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Legokiste

Die Legokiste – eine Geschichte von Oliver Wolf

Die Legokiste von Oliver Wolf erinnert an die überbordende Fantasie des Kindes. Und an den Flow, der die Umwelt vergessen lässt. Oliver Wolf lebt mit seiner Familie in Sevilla. Der Text ist im Online-Kurs Kreatives Schreiben entstanden.

Die Legokiste

Wir haben in unserer Wohnung im Flur eine Schrankwand, selbst montiert von meinem Vater. Darin steht unten links, etwas versteckt, eine Holzkiste, die Legokiste – helles Holz, mit kitschiger Brandmalerei – voller Legosteine. Also, es sind keine echten Legosteine, sondern eine Variante aus Weichplastik, von einer wässrigen, weissen Farbe. Die Dinger fühlen sich seltsam an, und auch zwischen den Zähnen haben sie einen merkwürdigen Widerstand. Ein paar echte Hartplastiklegosteine finden sind dazwischen, sogar eine komplette Legoeisenbahn mit Legoschienen. Aber die weiche und die harte Sorte passen nicht richtig zusammen.

Diese Kiste ist meine Schatztruhe

Diese Kiste ist meine Schatztruhe. Es gibt hier keinen Bauplan, wie bei modernen Lego-Bausätzen. Es ist einfach ein wildes Durcheinander von Steinen verschiedenster Grösse und Form: pure Anarchie. Aus den Steinen lasse ich die unwahrscheinlichsten Gebilde entstehen. Raumschiffe, Häuser, Unterseeboote, alles! Und niemand redet mir rein! Meistens baue ich einfach krudes Zeug zusammen, meine Fantasie ist da ziemlich flexibel  – am Anfang plane ich vielleicht, ein Pferd zu bauen, und am Schluss wird irgendwie ein Hubschrauber daraus.

Das abgrundtiefe Meer der Fantasie 

Oft inspirieren mich Filme, zum Beispiel der fantastische “20000 Meilen unter dem Meer” mit James Mason. Wobei ich mich frage, wie das Schiff 20000 Meilen unter dem Meer fahren kann, wo die tiefste Stelle doch angeblich nur 11 Kilometer misst, neben den Philipinen. Ich schreibe dieses abgrundtiefe Meer der blühenden Fantasie des Autors zu, schliesslich ist die Geschichte ja erfunden. An einem Sonntagnachmittag sitzt meine ganze Familie im Wohnzimmer, und wir sehen den Film gemütlich auf dem Sofa. Alle sind in entspannter Wochenend-Stimmung, nur ich bin wie gebannt von der Nautilus, wie sie langsam und geheimnisvoll unter Wasser durch die Tiefen gleitet, während man von innen durch grosse Bullaugen die Tiefsee bewundern kann.

Ein Kiel aus Lego

Ich sitze auf der Sofakante und kann das Ende nicht abwarten, weil ich auf der Stelle die Nautilus aus weichem Lego nachbauen will! Als ich endlich anfange, ist es gar nicht so einfach: Ich muss mit der schmalen Basis anfangen, ein Kiel aus Lego, und darauf mit seitlich versetzten Steinen die flunderförmige Form nachbauen. An ein paar Stellen muss ich improvisieren, weil meine Legosteine manche elegante Form der Aussenhülle nicht fein genug modellieren können. Es stört mich aber überhaupt nicht. Ich fabriziere eine eher kubistische, wässrig-weisse Version der Nautilus. Für mich ist sie IDEAL.

Einmal fertiggestellt, spiele ich damit herum, lasse meine Nautilus durch meinen imaginären Ozean in meinem Kinderzimmer gleiten. Auf beiden Händen balancierend, dreht sie die tollsten Kurven, vollführt plötzliche Tauchmanöver, kämpft gegen unzählige riesige Kraken, vernichtet bei der Gelegenheit auch gleich ein paar Dinosaurier, und parkt schliesslich in einer Unterwasserhöhle (unter meinem kleinen Kinderholztisch). Von dort sieht die Nautilus majestätisch und gut versteckt auf das Treiben am Meeresgrund. Sie wartet lange auf eine günstige Gelegenheit, wieder zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Die ganze Mannschaft – einschliesslich Kapitän Nemo/James Mason – muss viel Geduld aufbringen, denn meine Mutter ruft mich zum Abendessen. Mit dem ersten Bissen habe ich die Nautilus vergessen. Nur noch eine undeutliche Erinnerung an einen Nachmittag voller grossartiger Abenteuer bleibt in meinem Gedächtnis.

Quer durch die Teppichbodenwüste

Die Legoeisenbahn ist aber auch nicht von Pappe! Zuerst kann man mit unzähligen blauen Plastikschienen eine sehr lange und kurvenreiche Strecke zusammenbasteln – quer durch die Teppichbodenwüste, um den Papierkorb herum, unter dem Tisch hindurch, über einen Berg, den ich kunstvoll aus Büchern gestapelt habe. Dann muss ich die Lokomotive zusammenbauen. Dazu brauche ich eine Batterie und einen kleinen Schraubenzieher. Beides findet sich üblicherweise in dem gleichen Wandschrank, in dem auch die Legokiste steht. Die Batterie muss ich dann in den blauen Motorblock einbauen, und diesen dann so auf die Rad-Plattform setzen, dass die Metallkontakte verbunden sind. An dem Motorblock befindet sich ein winziger Hebel – rechts an, links aus. Es gibt nur eine Geschwindigkeit.

