Abendessen“ ist im Online-Kurs Literarisches Schreiben entstanden. Die Aufgabe lautete, einen Helden mit professioneller Deformation zu inszenieren.

Katharina Herrmann lebt in Berlin-Tempelhof, ist im Bereich Kulturvermittlung/Museum tätig und hält gern in Wort und Bild Alltägliches und Absurdes fest.

Frauenarzt beim Abendessen

Hoffentlich hat die olle Seefeldt die restliche Bestellung im Blick? Poloshirts sind einfach zeitgemäßer, und die backsteinroten machen erst recht was her. Die jungen Damen achten ja auf sowas. Gut, dass ich die Praxis doch nicht verkauft habe. Die Gegend wird immer jünger und fruchtbarer. Aber heute werden wir Mittel- bis Spätmittelalten, in der ausklingenden fertilen Lebensphase, unter uns sein. Bis zum zweiten Gläschen Wein werden wir wieder versuchen uns vorzugaukeln, dass unser Leben im Fluss ist. Nie besser war. Dass wir im besten Alter durch´s Leben gehen, keinesfalls jünger sein wollen.

Apropos: Martin kommt mit einer deutlich verjüngten Version seiner Frau. Ich muss die Brille aufsetzen. Nein, ich diagnostiziere ein neues Modell; eindeutig im besten reproduzierbaren Alter mit einem gebärfreudigen Becken. Glatte Haut und auch die wohlgeformten Brüste verheißen ein ausgewogenes Hormonprofil. Martin, Du Glücklicher. Oh ja, schön Dich kennen zu lernen, Du kleine Venus!

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