Friedel

Der Universalreparierer – eine Kurzgeschichte von Jochen Witte

Der Universalreparierer ist im Kurs Literarisches Schreiben entstanden.
Jochen Witte lebt im Ruhrgebiet und arbeitet an seinem ersten Roman

Friedel, der Universalreparierer

Friedel stand hinter dem Tresen seines neuen Ladens und blickte hinaus auf den Marktplatz. Wenn er später an die Eröffnung zurückdenken würde, dann wollte er sich an dieses Gefühl erinnern: dass etwas Neues beginne, dass alles möglich sei.

Auch die Natur hatte etwas zu feiern. Die kleinen Grasgebiete schmückte sie mit Blumen, die Bäume mit frischem Grün, den Himmel tünchte sie blau und auf die Äste setzte sie Vögel, die vom Frühling zwitscherten.

Gestern, zur offiziellen Eröffnungsfeier, waren alle erschienen, hatten auf seinen Rücken geklopft, an seine Schultern geknufft und ihm Glück gewünscht. Seine Großeltern, die ihm das Geld für die Werkstatt geliehen hatten, seine Mutter, die sich endlich damit abzufinden schien, dass er sein Studium aufgegeben hatte und neugierige Nachbarn, die sich in den letzten Wochen bestimmt gefragt hatten, was für ein eigenartiges Geschäft da eröffnen sollte: Mr. Fixit – Reparaturen aller Art?    

Weiterlesen

Herz

Die Arbeit am offenen Herzen – von Simone Grawe

„Die Arbeit am offenen Herzen“  von Simone Grawe ist 2005 in Potsdam an einem einzigen Wochenende entstanden.
Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir ihn jetzt hier. Simone Grawe lebt in Bern.
Herz

Die Arbeit am offenen Herzen

Sie stellte ihr Auto rechts an den Strassenrand und blieb sitzen. Den Eingang des Verlagshauses hatte sie im Blick. Sie wusste, sie war viel zu früh. Es war ihr recht, noch Zeit zu haben für sich, Zeit zum Nachdenken. Es fing an zu regnen, und die Scheiben beschlugen sich allmählich. Auch das war ihr recht, so war sie geschützt vor Blicken.

Ohne dass sie es beabsichtigte, zog es sie um Jahre zurück. Um viele Jahre. Sie lächelte und schüttelte gleichzeitig den Kopf: Wie ein Wunderkind war sie behandelt worden, sie, Erika Riemann. Schon in der Volksschule fiel sie auf, sie fiel aber auch sich selber auf. Sie konnte  nicht verstehen, dass ihre Klassenkameraden so lange brauchten, um ein paar Verse auswendig zu lernen. Sie konnte deren Langsamkeit kaum ertragen. Aber auch die Langsamkeit der Lehrer machte ihr Mühe. Sie beklagte sich bitter bei ihrem Vater: „Gibt es nicht noch andere Dinge, die ich lernen kann? Gibt es nicht noch andere Lehrer, die mehr wissen? Ich langweile mich zu Tode in der Schule.“ Der Vater schaute sie verdutzt an, versprach aber, darüber nachzudenken und für zusätzliche Anregungen zu sorgen. Und er hielt Wort. Was er aber auch noch sagte, das fiel ihr jetzt im Auto wieder ein: „Kind, lass dir nicht zu viel anmerken. Bleibe bescheiden.“ Herz

Und sie wiederum hatte diesen Rat beherzigt und nur sich selbst eingestanden, dass sie eben anders war als die anderen. Sie wurde bewundert, neidlos. Für sie war es so in Ordnung.

Sie dachte, es würde immer so weitergehen.

Weiterlesen

Königs

Des Königs Großneffen – Allerwerteste Informationen

 Beleidigungen des Königs: Dieser Text von Ruth Golding entstand im Kurs Literarisches Schreiben; Schreibanlass aus der Zeitung (fait divers).
Deshalb hier ein Link zur Nachrichtenquelle. (Man fand in Spanien im Allerwertesten einer Jesusstatue Informationen aus dem Leben des 18. Jahrhunderts. )

Des Königs Großneffen – Allerwerteste Informationen

Königs

Ein eisiger Hauch

Joaquín Mínguez, Kaplan in der Kathedrale von Burgos, war äußerst nervös. Man schrieb den dritten Monat des Jahres 1777 und der neue Erzbischof würde in wenigen Wochen zu Ostern in der Diözese eintreffen, um seinen Antrittsbesuch zu absolvieren. Ein höchst konservativer Ruf eilte dem Bischof voraus, es hieß, ein eisiger Hauch aus der finsteren Gruft der Inquisition umhülle ihn und ergreife jeden in seiner Nähe mit Grabeskälte.

Weiterlesen

Cambli – Eine Story aus dem Kurs Fiction Writing

Cambli – Die Geschichte eines Landstreichers

von Gebhard Kopp (früher Banker, lebt in der Schweiz)
*Anm. d. Red.: deshalb ohne „ß“
_______________________________________

Der Text ist im Online-Kurs „Literarisches Schreiben“ entstanden
_______________________________________

Zeitungsnotiz
Am 26. Dezember ist Joseph Burky, genannt Cambli, am Ufer der Saane erfroren aufgefunden worden. Er wird auf dem Gemeinschaftsgrab des städtischen Friedhofs bestattet.

Madame de …

„Was machen Sie denn da, junger Mann?“ sagt sie indigniert. Die alte Dame in Zobel-Pelzmantel und -mütze steht vor ihm und betrachtet ihn mit scharfem Blick aus faltigen grauen Augen: Sie sieht einen stämmigen Mann – um die sechzig, mit grauem Stoppelbart, Walrossschnauz, wirren grauen Haaren unter einem verwaschenen grau-grünen Filzhut; abgetragene Hosen schlottern um seine dünnen Beine. Statt einem Gurt nutzt er eine Garbenschnur, um das kragenlose blaue Hemd in der Hose zu halten. Sein Cordkittel schlabbert um seine Hüften. All das sieht Cambli in den Augen der Zobeldame, als er aufschaut und sagt:

„Eh bien, Madame, ich untersuche den Mülleimer.“

„Das sehe ich! Was suchen Sie da?“

„Ich suche nach etwas Essbarem, Madame.“

„Essbares? Sie suchen nach Essen im Mülleimer?“

„Ja, Madame. Es wird so vieles weggeworfen, das man noch brauchen kann.“

„Widerlich! Ekelhaft! Das geht doch nicht! Aus dem Mülleimer! Kommen Sie mit, ich gebe Ihnen etwas zu essen.“

„Gerne, Madame, wenn es nicht zu weit ist.“

„Nein, es ist nicht weit, es ist die Maison de Castella, gleich da hinten.“

„Ah, gut. Dann sind Sie Madame de Castella?“

Weiterlesen