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Literatur und die Kunst des Schreibens

Literatur Schreiben oder Fiction Writing – die Kunst des Schreibens

Fiction Writing bedeutet, Literatur zu schreiben. Sie ERFINDEN eine Geschichte, die nicht wahr ist, aber wahr sein könnte. Literarisches Schreiben ist also kein Journalismus, sondern Ausbeutung des Lebens, der Wirklichkeit. In diese hinein erfinden wir Geschichten, die in ihr passiert sein oder noch passieren könnten. Oder in einer vollständig erfundenen Wirklichkeit, wenn Sie Science-Fiction schreiben.

Keine wahren oder unwahren Geschichten

Es gibt keine wahren oder unwahren Geschichten. Wichtig ist, was wir für möglich halten. Selbst die wunderlichsten Geschichten, wie z.B. die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen, erscheinen während der Lektüre glaubwürdig. Weil sie in der Welt, die geschildert wird, einen glaubwürdigen Rahmen haben.
Durch das Schreiben schaffen wir eine eigene Welt. Vielleicht eine schönere, vielleicht eine, in der die Helden noch richtige Kämpfer sind und die größten Gefahren meistern. Vielleicht eine, die fantastisch ist wie das Wonderland von Alice, in der die Gesetze der wirklichen Welt nicht gelten. Oder in der man von Planet zu Planet spaziert wie Der Kleine Prinz von Antoine de St. Exupéry.

Prozess des Schreibens

Der Prozess des Schreibens kann eine Selbstbefragung sein, ein Denkprozess und eine Persönlichkeitsentwicklung. Für viele Schriftsteller ist das Resultat, also der fertige Roman, die fertige Geschichte, zunächst weniger wichtig. Wichtig ist das Schreiben selbst. Schreiben kann als (Über)Lebensmittel dienen, oder als Neu-(Er)Findung der Welt und von sich selbst. Fiktion kann – auch durch Lesen – helfen, mit Traumata besser umzugehen. Und sie kann neue Wege aufzeigen. Literatur kann zudem dazu dienen, sich aus der (zu engen, zu brutalen, zu komplizierten …) Welt in eine andere zu „beamen“. Das nennt man dann vielleicht Eskapismus (also Flüchten) – aber auch das ist eine legitime Funktion von Literatur.

Wenden wir uns kurz einem Schriftsteller zu, der die literarische Ordnung (auch was die Trennung zwischen Fiction und Realität betrifft) auf den Kopf gestellt hat:

Man weiß zu wenig, und es existiert nicht. Man weiß zu viel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich. Dort ist der Ort und das Ziel des Schreibens. (sagt Karl Ove Knausgård in „Sterben“ (S. 251), dem ersten Band seines Monumentalwerks „Min Kamp“.)

Während des Schreibens befinden sich die SchriftstellerInnen also an einem anderen Ort. In einer Art Zwischenreich, das, glaubt man Knausgård, das eigentliche Ziel des Schreibens ist. Viele AutorInnen schreiben um des Schreibens willen. Zahlreich sind die Aussagen, dass man ohne das Schreiben nicht richtig lebt, jedenfalls sagen das jene, die immer wieder schreiben müssen. Der Zustand, den Knausgård als Ort und Ziel des Schreibens definiert, nennt sich auch Flow. Im Flow vergessen wir den Alltag, die Welt um uns herum – wir sind in einer anderen Sphäre.

Literatur bleibt

Und, last but not least: Literatur bleibt, wenn sie es vermag, ihre Leser*innen zu bewegen, sie zu unterhalten, ihnen eine Vision der Welt zu vermitteln, die überraschend, abenteuerlich und letztendlich auch „Werte vermittelnd“ ist.

Wenn wir an berühmte Werke wie zum Beispiel an 1984 von George Orwell oder an Herta Müllers Der König verneigt sich und tötet denken, dann ist offensichtlich, dass Literatur einen großen Wert hat – und ziemlich viel (manchmal auch politischen) Aufruhr stiften kann.

Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu lehren,

sagte Joseph Conrad und hat damit einen weiteren Punkt getroffen, warum wir vom Schreiben so fasziniert sind. Durch das Schreiben er-finden wir ja nicht nur neue, fiktive Welten, wir interpretieren auch unsere eigene Welt, die Gesellschaft, in der wir leben. Wir stiften Sinn und schaffen zumindest ein bisschen Ordnung in dem Chaos, das uns umgibt. Wir können auch zu besonders angesehenen „Helden“ unserer Zeit avancieren. Wie Judith Hermann mit Daheim können wir auch  eine Art moralischer Macht ausüben. Zumindest die aktuelle Welt interpretieren.

