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Eisprinzessin

Alte Liebe – Fast ein Märchen – von Claudia Hafner

Claudia Hafner lebt mit Mann und zwei Kindern in Berlin. Am meisten begeistert sie am Schreiben, wenn sich aus blassen Figuren eigensinnige Charaktere entwickeln, wenn die Wangen rot und die Straßen lebendig werden. Alte Liebe ist ihre erste Kurzgeschichte. Sie entstand im Online-Kurs Literarisches Schreiben

Alte Liebe – Fast ein Märchen

Oktober 1985

Isabella Rosinello sitzt im Café Sonnenblick, starrt auf den verhangenen Wannsee und feiert sowohl ihren fünfunddreißigsten Geburtstag, als auch ihre heutige Krankmeldung. Allein.

Der Tag gehört nur ihr und das schönste Geburtstagsgeschenk ist der feine Nieselregen, der Isabella eine leere Terrasse beschert. Sie liebt es, draußen zu sitzen. Die frische Luft schützt vor der Kurzatmigkeit in geschlossenen Räumen und der Regen vor den Blicken von Nachbartischen, die ansonsten gerne mal zwischen doppelter Portion Sahne und der diese verspeisenden Dame hin und her huschen.

Nach drei Jahren regelmäßiger Besuche im Sonnenblick zählt Isabella zu den Stammgästen. Einmal im Monat fährt sie vom Nollendorfplatz zum Wannsee und gönnt sich dort einen Milchkaffee plus Schwarzwälder Törtchen, geht ein paar Schritte am Wasser entlang und fährt wieder zurück in ihre kleine Wohnung in der Goltzstraße.

Auch heute soll das Törtchen im Reigen mit einem Milchkaffee den Anfang machen. Und dann – man wird sehen! Es ist ihr Tag. Ab morgen will Isabella eine Diät machen, zumindest abnehmen, denn es ist ihr größter Wunsch, nach zwanzig Jahren Abstinenz wieder aufs Eis zu gehen. Mit ihrem derzeitigen Gewicht kann sie das nicht tun, sie würde ausschließlich daran denken können, was die anderen Menschen über das Walross auf dem Eis hinter vorgehaltener Hand reden. Wie Kinder offen, Erwachsene verstohlen Kommentare abgeben über Eisbelastungsgrenzen und dergleichen – nein, es wäre kein Genuss, es wäre ein reiner Spießrutenlauf und das ist es nicht, was Isabella sich erträumt. Sie will schweben, die Zeit vergessen, den Fahrtwind auf der Haut spüren, vielleicht einen kleinen Sprung wagen, vorher spüren, wie der Atem schneller geht, die Konzentration und ein klein wenig auch die Aufregung zunimmt und dann – abheben. Ab morgen will Isabella den dieses Mal ernst gemeinten Versuch unternehmen, mindestens zwanzig, besser noch fünfzig Kilo abzunehmen. Aber heute darf es krachen. Es ist ihr Geburtstag, sie will sich mit allem beschenken, was den Gaumen erfreut und niemand, nicht einmal ihre Freundin Oktavia darf sie dabei stören.

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„Darf ich?“ ein älterer Herr lächelt Isabella freundlich entgegen. Die rechte Hand liegt fragend auf der Rückenlehne des freien Gartenstuhls. Irritiert schaut sich Isabella um. Sie zählt in etwa zwanzig Tische, die im morgendlichen Sonnenschein noch hoffnungsvoll eingedeckt worden waren und jetzt verwaist und leer im Regen trauern. Platz genug für mehrere Fußballmannschaften – und da steht ein alter Mann, leicht nach vorne gebeugt, mit einer großen verwitterten Ledertasche und droht, Isabellas Privatgenussstunden zu sprengen.

„Aber natürlich“, sagt Isabella, „Platz genug – bitte!“

„Das ist schön, mein liebes Kind! Wir wollen doch nicht so alleine unseren Geburtstag verbringen, nicht wahr! Zu was darf ich Sie einladen?“, zwitschert der Alte fröhlich. Wir, denkt Isabella, wollten schon unseren Geburtstag ganz alleine verbringen und wir sind ganz sicher auch kein Kind mehr und schon gar nicht ihres. Was will der Kerl?

„Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich habe schon bestellt – Danke! Woher …?“

„Ach, Isabella“, unterbricht der Alte, während er seinen Gehstock an den Tisch lehnt und sich umständlich neben Isabella niederlässt, „Ach Isabella, woher wir uns kennen? Das ist eine sehr lange Geschichte und eine andere dazu. Heute geht es doch nur um Sie, mein liebes Kind“.

Schon wieder!

„Ich will auch nicht lange stören, nicht wahr. Ein kleines Kirschwässerchen – das passt wunderbar zu Ihrem Törtchen und schon bin ich wieder weg!“

Wie bitte? „Nein, nein – Sie stören nicht. Ich habe … ähh … Zeit genug.

