Sommerabend am See – von Iris Otto

Der Text entstand im Kurs „Pack die Badehose ein“ – Aufgabe: etwas Leichtes

Iris Otto lebt in Liederbach und schreibt u.a. Kriminalromane

Staubflusen tanzten

Gaby strecke sich, um die Kunstmappe von ihrem Kleiderschrank herunterzuholen. Staubflusen tanzten um sie herum. Sie drehte den Kopf, um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln, während sie mehrmals nieste. Dann zog sie die roten Schleifenbänder auseinander und öffnete den Pappdeckel. Sachte hob sie das oberste Bild heraus.

Mit leichtem Pinselstrich hatte die Künstlerin die Farben aufgetragen. Dabei musste sie viel Wasser verwendet haben, denn das dunkle Blau des Sees im Vordergrund verblasste sehr schnell, wechselte von Hellblau und Rosa über ein zartes Zitronengelb bis hin zu einem rötlichen Abendhimmel. Die Sonne stand als weißer Fleck gerade noch über dem Horizont.

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Badehose

Pack die Badehose ein – ein Sommerspaß in vier Etappen

Pack die Badehose ein – SommerGeschichten in vier Etappen

Lasziv am Strand

Wir laden Sie ein zum Themen-Special mit SommerGeschichten.

SommerGeschichten: Wenn wir vom Sommer träumen, fallen uns Bilder und Stichworte ein. Reisen, frei sein, scheinbare Unendlichkeit erleben; laue Nächte durchwachen, die üppige Natur erleben, das Meer fühlen. Oder die Berge und Wälder mit ihren Schatten und Seen erkunden. Lasziv am Strand liegen, die Männer in Badehosen, die Frauen in zu knappen Bikinis bestaunen. Was auch immer Sie mit dem Sommer verbinden:

In diesem Kurs dürfen Sie den Sommer (be)schreiben. In den vier Etappen können Sie auch sowohl den Spuren Ihrer Kindheitssommer wandeln als auch Insekten in der Stadt suchen. Und die Wellen als Klangteppich unter ihre Träume legen.

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Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Michaela Christians lebt in Bielefeld

Die Aufgabe lautet: Beschreiben Sie jemanden mit professioneller Deformation. Zum Beispiel einen Frauenarzt. Der Text stammt aus dem Online-Kurs Literarisches Schreiben

Frauenarzt Alexander Fischer zog einen dunkelblauen Kaschmirpullover über das weiße Polohemd und setzte seine Goldrandbrille wieder auf. Wiebke hatte ein junges Ehepaar, das sie beim Spanischkurs in der VHS kennengelernt hatte, zum Abendessen eingeladen. Damit war die Sportschau für heute gestorben. Hoffentlich waren die beiden keine Ärzte. Er hasste Kollegengespräche beim Essen. Irgendwas mit Design hatte Wiebke vermutet, aber sie wusste es nicht genau.

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Das Auto-Biographische Experiment: ein Resümee

Sehr erfolgreich verlief die Probephase des innovativen Kurses „Das auto-biographische Experiment“ von schreibwerk berlin.

 

Die Bilanz der Kursleiterin

In der Tat hatte ich eigentlich wenig Erwartungen – a) wusste ich nicht, ob sich überhaupt jemand dafür interessieren würde und b) war ich dann lediglich gespannt, ob es funktionieren kann, andere Menschen zur Distanzierung von sich selbst zu animieren.

Erwartungen weit übertroffen

Das Ergebnis hat meine (wie behauptet: nicht vorhandenen) Erwartungen weit übertroffen. Ich hatte an ganz anderer „Front“ zu kämpfen als die TeilnehmerInnen, aber natürlich hat auch mir es Spaß gemacht, die Aufgaben durchzuspielen. Und ich habe für mich selbst daraus viel Befriedigung und überraschenderweise auch Befreiung (u.a. von Schuld) erfahren. Also für mich persönlich ist diese Methode, sollte ich überhaupt jemals meine Biographie schreiben – oder Teile davon, richtig. Das muss nicht für jede gelten, und galt auch nicht für jede, die hier mitarbeiten wollte oder mitgearbeitet hat. Dass ein Kurs nicht immer alle Leute, die daran teilnehmen, abholt und mitzieht, ist normal. Manche hatten ihr Zeitbudget überschätzt, andere ihren Mut, zu sich selbst und das vor anderen zu stehen, für wieder andere war die Methode einfach nicht die richtige.Besser schreiben lernen - kostenlos für 7 Tage testen

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PIzza Hawaii

Pizza Hawaii, I love you

Dieser Text von Maria Unger stammt aus dem Food-Writing-Special.

Pizza Hawaii, I love you

Lucy Fricke hat mit „Töchter“ einen tollen Roman über zwei Frauen um die Vierzig geschrieben, die völlig ungeplant eine Reise machen. Sie beginnt in Berlin und führt über die Schweiz und Italien nach Griechenland.
Da ich mich bei „Food Writing“ angemeldet habe, obwohl ich nicht kochen kann, folge ich den Spuren der Ich-Erzählerin Betty, die sich, bevor sie an einem überquellenden griechischen Ostermahl teilnimmt, so charakterisiert:
Wir hätten nicht ablehnen können. Der Tisch war gedeckt für sechs Personen. Er bog sich unter Suppe, Gebäck und rotgefärbten Eiern. Die Mutter von Yannis, die ich bisher nur aus der Ferne gekannt hatte, umarmte uns alle nacheinander. Gegen diese Gastfreundschaft war kein Kraut gewachsen. Eine solche Gastfreundschaft konnte den schönsten Ort der Welt unerträglich machen. Man entkam ihr nicht und lobte sie nach der Rückkehr, aber eigentlich machte sie einen fertig. Das war eine Sache, die ich in Deutschland insgeheim schätzte. Niemand dort hatte mich je zum Essen gezwungen, jeder schien bereit, mich meinem Schicksal zu überlassen.