Wir besitzen durch das Lesen und Schreiben eine Kulturtechnik, die uns bereichert. Persönlich und kulturell bereichert, nicht unbedingt, was den Kontostand anbetrifft. Wir werden emotional reicher, wir erleben viele Personen, in die wir – anders als im wirklichen Leben – blicken können, mit denen wir fühlen. Unser Horizont erweitert sich, unser emotionales Spektrum wird größer und – vielleicht – unser Herz weicher. Aber es kann durchaus auch eine Motivation für das Schreiben sein: Geld verdienen zu wollen.

Menschen lieben Geschichten

Literatur, egal ob kurz oder lang, will auch unterhalten. Menschen erzählen sich Geschichten, weil sie sich und ihren Zuhörern die Zeit vertreiben wollen. Und dabei herausragende oder merkwürdige Charaktere erleben. Man denke nur an Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpfte, weil er dachte, es seien gefährliche Riesen.

Leser wollen dabei sein, wenn andere (erfundene) Menschen Abenteuer bestehen oder an ihren Herausforderungen scheitern.

Menschen lieben Geschichten, weil sie als Leser oder Zuhörer dabei etwas fühlen, weil sie empathische Wesen sind, die mit anderen leiden und sich freuen können, die auch gerne mal über andere lachen, am liebsten aber mit ihnen – und: Sie wollen Sinn spüren, sie möchten lebendig sein – das gelingt (auch) durch Lektüre – und vor allem durch das eigene Schreiben.

Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht sind durch ihre Rahmenhandlung ein Zeugnis der ungeheuer großen Macht des Erzählens. Sheherazade überzeugte durch ihre spannenden Erzählungen ihren Wächter, der sie eigentlich umbringen sollte, davon, dass er sie dann doch lieber zum Eheweib nahm. Auch das Decamerone – eine Novellensammlung von Giovanni Boccaccio, in der in einer der Storys der berühmte Falke verspeist wird – ist Beweis für die lebenserhaltende Macht von Erzählungen.

Cliffhanger

Boccaccio hat mit seinen grandiosen Erzählungen des Decamerone die Pest gebannt, seinen Zuhörern einen Schutzraum geboten, und den Cliffhanger genial genutzt: Im spannendsten Moment wird abgebrochen, um die Erzählung bis zum nächsten Abend in der Luft hängen zu lassen. Sheherazade hat diese Macht der Spannung begriffen und sich somit täglich neu das Leben gerettet.
Heutzutage ist jede Soap und Serie voller Cliffhanger – das ist eine Metapher: Jemand hängt am steilsten Felsen und droht, herunterzufallen, in dem Moment wird abgeblendet, der Abspann erscheint und mit ihm die Ankündigung, dass es in der nächsten Folge dann weiter geht.
Diese Erfindung brachte nicht nur den atemlosen Zuhörer der Erzählungen Sheherezades dazu, sie heiraten zu wollen, sondern auch die begierigen Leser von Alexandre Dumas’ Fortsetzungsroman, der zunächst in Zeitungen erschien, sich immer wieder die Zeitung zu kaufen, um die Abenteuer verfolgen zu können. Am Ende jeder veröffentlichten Episode drohte jemand zu sterben, oder seinen Liebsten zu verlassen oder sonst eine schreckliche Katastrophe – Dumas war darin ein Meister, und dass sein Graf von Monte Christo heute noch ein Bestseller ist, beweist, dass er zumindest marketingtechnisch auf der Höhe nicht nur seiner Zeit war.

Die Form

Geschichten faszinieren also nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch durch die Form. Wenn AutorInnen es verstehen, ihr Publikum zu fesseln, bleibt selbiges „dran“: an der Serie, am Roman, am Feuilleton. Dazu gehört das Verständnis darüber, dass wir LeserInnen immer wissen wollen, wie eine Geschichte ausgeht – oder eine Episode innerhalb einer längeren Geschichte – und wenn es dann ein „offenes Ende“ gibt, wir eher unbefriedigt zurück bleiben.

Lernen Sie also nicht nur, ein gutes Thema, eine gute Idee, interessante Charaktere und Handlungen zu erfinden, sondern rhetorische Kniffe, wie Sie Ihre LeserInnen „am Ball“, in der Erzählung, halten. Den Cliffhanger habe ich schon genannt, hinzu kommen alle möglichen Formen von „Leerstellen“, also eine Art Rätsel, etwas, das die LeserInnen vermuten, aber erst später sicher wissen. Erzählen Sie Ihre Geschichte in Häppchen, gestatten Sie sich Andeutungen und überprüfen Sie beim Schreiben immer, ob Sie nicht zu viel verraten.

Foto: cookie-the-pom- Unsplash

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