„Oh doch, meine Liebe. Ich störe, und wie ich störe. Das ist – sozusagen – mein Beruf. Kurzum – ich bin hier, um Ihnen ein Geschenk und einen Rat zu geben!“ Der Alte lächelt Isabella liebevoll an, öffnet die Ledertasche, die er neben sich gestellt hatte, und kramt ein großes Paket hervor. Lilafarbenes Seidenpapier mit maisgelbem Geschenkband schmückt das sperrige Paket. Der Alte stellt das Geschenk vorsichtig auf dem Tisch ab, seine knöcherne Hand liegt sanft auf der gelben Schlaufe und für einen kurzen Moment scheint er die Welt um sich herum einschließlich der inzwischen sprachlosen Isabella vergessen zu haben. Dann aber hebt er langsam den Kopf:

„Da ist es also. Mein Geschenk. Ich gratuliere von ganzem Herzen zu ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag. Nutzen Sie das Geschenk. Das Leben ist endlich. Und wie eine gute Freundin mir einmal sagte – ich darf zitieren: Die Leut´ tun oft nix, weils Angst haben, was falsch zu machen. Und dann hams was falsch gmacht, weils nix gmacht ham. Na, meine Liebe, wie habe ich das hinbekommen, das bayerische Idiom? Herrlich! Dafür habe ich sehr lange geübt. Nun denn, das wird wohl nichts mehr mit meinem Kirschwässerchen. Lahmer Service. Machen Sie´s gut, meine Liebe.“ Ächzend erhebt sich der Alte, nimmt Stock und Tasche und schlurft langsam davon.

Inzwischen hat sich der feine Nieselregen zu einem ausgewachsenen Schauer entwickelt. Isabella sitzt und starrt regungslos der grauen Gestalt hinterher. Seine Konturen beginnen im Regen zu verschwimmen. Auf den Sonnenschirm trommeln die Regentropfen ein wildes Staccato. Isabella sieht, wie sich der Alte kurz umdreht, ihr zuwinkt und irgendetwas ruft. Sie versteht unter ihrer Lärmglocke nur einzelne Worte. “Dreimal noch … sehen wir uns“, das ist das Einzige, was sie deutlich vernehmen kann.

„Was?“, flüstert sie mit brüchiger Stimme.

„Kann ich gleich kassieren?“

„Hallo!?! Kann ich dann gleich kassieren?“

Neben Isabella steht eine junge Frau mit weißer Schürze und stellt ein Tablett neben das Geschenk, das noch immer auf dem Tisch liegt. Den Regenschirm hat sie sich zwischen Kopf und Schulter geklemmt.

„Bei dem Sauwetter ist die Terrasse jetzt geschlossen. Also, achtneunzig bitte. Nochmal komm ich hier nicht raus!“

„Ja, ja – entschuldigen Sie. Ich … hier, stimmt so. Entschuldigung.“ Isabella zahlt und starrt noch eine Weile auf ihre Bestellung und ihr Geburtstagsgeschenk. Dann nimmt sie das Paket und geht. Das Schwarzwälder Törtchen, die doppelte Portion Sahne und der cremig gerührte Milchkaffee bleiben unangetastet zurück. Zwei Stunden später räumt die junge Frau mit der weißen Schürze kopfschüttelnd ein trauriges Stillleben ab.

***

Isabella wohnt in einer kleinen Zweizimmerwohnung im Hinterhaus eines typischen Berliner Wohnblocks mit Vorder- und Gartenhaus und den Seitenflügeln. Ein steinerner Löwe bewacht den Eingang des Jahrhundertwendebaus. Sie vergisst nie, das treue Tier zu tätscheln, wenn sie nach Hause kommt.

Hinter einer kleinen Küche, einem noch kleineren Bad mit WC und einem Wohn- und Esszimmerschlauch befindet sich Isabellas Lieblingsplatz im Schlafzimmer: Ein großes und hohes Kastenbett mit direktem Blick auf einen riesigen Fernseher, der die junge Frau mit allen aktuellen Kanälen beglückt. Seit Einführung des Kabelpilotprojektes sind es viele neue Kanäle, die Isabella sieht, aber sie ist auch mit den DDR-Programmen zufrieden, weil dort die Welt noch heil ist. Bett und Fernseher benötigen so viel der freien Schlafzimmerfläche, dass sich der Kleiderschrank in den Flur zurückziehen musste. Ein trauriges Möbel, das durch ein wenig Pflege und Auffrischung durchaus ein stolzes Meisterstück aus Rotbuche hätte sein können. Bekam er aber nicht. So dient er allein der Aufbewahrung verschiedenster XXL-Kleidungsstücke, die zur Hälfte in schwarz, zur anderen Hälfte in bunten Pastelltönen ordentlich aufgereiht sind. Seit die Dielen von verbrecherischen Lack- und Ochsenblutschichten befreit wurden, bewegt sich Isabella zumeist barfuß durch die hellen Räume, schlittert ein wenig über das glatte Holz und dreht ab und zu eine kleine Pirouette – ein Relikt an ihre Zeit als Eiskunstläuferin. Heute vor genau zwanzig Jahren hat sie diesen Sport an den Nagel gehängt hat. Die einzige Erinnerung an diese Zeit ist ein kleines Foto, das versteckt hinter der Schlafzimmertür hängt. Darauf sieht man ein junges Mädchen, das mit strahlendem Lächeln in einer Arabeske auf die Kamera zufährt. Schwarze, streng nach hinten gekämmte Haare umrahmen das schmale Gesicht und ein altrosafarbenes Kleidchen, dessen Ärmel und Dekolleté in Spitzenbesätzen bis zum Hals und den Handgelenken reichen, betont den schmalen Körper.

