Haus an der Schlei

Leben im Corona-Country – von Jochen Witte

Leben im Corona-Country – von Jochen Witte

Jochen Witte hat als Unternehmer und Manager in der Softwarebranche gearbeitet. Jetzt segelt er und schreibt Geschichten.

Es klingelt an der Tür

Es klingelt an der Tür. Seltsam, wer kann das sein? Vielleicht unser Nachbar von gegenüber? Aber in diesen ansteckenden Zeiten meiden wir den Kontakt. Wenn wir uns draußen im Garten sehen, sprechen wir aus sicherer Distanz.
Ich lege mein Buch beiseite und betrete den kleinen Flur. Durch die Glasscheibe in der Haustür sehe ich zwei Polizeibeamte. Das ist das erste Mal in den bald sechzig Jahren meines Lebens, dass die Polizei bei mir klingelt. Ich ahne, worum es sich handeln könnte und öffne die Tür.

Ein Beamter steht etwa zwei Meter von mir entfernt, sein Kollege hält noch größeren Abstand. Wirken sie verlegen, oder kommt mir das nur so vor?
Höfliche Begrüßung, wir nicken uns zu. Ob wir aus Wiesbaden kämen, fragt der mir Näherstehende und zuckt mit seinem Kopf in Richtung unseres Wagens, der unter dem Carport abgestellt ist.

Mit Nebenwohnsitz gemeldet

Das sei nur ein Mietwagen, wir kämen aus Dortmund, erwidere ich. Aber wir seien hier mit Nebenwohnsitz gemeldet. Wir seien keine Touristen, beeile ich mich zu versichern. Touristen sind nämlich seit ein paar Tagen nicht mehr erwünscht. Man will sie nicht mehr haben in Schleswig-Holstein. Sie sind von Bringern des Geldes und zu Bringern von Viren mutiert, von geschätzten Kunden zu gefährlichen Infektionsträgern. Aber wir sind hier gemeldet mit Nebenwohnsitz, das ist unser Haus. Wir haben ein Recht, hier zu sein, denke ich. Ich habe vor ein paar Tagen, als die Sache mit den Touristen durch das Internet geisterte, beim Einwohnermeldeamt nachgefragt und mir eine „erweiterte Meldebescheinigung“ zuschicken lassen. Ich bin ein bisschen stolz auf meine Umsicht und freue mich schon darauf, gleich die Bescheinigung aus dem Sekretär zu holen und damit unser Aufenthaltsrecht nachzuweisen.

Der Beamte schüttelt den Kopf. Es gäbe jetzt eine neue Verordnung, die die Nutzung von Zweitwohnungen untersage und reicht mir ein Schreiben. „Allgemeinverfügung des Kreises Schleswig-Flensburg über das Verbot der Nutzung von Nebenwohnungen“, lese ich.

Werden wir gerade aufgefordert, unser eigenes Haus zu verlassen?

Kann das wahr sein? Werden wir gerade aufgefordert, unser eigenes Haus zu verlassen?   Er bedauere das, sagte der Beamte, aber wir müssten den Kreis Schleswig-Flensburg bis Null Uhr des heutigen Tages in Richtung unseres Erstwohnsitzes verlassen. Das ist mal ein ordentlicher Satz, denke ich, dringlich und präzise. Nichts Schwammiges, wie fahren Sie nach Hause. Nein, verlassen Sie die Gegend in Richtung ihres Erstwohnsitzes.

Ich versuche eine Argumentation, will mich nicht fügen. Warum das denn? Wir säßen hier in unserem eigenen Haus, auf unserem eigenen Grundstück, in ländlicher Umgebung. Eine perfekte Isolation. In Dortmund wohnten wir in einem Haus mit zwei anderen Mietparteien. Ich spreche von einem deutlich erhöhten Infektionsrisiko. Ich bemühe mich um einen Tonfall der Vernunft. Jeder, der um diesen Sachverhalt weiß, muss doch die Sinnlosigkeit dieser Verfügung erkennen.

Wenigstens erklärt er uns unsere Dummheit noch

Der Beamte spricht von der Anzahl der Krankenhausbetten, die auf die Anzahl der Einwohner abgestimmt sei. Falls wir krank würden, könnten wir einem Einheimischen die Versorgung streitig machen. In Dortmund gebe es mehr Krankenhauskapazitäten als hier und deshalb müssten wir zurück. Na klar denke ich, man will nur unser Bestes. So ist das jetzt in Deutschland. Der Staat weiß wieder am besten, was gut ist für seine Bürger.

Aber wenigstens erklärt er uns unsere Dummheit noch.

Ich habe eine andere Idee. Was denn geschehe, wenn ich die Anordnung ignoriere, will ich wissen. Ich versuche ein schelmisches Grinsen. Dann befände ich mich im Bereich des Strafrechts, erklärt der Beamte streng. Er spricht von Geldstrafen bis 25.000 Euro. Mein lieber Scholli, denke ich, noch nie war es so teuer, sich in seiner eigenen Wohnung aufzuhalten.

Zum Abschied bittet der Beamte noch darum, nicht auf sie zu schimpfen. Sie würden nur ihre Arbeit machen, sie seien nur die Boten. Es ist ihm unangenehm, er weiß, wie unsinnig diese Verordnung ist.

 

Die Autobahn ist leergefegt

Kurz nachdem die Polizisten gegangen sind, kommt meine Frau von einem Spaziergang zurück. Ich erkläre ihr die Situation und wir empören uns gemeinsam. Dennoch packen wir unsere Sachen und fahren los. Die Autobahn ist leergefegt, der Himmel blau und wolkenlos.

Wir besprechen die Lage. Meine Frau hatte bei ihrem Spaziergang ein Ehepaar getroffen, deren Tochter als Ärztin in einem Krankenhaus in Schleswig arbeitet. Dort gebe es noch keinen einzigen Corona-Patienten. Am Abend bei Anne Will berichtet der Ministerpräsident des Saarlandes, dass sie dort natürlich auch Franzosen behandeln würden, wenn die Kapazitäten es zuließen, das gebiete die Menschlichkeit. Stimmt, denke ich. Aber warum sind Franzosen in Deutschland behandlungswürdiger als Dortmunder in Schleswig?

Schon seit vierzig Jahren fahren wir in diese Gegend. Wir lieben die Schlei, dieses eiszeitalte Gewässer, die sanften Hügel, die vom Wind schief gedrückten Bäume. Früher waren wir Touristen, aber seit zwölf Jahren besitzen wir dieses Haus. Ein Haus, das wir jetzt nicht mehr nutzen dürfen.

Vor vier Tagen kam die Meldung, dass Touristen das Land verlassen sollten. Dann tauchten am Strand Schilder auf mit entsprechenden Hinweisen. Kein Wort des Bedauerns, keine Bitte um Verständnis. Noch nie hat sich Land so viel Mühe gemacht, seine Freunde und Besucher zu verscheuchen.

Die Menschen im Dorf, hätten sie in den letzten Tagen etwas merkwürdig angesehen, meint meine Frau. Der Dienstleister, der regelmäßig für uns arbeitet, habe sie nicht gegrüßt.

Wir mochten immer die knorrige, wortkarge Art der Leute hier. Hart aber herzlich! Von herzlich ist nicht mehr viel übrig.

(Foto Jochen Witte)

 

 

 

 

Corona, Polizei, Schlei

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