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Autofiktion

Autofiktion: Über Heimat(en) und Identität(en)

Autofiktion: Nur ein Trend?

Über Heimat(en) und Identität(en) 

Am 19. November schreibt der Perlentaucher  in seiner Bücherschau, dass der “Trend zur Autofiktion” ungebrochen sei. Das ist eine moderne Art der Autobiographie, die mit fiktionalen Elementen arbeitet. Denken wir an Annie Ernaux, die in ihren Büchern wie z.B. „Eine Frau“ als „Meisterin der Autofiktion“ gefeiert wird.

Die Selbstbefragung in der Autofiktion ist freier als beim rein autobiographischen Schreiben. Die Hauptfigur, als „Sozialfigur“ begriffen, steht in einem größeren Zusammenhang (Ernaux schreibt in der dritten Person, vermeidet also das Ich). Die/der ProtagonistIn bildet zwar immer noch das Zentrum der Geschichte, die zeithistorischen Kontexte spielen aber eine wichtige Nebenrolle. Wenn sie nicht sogar als Gegenspieler und damit als weitere Hauptfigur agieren. Jemand will etwas – zum Beispiel zuhause bleiben – doch dann kommen die Zeitläufte daher mit Krieg oder Hunger oder als berufliche Notwendigkeit – und bestimmen über das weitere Leben.

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Das Zeitalter des Individualismus abgelöst?

Wird nun das Zeitalter des Individualismus (siehe Ulrich Beck, Das Zeitalter des eigenen Lebens, 2002) abgelöst und ein neues Narrativ – Die Welt und Ich – erzählt? Vielleicht.

Wie dem auch sei: Wir verfügen jedenfalls über eine größere Freiheit der eigenen Erzählung. Oder des eigenen Narrativs, um ein Modewort zu benutzen. Wir dürfen – auch retrospektiv – die eigenen als soziale Handlungen begreifen und darstellen. So kippt vielleicht die schöne Erzählung von der Freiheit des Individuums zu jener der Freiheit des Kapitalismus? Denken wir nur mal darüber nach, wie viele Waschmaschinen allein durch das Narrativ der Wahlfreiheit (Du kannst und darfst alles)) mehr verkauft wurden.

Vorherrschend bleibt aber, und das ganz ernsthaft, die Frage der Selbstverortung. Die Frage danach, wo und wodurch sich Menschen, deren Schicksale im Mittelpunkt stehen, zuhause fühlen, daheim. Und wie es das Zeitalter der Migration so mit sich bringt, suchen auch immer mehr Individuen nach Integration, Identifikation und eben auch: nach (neuer) Heimat.

Heimat-Erzählungen

Den Reigen der neuen Heimat-Erzählungen begonnen hat wohl Edgar Reitz mit dem „Heimat-Zyklus (großartig auf jeden Fall die ersten zwei Staffeln). Als Rückbesinnung, aber auch Spiegelung zeitgenössischer Veränderungen und ihrem Einfluss auf den Einzelnen.

Eine sehr überzeugende und genre-übergreifende Heimatsuche ist Nora Krug mit Heimat: Eine deutsches Familienalbum gelungen. Aus der Ferne (die Autorin lebt in den USA) erinnerte sie sich an emblematische Dinge wie Hansaplast, die Wärmflasche, Rotkäppchen etc. und verknüpfte sie mit ihren persönlichen Erinnerungen in tagebuchartigen Eintragungen. Da die Autorin auch Illustratorin ist, gelang ihr zudem eine ästhetisch überaus ansprechende Form. Bezeichnend, dass sie aus der Ferne auf das Familienleben und die westdeutsche Gesellschaft schaut. Diese Rück-Schau ist zugleich eine Selbst-Vergewisserung und eine Suche nach Verständnis der spezifisch deutschen Zerrissenheit nach dem 2. Weltkrieg.