Sieht man vom kunstvoll geschwungenen Lidstrich über den dunkelbraunen Augen ab, sitzt Isabellas Selbstfürsorge zu hundert Prozent in ihrem Haupthaar. Mindestens zwanzig Minuten beschäftigt sie sich morgens mit ihrer Haarpracht. Jede Strähne ist drapiert und jedes lässig scheinende Nest ein kunstvolles Arrangement, das Zufälligkeit ausstrahlen soll. Eine Zufälligkeit, der nur durch das himmelblaue oder schwarze Haarband eine Ordnung widerfährt, ansonsten aber die inzwischen braun-kupferfarbenen Strähnen frech in alle Richtungen wirft. Den Worten ihrer Freundin Oktavia „Du solltest dich mal kämmen“, begegnet Isabella grundsätzlich mit gespielter Heiterkeit, dem nicht ausgesprochenen Satz: „Wenn du wüsstest“ und dem ausgesprochenen: „Keine Zeit!“

 

Es ist kurz nach zwei. Isabella steht vor dem Badezimmerspiegel und sieht sich dem Desaster gegenüber, das das Unwetter auf ihrem Kopf angerichtet hat. Die sorgfältig gepflegte Frisur klebt platt am himmelblauen Haarband. Der schwarze Lidstrich hat sich über die gesamte untere Gesichtshälfte verflüssigt. Isabella tropft wie ein begossener Pudel und, als sei das nicht genug, gesellt sich zu den Wasserperlen auch noch salziges Augenwasser. Ihr Gewicht bewegt sich seit mehr als einem Jahr im dreistelligen Bereich, sie hat einen einzigen Menschen, mit dem sie etwas mehr als nur oberflächliches Geplänkel teilt und saß an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag allein am Wannsee, allein.

Nun ja, doch nicht ganz allein – und dann hams was falsch gmacht, weils nichts gmacht ham.

Die Worte des Alten drängeln sich durch die Reihen der schwarzen Gedanken auf der inneren Anklagebank nach vorne. Bayerisch vorwitzig erinnern sie sie an das Geschenk, das Isabella achtlos in den Flur geschmissen hatte, als sie endlich ihre Wohnungstür hinter sich zumachen konnte. Das Seidenpapier ist völlig aufgeweicht. Unter dem Paket breitet sich eine blassviolette Pfütze aus.

Ich bin nicht verrückt geworden. Das hier ist ein ganz reales, nasses Paket. Ein Geschenk. Warum und von wem auch immer. Es ist mein Geburtstagsgeschenk! Ich habe heute Geburtstag – verdammt nochmal!

Irgendwie belebt, quasi rekonvaleszent, nimmt die in Handtüchern eingepackte Isabella das in Handtüchern eingepackte Paket und wandert zu ihrem Lieblingsplatz, dem Kastenbett. Dort sitzt sie nun, neben sich einen dampfenden Kakao und zwei Stücke Marmorkuchen. Auf dem Nachttisch blinzelt die Geburtstagskerze. Sorgfältig öffnet Isabella das Paket. Weiße, nagelneue Schlittschuhe liegen feierlich im Karton.

Isabella weiß nicht, wie lange sie die Schuhe gestreichelt hatte, sie weiß auch nicht, wann der Kuchen gegessen, der Kakao getrunken war. Sie weiß nur, dass in dieser Zeit ein Entschluss gereift sein musste.

Zum zweiten Mal an diesem Tag packt sie ihre Sachen. Die Frisur wird notdürftig gerichtet, heute ist tatsächlich keine Zeit. Nur der Lidstrich bekommt seine gewohnte Zuwendung.

Isabella steuert auf die U-Bahn zu. Der Regen hat sich gelegt. Die Sonne beginnt verspätet mit ihrer Arbeit und flutet die Goltzstraße mit grellem Licht. Dampfschwaden wabern auf den Gehsteigen. Es riecht frisch und gereinigt. Isabella geht an ihrem Arbeitsplatz vorbei, der nur zwei Häuserblocks von ihrer Wohnung entfernt liegt. Hinter der großen Glasscheibe von Prolernen sieht sie ihre Freundin und Kollegin mit zwei Nachhilfeschülerinnen. Oktavia bemerkt Isabella nicht. Gegenüber vor der Tischlerei steht dieser Typ, mit dem sie unbedingt und bald mal ein Wörtchen reden muss. Es kann nicht sein, dass sie sich das alles einbildet. Wenn sie Pause macht, macht er Pause. Wenn sie nach Hause geht, verlässt er grade die Tischlerei, und wenn sie morgens ankommt, steht er schon da, lächelt ihr zu und nickt kurz von da oben. Er ist riesig und breit, wie ein Schrank. Mit Ringel-T-Shirt könnte man ihn für Popeye halten. Das geht jetzt seit Wochen so. Und gestern stand er an der Ecke zur Schwäbischen Straße, als sie ihren Haustürschlüssel suchte. Da ist sie sich ganz sicher. Er war das. Auch wenn er so getan hat, als würde er sie nicht sehen. Mantelkragen hochgeklappt, Blick auf dem Handy festgefroren. Unheimlich ist er, irgendwie lauernd hinter dieser freundlichen Fassade. Morgen geht Isabella zu ihm und spricht ihn an: „Guten Tag der Herr! Lassen Sie das bitte bleiben, mich immer so anzustarren!“. Er sagt: „Aber natürlich! Entschuldigen Sie bitte vielmals!“. Dann ist Ruhe. Morgen geht sie zu ihm – nicht heute. Heute hat sie keine Zeit. Heute stehen andere Dinge an.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, Isabella starrt auf das Schild am Eingang des Wilmersdorfer Eisstadions.