Als nächstes sind die Waggons dran: da gibt es nicht viel Variation. Radplattformen, die sich alle gleichen, und darauf kann ich verschiedene Aufbauten setzen. Die meisten meiner Wagen bleiben schlichte Lastenwaggons. Das ist eine einfache Plattform und wenig mehr, denn ich bin meistens zu faul für die Konstruktion der komplizierteren Passagierkabinen.

Ein Wunder

Am faszinierendsten sind jedoch die Magneten, mit denen die Waggons verbunden werden. Ich bin davon überzeugt, dass die grossen Metallpuffer zwischen echten Eisenbahnwaggons auch Magneten sind, die die Wagen zusammenhalten. Ewigkeiten verbringe ich damit, diese Magneten sich anziehen oder – viel interessanter noch – sich abstossen zu lassen! Wenn ich einen besonders leicht gebauten Waggon auf die Schiene setze, dann kann ich diesen mit einem gleichgepolten Magneten anschieben, also vorwärts bewegen, ohne ihn zu berühren. EIN WUNDER! Aber es funktioniert nur auf gerader Strecke, die Magnetkraft ist zu schwach, um den Waggon um die Papierkorb-Kurve zu schieben. Die entstehende Schienenreibung ist zu stark!

Endlich ist mein Zug fertig gebaut und geht auf die Reise. Die erste Testfahrt bringt die traurige Wahrheit ans Licht: Der Zug ist zu lang und deswegen zu schwer. Ein paar Waggons müssen dran glauben und wandern zurück in die Holzkiste. Der Berg ist zu steil, also müssen ein paar Bücher zurück ins Regal. Die Schienen in der Kurve sind nicht fest genug verlegt – der Zug entgleist, und die roten Räder der Lokomotive graben sich in den Teppichboden. Die Batterie ist zu schwach – die Lokomotive macht nach ein paar Metern schlapp.

Aber irgendwann klappt es. Der Zug fährt! Quer durch das Zimmer, unter den Tisch, hinter den Papierkorb. Und nochmal. Und nochmal. Wie schön. Und wieder im Kreis. Und wieder.

Es wird langweilig.

Die Wüste ist nicht belebt genug

Ich finde schnell den Grund: Die Wüste ist nicht belebt genug. Aber das kann ich ändern: Ich krame die Cowboys und Indianer aus der Schublade und lasse sie neben den Gleisen gegeneinander antreten. Der Kampf entbrennt augenblicklich! Indianer stürzen mit ihren Pferden, von Kugeln durchsiebt, in die Staubflusen des Teppichbodens, während sich die Cowboys hinter dem Schulranzen verschanzen. Unermüdlich dreht die Eisenbahn dazwischen ihre Kreise, oft genug mit ein oder zwei Cowboys auf einer Waggonladefläche, die dann überraschend in den Kampf eingreifen und dem Geschehen die entscheidende Wende geben.

Aber auch diese Auseinandersetzung wird nach einer Weile relativ gleichförmig, sodass ich zur Belebung des Geschehens noch einen Trupp Plastikritter in Kreuzfahrerplastikkettenhemd entsende, die sich ebenfalls mit gezogenem Schwert in die Schlacht werfen. Oft ist es nicht klar auf wessen Seite sich die Ritter schlagen, aber üblicherweise springen sie den Cowboys bei, um den verschlagenen Rothäuten den Garaus zu machen. Manchmal aber kämpfen auch alle drei Fraktionen auf eigene Rechnung, mit unerwarteten Allianzen, die jederzeit gebrochen werden können.

Schlachtenpanorama

Wie auch immer das Schlachtenpanorama sich entwickelt, in den meisten Fällen führt doch die Eisenbahn die Entscheidung herbei. Nachdem sich Cowboys, Indianer und Ritter eine halbe Stunde lang kreuz und quer durch das Kinderzimmer bis auf das Blut bekämpft haben, finden sie sich alle “zufällig” auf den Gleisen wieder. Dort bemerken sie vor lauter Konzentration auf den (oder die) Gegner den herannahenden Zug nicht . Was für ein Massaker! Es erwischt alle (und wenn nicht, helfe ich ein bisschen nach): der Zug malmt über Menschenleiber, Tomahawks und Gewehre spritzen zur Seite, Ritterköpfe rollen den Bahndamm hinunter, Cowboyoberkörper werden von Unterleibern getrennt, der Zug entgleist und kommt erst an einem Stuhlbein zum Stehen. Ein vollkommenes Desaster. Wunderbar!

Zehn Minuten später sitze ich mit meiner Familie beim Abendessen – Kohlrouladen, wie schrecklich! Meine Eltern reden über Belanglosigkeiten, Geld verdienen mit einem Zusatzjob oder irgendsowas Uninteressantes, mein vier Jahre älterer Bruder stochert mürrisch auf seinem Teller herum.

In meinem Kopf hallt aber noch der Lärm einer epischen Nachmittagsschlacht, und ich habe bereits den Plan für morgen im Kopf – im entscheidenden Moment, wenn Ritter, Cowboys und Indianer mal wieder aufeinander eindreschen, werde ich ein Raumschiff auf die Eisenbahn abstürzen lassen, aus dessen Wrack anschliessend ein Trupp Ausserirdischer mit ihren Laserkanonen den Laden aufmischen werden. Ein guter Plan!

Damit schiebe ich mir die letzte Ecke der Kohlroulade in den Mund.

Foto von Fran Jacquier, Unsplash

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