Pizza Hawaii, I Love You

„Bergmannstr. 104, 104 Stufen nach oben, bis es nicht mehr weitergeht“, so habe ich neuen Freunden meine Adresse beschrieben und bei der Zahl 104 gegrinst, wenn ich sah, wie sie die Augen rollten oder „Geht’s noch?“ stöhnten.
Heute grinse ich nicht. Ich bin 104 Stufen gestiegen mit einem Rollkoffer in der Hand, der auf ebener Strecke wunderbar rollt, aber für Stufen nicht gerüstet ist. Das wäre doch mal eine nützliche Erfindung! Ich stelle den Koffer ab, stecke den Schlüssel ins Schloss, drehe ihn um, die Tür geht auf. Endlich! Koffer rein, Schlüssel umstecken, Türe zu. Tief durchatmen! Ich recke mich, dehne mich: Wie-der-zu-Hau-se, wie-der-zu-Hau-se. Dazu gehört: Raus aus den Schuhen. Ramponiert sehen sie aus. Aber wie sollen sie sonst aussehen nach einem Drei-Wochen-Trip mit ramponierten Menschen in einem ramponierten Auto, mit Fähre, zu Fuß oder auf Eselsrücken, und zum Schluss mit der Bahn? „All inclusive“ kann man auch anders verstehen.

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Austern

„Austern essen?“ Text von Marita Brenken

Dieser Text stammt von der Gewinnerin des Food-Wettbewerbs und ist einer der zahlreichen Textgenüsse aus dem Kurs Food-Writing.

Marita Brenken hat schon zahlreiche Kurgeschichten veröffentlicht.

Austern essen?

„Ist hier noch frei?“

„Nein.“

„Vielen Dank, dann setzte ich mich mal! Ist ja der einzige freie Platz im Lokal.“

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte in Ruhe ihren Sekt trinken und den ersten Tag des neuen Jahres genießen. Mit Blick auf die Alster. In feinem Ambiente. Stilvoll. Sie hatte das Kostüm mit dem Bleistiftrock gewählt, und dem taillierten Jäckchen, vierzig Prozent Mohair. Eine neue Strumpfhose hatte sie sich gegönnt und die Perlenkette angelegt. Nur einmal im Jahr trug sie Lippenstift und Nagellack, am ersten Januar, um das neue Jahr zu begrüßen. Das war ihr Ritual, eine freundliche Begrüßung war wichtig, um das Jahr milde zu stimmen, in jeder Beziehung. Und jetzt versperrte ihr diese Person, diese Matrone die halbe Aussicht auf das neue Jahr und die Umgebung. Raumgreifend. Sie trug keine elegante Perlenkette am fetten Hals, sondern gleich drei Reihen, und drei Reihen am feisten Handgelenk. Widerlich. Und dieses aprikotfarbene Gewand aus Seide, das sanft über die Fettpölsterchen floss, geschickte Tarnung, gutes Material, das konnte sie nicht leugnen. Sie drehte den Kopf zur Seite, um ihr Gegenüber nicht zum Sprechen zu animieren, hob ihr Sektglas, und prostete wortlos den Wolken zu, und Werner, der schon vor so langer Zeit von ihr gegangen war.

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Food-Writing

Essen und Schreiben: Food Writing

Themen-Special Food-Writing

Das Themen-Special Food-Writing führt rund ums Essen zu Blog- oder literarischen Texten oder zu Essays. Der Kurs dauert drei Wochen und präsentiert jeweils in einem Anregungstext das Thema, danach sind die TeilnehmerInnen aufgefordert, ihren aktuellen Text zu schreiben. Erlaubt sind dieses Mal auch Fotos und Instagram-Texte.

Ein paar Gedanken zur (literarischen) Nahrungsaufnahme:

Erbsen, Mohn und Erdbeeren

Was auf den Tisch kommt, wird gegessen – sagte mein Vater und erinnerte damit an die Hungersnöte, die auch in Deutschland geherrscht haben. Diese sind nun weitergezogen, doch ist der Hunger nur bedingt das Gegenteil des Essens. Denn ab und zu kann er die Vorstellung von Genüssen so weit treiben, dass einem förmlich das Wasser im Mund zusammen läuft (nachzulesen bei Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel, pp. 200ff.).

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Schreiben in Zeiten der Digitalisierung 2

Wie die Sternschnuppe so schnell

Wir erzählen – und lesen– Geschichten kaum mehr ohne Bilder. Die Literaturliteratur scheint ein aussterbendes Genre zu sein. Zumindest gibt es immer weniger LeserInnen (dafür aber immer mehr AutorInnen). Modernes Storytelling, also Geschichten-Erzählen, kommt mit Bildern, kurzen Absätzen und Zwischenüberschriften daher. Wir sind es inzwischen gewohnt, über den Bildschirm zu scrollen, um eine Information zu vertiefen – oder um zum nächsten Artikel zu wechseln. Wie uns die TV-Werbung mit den schnellen Schnitten in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts beigebracht hat, denken und sehen, vielleicht auch „erkennen“ wir unglaublich viel schneller als in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor, wo ein Gedanke bei seiner Entstehung beobachtet werden durfte. Jetzt beobachten wir den Gedanken allenfalls bei seinem Erlöschen. Wie die Sternschnuppe so schnell.

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© 2020 Dr. Hanne Landbeck schreibwerk berlin