Saisonbeginn: Samstag, 10. Oktober 1985 9:00 Uhr

Die Oktobersonne zeigt sich in voller Blüte. Die Regenschlacht ist gewonnen. Nur ein paar kleine Wasserlachen zeugen noch vom morgendlichen Kampf. Isabella sitzt auf einer Bank vor dem Eisstadion. Es ist der 9. Oktober und immer noch ihr Geburtstag. „Was für ein Tag,“ murmelt sie vor sich hin, „was für ein komischer, seltsamer Scheißtag!“ Dann macht sie sich auf den Nachhauseweg.

Am Nollendorfplatz steht eine große schlanke Frau mit kurzen roten Haaren und schließt Isabella in ihre Arme.

„Du spinnst wohl. Weißt du, wo ich dich überall gesucht habe?“, faucht die junge Frau Isabella an, dann beginnt sie laut und inbrünstig Happy Birthday zu singen.

„Hör auf, Oktavia, ich bin ja da. Hör bitte auf! Wie hast du mich gefunden?“, fragt Isabella in der Hoffnung, dass ihre Freundin sich wieder dem Sprechen widmet.

„Zufall! Ich lauf hier schon ´ne ganze Weile durch die Gegend auf der Suche nach Geburtstagskindern!“

„Da hast du ja Glück. Ich bin eines!“

„Soll ich nochmal singen?“

„Nein“

Gemeinsam schlendern sie die Goltzstraße entlang.

„Oktavia – am liebsten würd ich nach Hause …“

„Isabella – du hast Geburtstag und gehst jetzt mit deiner besten Freundin einen Kaffee trinken. Das bist du ihr schuldig! Du vernachlässigst sie!“ Oktavia greift Isabella unter den Arm, krallt sich fest und zieht die Unwillige mit sich. „Na gut – aber nur kurz! Ich muss noch Übungsblätter auswerten!“, brummt Isabella.

„An deinem Geburtstag! Haha!“

Oktavia und Isabella sind ein bemerkenswertes Paar. Pat und Patachon hatte sie irgendein Spaßvogel mal genannt. Oktavia – groß und hager, Isabella – klein und rund. Isabella ist sich der belustigten Blicke vieler Passanten durchaus bewusst, Oktavia fehlt dafür jeglicher Sinn. Und wenn sie es wahrgenommen hätte, wäre es ihr vollkommen egal gewesen. Nicht nur äußerlich verbindet die beiden Frauen das physikalische Gesetz der sich anziehenden Gegensätze.

Oktavia zieht Isabella zielstrebig am Kardamon vorbei, wo sie sich ihren Sitzplatz hätten aussuchen können, und zwängt sich durch die gepfropften Reihen der Schöneberger Szenekneipe Schimmel, um am hintersten Minitischchen zwei freie Plätze zu ergattern.

„Wie können Leute nur so blöd sein, in eine Kneipe zu gehen, die sich selbst Schimmel nennt?“, flötet Oktavia.

„Ad eins, liebe Oktavia, hätten wir im Kardamon die freie Auswahl gehabt. Ad zwei scheinst du dich zwanglos zu den Blöden zu zählen. Respekt!“, flötet Isabella zurück.

„Wer ist Ad? Hast du jemanden kennengelernt? Sag’s mir! Und dann noch zwei! Isabella – ich reiß mir hier den Arsch auf und du schleppst gleich zwei Typen an, gibt’s das?“ Blaugrüne Augen unter lavendelfarbenem Lidstrich blitzen Isabella entgegen.

„Du bist eine Strafe, Oktavia!“ Isabella blättert lustlos in der Karte, die sie dank Oktavia inzwischen in- und auswendig kennt.

„Und du ein Geschenk! Bitteschön“, Oktavia überreicht Isabella ein hellbraunes Kuvert, bemalt mit schwarzen Herzen und einer großen weißen Schleife. Das zweite heute, schmunzelt Isabella.

Im Kuvert liegt eine Einladung zum Abendessen ins Da Maria.