Mut im Gepäck

Wer sich für die bunte Zusammensetzung (Stichwort: Inklusion) unserer aktuellen Gesellschaft interessiert, dem sei „Mut im Gepäck. Vom Gehen und Ankommen” (hrsg. von Ulla Hocker, Petra Mallwitz und Andrea Schindler)“, ein Porträt von nach Baden-Baden Zugewanderten ans Herz gelegt. Das Verdienst des Buches ist es, Flüchtlinge aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten vorzustellen und diese selbst (in der Ich-Form) sprechen zu lassen. Die Flucht aus dem Osten kurz vor oder nach Kriegsende ist hier ebenso Grund für die Migration wie die lebensgefährlichen aktuellen Fluchten aus meist afrikanischen Gefilden in das Glück versprechende Europa. Die Schwierigkeit, sich neu „daheim“ zu fühlen, ist dabei ebenso Thema wie die Sehnsucht nach der alten Heimat. So entsteht ein buntes Bild von Baden-Baden, dem man eigentlich so viel Vielfalt gar nicht zugetraut hat (zumindest ich).

Jede Heimat ist eine zufällige

Auch der zeitgenössische Roman beschäftigt sich mit der Selbstverortung. Judith Hermann setzt sich in „Daheim“ mit dem mecklenburgischen Dorfleben auseinander und gestaltet eine neue deutsche Innerlichkeit; Dörte Hansen beschreibt in „Mittagsstunde“ einen durch das Stadtleben entfremdeten Protagonisten, der neue Sicherheit dort sucht, wo er herkommt – was bedeutet, dass die „alte Heimat“ nicht immer auch gleich „neue Sicherheit“ bringt. Saša Stanišić inszeniert in „Herkunft“ sowohl die „alte“ als auch die „neuen“ Heimaten.
Die AutorInnen beschäftigen sich allesamt mit der Identität ihrer Hauptfiguren und gehen der Frage nach, wo sie sich – und wie – neu verorten können. Ob Autofiktion, autobiographisch motiviert oder frei erfunden: Die neuen Publikationen zeigen, dass das alte Thema von Heimat, Ich und Zugehörigkeit Fragen aufwirft, für die man meist einen langen Atem braucht.

Die Zufälligkeit der Herkunft – und damit des eigenen Selbstverständnisses – beschreibt Stanišić in seiner Poetikvorlesung in Zürich folgendermaßen:

“In Bosnien hat es geschossen am 20. August 1992. In Heidelberg hat es geregnet. Es hätte auch Osloer Regen sein können, jede Heimat ist eine zufällige – dort wirst du halt geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Nieren an die Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.”

Kämpfe um Fiktionen der Wirklichkeit

Selbstverortung ist selbstverständlich immer auch Identitätssuche. Die hat Mithu Sanyal am pointiertesten  in „Identitti“ ausgetragen: „Identitätskämpfe sind Kämpfe um Fiktionen in der Wirklichkeit“, schreibt Sanyal im Nachwort. Es geht also nicht nur um das Gefühl an sich, sondern auch um dessen Erzählung. Also um Narrative als sinnstiftende Erzählungen von Identität(suche), von Heimat(suche), vom Ich in einer anderen, fremden Welt. Oder um Erzählungen vom Ich in der sich rasant verändernden Welt, die die alte Identifizierung obsolet erscheinen lässt. Selten wohl können wir uns noch als „ein unteilbares Ganzes“ fühlen. „Identitti“ macht aus dieser Frage auch einen großen (Lese)Spaß.

Insofern passt der Boom der Autofiktion in unsere wandelbare Zeit. Und präsentiert das Thema schillernd, bunt, schräg, provozierend, oft in neuen Formaten und Formen.

Narrativ von uns selbst

Jede/r kann das an sich selbst und seiner Biographie ausprobieren – z.B. durch das einfache Ersetzen von Ich zu Sie/Er oder durch den erweiterten Blick unser Narrativ von uns selbst in der Welt beeinflusst. Und wer weiß, vielleicht gehören wir ja dann zu den Glücklichen, die das Daheim-Gefühl in sich selbst finden und nicht mehr abhängig sind von Faktoren, die man nicht beeinflussen kann? Schön wär’s, jedoch ist – spätestens seit Annie Ernaux, aber eigentlich schon mit Doris Lessings „Das goldene Notizbuch“ klar, dass das Individuum allein nicht mehr ausreicht, um sich auf immer und ewig stabil in der Welt zu verorten.

Große Themen, kleine Formen: Vielleicht probieren Sie einmal das „autobiographische Experiment“ aus?

 

Foto: Photo by Sam Burriss / Unsplash

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