„Oktavia! Das ist die beste Pizzeria, die ich kenne und die teuerste, wahnsinnig teuer. Und nie freie Plätze!“, Isabellas Blick wandert zwischen Einladung und Freundin hin und her.

„Deshalb, meine Freundin, drängt die Zeit. Der Abend naht und ich bin heilfroh, dass ich dich noch erwischt habe! Also – hop, hop, verspeis dein Törtchen! Dann verschwinden wir von hier. Um acht Uhr steht ein Tisch für uns bereit und – ta ta ta – eine weitere Überraschung! Du wirst staunen.“

***

Isabella ist heilfroh, endlich zu sitzen. Das Da Maria ist teuer, edel und eng. Eine Zumutung für eine 120 Kilo-Person, findet Isabella, nachdem sie sich unter vielfachen Entschuldigungen durch die Stuhlreihen gequetscht hatte. „So stell ich mir den Speisesaal einer Heilfastenkur vor mit Geld-zurück-Garantie, wenn man nach drei Wochen immer noch nicht durch die Stuhlreihen passt!“, mault Isabella, die sich in dem schicken Ambiente unwohl fühlt.

„Stänker nicht rum, genieße!“, erwidert Oktavia fröhlich und bestellt lautstark zwei Prosecco.

„Kommt noch wer? Oder können die nicht zählen?“, fragt Isabella betont leise, in der Hoffnung, Oktavias Sprechorgan auf ein niedrigeres Niveau einzustimmen. Auf dem frischgestärkten Tischtuch liegen vier Gedecke bereit.

„Isabella, mein Schatz, hab ich Überraschung gesagt? Habe ich Überraschung gesagt? Ja das habe ich! Du bist die beste und tollste Freundin, die ich je hatte. Nein, sag jetzt nichts. Ich weiß, was du denkst. Die Oktavia, die ist so ein Hans-Dampf in allen Gassen, die kennt doch Gott und die Welt und und und. Stimmt! Aber trotzdem bist du und nur du meine beste und meine allerliebste Freundin. Und deshalb bist du die Erste, der ich heute den Mann vorstellen werde, den ich heiraten will!“

„Waaass?!?“

„Jepp!“

„Du willst was – heiraten!?! Aber wieso weiß ich nichts davon, du erzählst doch sonst immer alles. Wie lange kennt Ihr euch? Wer ist es?“

„Wirst du gleich sehen. Also – du weißt nichts davon, weil ich mir erst ganz sicher sein wollte. Wir kennen uns jetzt – näher, du verstehst – seit zwei Wochen. Und heute sollst du ihn kennenlernen. Und weil drei eine blöde Zahl ist, bringt er seinen Freund mit!“

„Oktavia – du bist schlimmer als eine Strafe – du bist eine Plage. Was sage ich, du bist alle zehn Plagen zusammen. Und eine elende Kupplerin dazu. Den Freund von deinem Angebeteten, den kannst du dir in die Haare schmieren! Aber ich – ach …“ Isabella spürt, wie ihr die Tränen in die Augen steigen, sie spürt, wie ihre mächtige Gestalt in sich zusammenfällt, als sei sie ein Luftballon, in den man eine Nadel piekst „… ich mag dich so sehr, Oktavia. Ich liebe dich für deine Verrücktheit, deine Spinnereien, ich bin so froh, dich als Freundin zu haben. Ach, Mensch – ich will einfach nur, dass es dir gut geht. Und wenn dir dieser Typ auch nur im Ansatz weh tut, dann Gnade ihm Gott!“

Oktavia betrachtet Isabella erstaunt. So kennt sie ihre Freundin nicht. Tränen in den Augen, verschmierter Kajal, völlig aufgewühlt.

„Sag mal, Isabella, du bist doch nicht etwa verliebt in mich?“, fragt sie nach einer Weile.

„Nein, nein, versteh mich nicht falsch. Ich bin durcheinander. Dieser Tag heute . wie Achterbahnfahren. Nein, schlimmer. Weißt du, es ist … ich … ich hatte vor ziemlich langer Zeit eine Freundin. Eine sehr gute Freundin. Wie dich! Eine Schlittschuhläuferin, so wie ich. Wir waren gut – beide. Nachwuchstalente. Und wir hatten so einen miesen Trainer – einen Grabscher, ekelhafter Typ…“

„Isabella, davon hast du mir nie erzählt!“

„Ich hab’s vergessen, Oktavia. Zumindest hab ich’s versucht.“

„Und dann?“

„Sie ist tot. Verhungert. Magersucht – hat einfach nichts mehr gegessen. Es war furchtbar. Und sie hat nicht mehr mit mir geredet. Oktavia – verstehst du. Ich bringe nichts Gutes. Ich wollte den Trainer anzeigen, umbringen – aber er war nicht alleine schuld – mit mir hat sie nicht mehr geredet. Mit mir!“

Isabella schaut sich um. Sie erhascht ein paar auffällig unauffällige Blicke.

Was ist nur los mit mir, denkt sie, krieg einen Heulanfall, erzähl uralte Geschichten, längst vergessen und das alles im Restaurant, in einem piekfeinen noch dazu.

Isabella spürt die kräftige Hand Oktavias auf ihrem Handgelenk.

„Danke Isabella! Ich dachte immer, dass du mich für so eine oberflächliche Quasseltante hältst und dass du mir deswegen nichts von dir erzählst. Jetzt weiß ich es besser. Du bist ein Schatz! Ein ganz großer!“, Oktavia beugt sich über den Tisch und küsst die verdutzte Isabella auf den Mund. Dann hebt sie das Glas und prostet Isabella zu: „Auf unsere Zukunft. Möge die Vergangenheit in Frieden ruhen! Amen!“

„Wann die Kellner uns wohl bitten, eine andere Lokalität aufzusuchen?“, flüstert Isabella schluchzend und grinsend.

„Oha, hoher Besuch!“, sagt Oktavia mit Blick auf zwei Männer, die sich einen Weg zu ihnen bahnen. Isabella erkennt den Typen, der in der Tischlerei arbeitet. Der sie immer so angestarrt hat. Mit dem sie mal ein Wörtchen reden wollte. Nicht der, denkt sie.

„Darf ich vorstellen. Roy und Schmidt. Also Roy ist der Große und Schmidt der Kleine. Nichts für ungut, Schmidt“, sagt Oktavia und klopft Schmidt liebevoll auf die Schulter. Roy drückt Isabellas Hand. Graublaue Augen schauen in die ihren, er lächelt – ein warmes, liebevolles Lächeln. Isabella starrt Roy an. Ein wohliges Gefühl durchströmt ihren Körper. Sie will diese Hand nicht loslassen. Sie will ewig sitzen, in diese Augen schauen. Die Zeit steht still. Es gibt nur noch ein Lächeln, einen Händedruck und graublaue Augen. Nur die Geigen schweigen. Dafür spricht Oktavia:

„Das isser, liebe Isabella. Das ist der Mann, den ich heiraten werde!“ Roy runzelt für einen kurzen Moment die Stirn, dann setzt er sich zu Oktavia und küsst sie.

Für drei der anwesenden Personen wird es ein sehr schöner Abend. Roy erzählt, wie ihm Schmidt nach anfänglicher Abneigung nun doch ans Herz gewachsen sei, und dass er ihn zuvor für einen hohlköpfigen Angeber gehalten hatte. Oktavia erzählt von ihrem ersten Date mit Roy, wo sie sich ganz furchtbar in die Haare kriegten, wegen Schädlingsbekämpfungsmitteln, die Oktavia in jeglicher Form ablehnt, Roy hingegen für äußerst hilfreich hält. Schmidt erzählt, dass er durchaus ein hohlköpfiger Angeber gewesen sei, was bei seiner mangelnden Größe doch nachvollziehbar wäre. Isabella lacht, hört zu mit roten Wangen, fängt ab und zu einen nachdenklichen Blick von Roy auf und fühlt sich so lebendig wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Zu Tode betrübt – himmelhoch jauchzend.

Mein fünfunddreißigster Geburtstag, denkt Isabella, was für ein wunderbarer, entsetzlicher Scheißtag.

 

Oktober 2005

Isabella Rosinello sitzt im Café Sonnenblick und schaut auf den Wannsee, der in der Mittagssonne glitzert und schimmert, als müsste er im Schönheitswettbewerb gegen Alpenseen antreten. Das Sonnenblick hat sich verändert. Die Gartenstühle sind gegen dunkelbraune Korbgeflechtimitate ausgetauscht, von denen aus man die schweren Holztische nur mit Mühe erreicht, die aber durch die cremefarbenen Sitzpolster durchaus schick wirken. Am Rand der Terrasse stehen vier wellenförmige Holzliegen, auf denen in der Oktobersonne sonnenbebrillte Menschen dämmern.

Isabella sieht von weitem zwei Menschen, die in ihre Richtung laufen. Ein junges Mädchen und einen kräftigen Mann. Meine Familie, denkt Isabella, mein kleines großes Glück. Sie lächelt.

Es hat sich viel verändert in den letzten zwanzig Jahren. Isabella wohnt immer noch in der Goltzstraße, auch tätschelt sie immer noch den steinernen Löwen, den irgendwelche Spaßvögel nachts mit unterschiedlichen Farben beglücken. Zur Zeit wacht er als rosarotes Untier über das Haus. Die kleine Gartenhauswohnung allerdings bewohnt Isabella nicht mehr. Sie ist mit ihrer Familie ins Vorderhaus gezogen, wo sie eine großzügige Vierzimmerwohnung im vierten Stock zu einem akzeptablen Preis mieten konnten. Mit umgezogen ist das Kastenbett, inzwischen zweimal neu aufgepolstert, der Schrank aus Rotbuche, eine Augenweide, seit sich der Hausherr und Tischlermeister um das vernachlässigte Stück kümmert und das Foto, das Isabella als dreizehnjährige Schlittschuhläuferin zeigt. Ansonsten erinnert nicht mehr viel an die alte Wohnung.

Auch Isabella hat sich verändert. Mindestens dreißig Kilo hat sie verloren, ohne Diät. Die Schwangerschaft verbrachte Isabella vorwiegend in der Nähe privater oder öffentlicher Toiletten, wo sie sich beharrlich fragte, ob diese wunderbare Zeit im Leben einer Frau für alle Frauen gelte, bis auf eine. Isabellas Freundin Oktavia zumindest war noch im achten Monat mit Friedhelm im Bauch den Darß entlang geradelt, hatte im Zelt übernachtet und gefuttert, als wäre sie Big Hoss aus Bonanza beim Wettessen.

Oktavia. Immer wieder lacht sich Oktavia in Isabellas Gedanken. Sie vermisst sie sehr.

„Ey Mama“, ruft Antonia, „du sitzt da wie ein Trauerkloß. Wetter super! Papa hat frei. Lach mal!“

Antonia umarmt ihre Mutter, küsst sie auf die Wange und lässt sich in die weichen Polster fallen. Isabella betrachtet das knochige Mädchen. Groß ist sie. Mit ihren sechzehn Jahren überragt sie die meisten ihrer Schulkameraden.

Nur die braunen Augen und der Hang zu wilden Frisuren lassen auf die Mutter schließen. Heute hat sie ihr dunkelbraunes Haar am Hinterkopf zu einem lockeren Dutt gedreht, der jeden Moment aufzugehen droht.

Zart wirkt sie mit den schmalen Lippen, den kleinen Ohren und den großen Augen. Die Nase hat sie von ihrem Vater, eine große römische Hakennase, die irritiert. Häufig muss Isabella erleben, wie Menschen, denen sie Antonia vorstellt, für einen kurzen Moment aus ihrer Rolle fallen. Wie sich ihre Blicke im Gesicht des Mädchens verfangen, um den Fehler zu finden, den Grund für die eigene Irritation. Antonia hasst ihre Nase, auch wenn sie vom besten Vater der Welt stammt.

„Viel Glück zu deinem fünfundfünfzigsten Geburtstag, meine Liebste!“, sagt Schmidt, „und wie versprochen, den Rest des Tages habe ich frei! Jetzt wird gefeiert. Du und ich und unsere über alles geliebte Tochter“. Schmidt zwinkert Antonia zu, übersieht deren Augenrollen und drückt Isabella fest an sich.

„Zuerst machen wir ein grandioses Gelage, dann fahren wir Tretboot, dann gehen wir tanzen und dann kommt das nächste Gelage. Ist das ein Plan? Ahhhh – und eines soll nicht vergessen werden, Moment!“

Schmidt kramt aus seiner Jackentasche ein kleines quadratisches Päckchen hervor, schwarz mit einer blassrosa Schlaufe, die das Dunkelleben in Schmidts Tasche nur mäßig überlebt hatte.

„Sag mal, Papa, kann sich das Geburtstagskind vielleicht auch mal selbst was wünschen, oder gibt’s da jetzt keinen Platz mehr zwischen Tretboot und dem restlichen Trara!?!“

„Da ist sie wieder!“, ruft Schmidt und schiebt die auf den Polstern ausgebreitete Antonia ein Stück zur Seite. „Und ich dachte schon, unsere pubertierende Tochter sei nur noch unsere Tochter!“

„Als erstes wünsche ich mir“, meldet sich nun auch Isabella zu Wort mit einem versonnenen Blick auf das kleine Päckchen in ihrer Hand, „ein Schwarzwälder Törtchen…“

„..mit doppelter Portion Sahne!“ tönt es unisono von der Bank.

Mein kleines großes Glück. Mach’s dir nicht kaputt, Isabella. Mach es dir nicht kaputt!

***

Arm in Arm schlendern Isabella und Schmidt am Wannsee entlang. Antonia hatte sich nach dem Törtchen und diversen Handy-Nachrichten verabschiedet und versprach, pünktlich um acht im Da Maria zu sein. „Das zweite Gelage lass ich mir sicher nicht entgehen, bis später!“, hatte sie gesagt und war verschwunden. Isabella verkniff sich die Frage, wen sie denn treffen wolle, nachdem Antonia erst kürzlich auf eine ähnliche Frage nur meinte: „Soll ich jetzt mein gesamtes Privatleben vor dir ausbreiten, oder was!?!“

Eine leichte Brise belebt die schlaffen Segel auf dem Wannsee und lässt die Segler aus ihrer sonnentrunkenen Lethargie erwachen. Am Himmel wandern kleine Wolkenfelder, an den Rändern ausgerissen.

Schmidt nimmt Anlauf und springt elegant über eine der rot-weiß gestreiften Schranken, die die Wege in den Wald nur für Forstarbeiten öffnen. Schmidt sorgt mit seinen sportlichen Einlagen immer wieder für Überraschungen. Man erwartet von der gedrungenen Gestalt mit dem deutlichen Bierbauchansatz eine gemütliche Trägheit, die Schmidt tatsächlich in der Regel an den Tag legt. Dann aber spurtet er plötzlich los oder springt über irgendwelche Hindernisse und verwandelt sich in ein flinkes Kraftpaket. Eine Bewegungseruption wie ein plötzlicher Vulkanausbruch – zielgerichtet, hochkonzentriert und lässig.

„Du kannst es nicht lassen!“, sagt Isabella.

„Stimmt. Die rufen mich, diese Dinger. Sobald ich eins sehe, muss ich rüber. Wahrscheinlich sitzt in irgendeiner Schranke eine Prinzessin, die nur ich befreien kann. Sie wird in mir den Frosch erkennen.“

„Und was mach ich dann?“, fragt Isabella.

„Na ja – du findest schon einen Anderen. Schmidts gibt’s wie Sand am Meer.“

Für einen ganz normalen Donnerstag sind ungewöhnlich viele Menschen unterwegs an diesem sonnigen 9. Oktober. Die Stadtmenschen saugen die sommerliche Herbstluft ein, als müssten sie auf Vorrat tanken, um den Berliner Winter zu überstehen. Eine friedliche und freundliche Atmosphäre kraucht am Wannsee entlang. Ein alter Mann geht an Schmidt und Isabella vorbei. Er nickt den beiden kurz zu, hebt seinen Hut zum Gruß und zwinkert Isabella zu, die, wie vom Blitz getroffen, stehen bleibt. Für einen Moment verlangsamt sich die Zeit, um die Erkenntnis aus den unteren Hirnwindungen zu schälen.

Das war er – kein Zweifel. Dasselbe alte verwitterte Gesicht, die gebückte Haltung, die knöchernen Hände! Das kann doch nicht sein!

„Hast du ein Gespenst gesehen?“, fragt Schmidt, „wer war das?“

„Ich – bin mir nicht sicher. Das kann eigentlich nicht sein. Das war – nein, das ist unmöglich.“ Isabella dreht sich um und sucht die Fußgänger nach dem Alten ab. Familien, Kinder, Pärchen, jung, alt, nirgendwo der Alte.

„Ey, Isabella, du bist ja ganz durcheinander. Was ist los?“

„Na ja – ich hab mal jemanden gekannt. Das ist ewig her. Der war damals schon so alt, müsste längst tot sein. Nein, ich hab den verwechselt!“

„Immerhin kennt er dich. Er wird ja nicht alle Leute so freundlich grüßen!“

Isabella denkt an die Schlittschuhe, die ganz unten versteckt im Schrank lagern. Morgen beginnt die neue Saison.

Damals nach dem ersten verunglückten Versuch – wie lange ist das her? Zwanzig Jahre? Zwanzig Jahre! Damals nach dem ersten verunglückten Versuch hatte es noch eine Weile gedauert, bis Isabella tatsächlich auf dem Eis stand. Angefeuert von Oktavia und anfangs sehr unsicher, stolperte sie übers Eis wie ein Auto mit Starterproblemen. Bald aber kam die alte Sicherheit zurück. Wie Fahrradfahren, das verlernt man auch nie. Isabellas Körper erinnerte sich. Er begann, sich zu strecken, aufrecht und grazil übers spiegelglatte Eis zu gleiten. Bögen zu fahren. Die Kanten zu wechseln. Die Richtung zu wechseln. Ganz von alleine. Ohne Mühen. Isabella heulte vor Glück. Es war, als ob eine verloren gegangene Melodie wieder zum Klingen gebracht wurde. Eine Komposition, die sich wieder an die Oberfläche spielte und von dort aus in jeden Winkel des Körpers drang. Manchmal ertappte sich Isabella sogar dabei, wie sie Anlauf nahm, wie ihr Spielbein ausholte. Dann aber ließ sie die Bewegung ausgleiten, setzte sich kurz an den Rand und machte eine Pause. Isabella wollte nicht springen. Sobald sie zum Sprung ansetzte, war der Zauber vorbei. Springen konnte sie nicht. Irgendetwas hielt sie zurück.

Oktavia war fast immer dabei. Sie liebte es, Isabella beim Schlittschuhlaufen zuzuschauen.

„Du leuchtest von innen beim Laufen“, rief Oktavia Isabella zu.

„Du spinnst“, lachte Isabella, „wie kann jemand von innen leuchten, wir sind doch keine Glühwürmchen.“

„Du schon.“

Für Oktavia waren Schlittschuhe Fremdkörper. Feinde, denen man seinen Willen aufzwingen muss. Die nicht daran denken, zu gehorchen. Oktavia konnte den ganzen Laden zusammenkreischen, wenn sie sich endlich von der Bande gelöst hatte. Die trotzdem nicht aufgab. Irgendwann konnte sie dann halbwegs sicher und ohne Sturz ein paar Runden drehen. Und irgendwann kam die Hochzeit. Isabella sieht das Paar vor sich, als wär es gestern gewesen.

Oktavia und Roy. Passt, dachte Isabella damals. Oktavia in ihrem bunten Hochzeitskleid unterhielt die Gäste an der langen Tafel, die unter den Obstbäumen eines alten Ausflugslokals im Tiergarten aufgebaut war. Erzählte Geschichten über Geschichten, die nie langweilig wurden. Roy sagte nur einen Satz, der sich eingebrannt hat in Isabellas Seele. „Sie isses!“ Dann prostete er den Hochzeitsgästen zu. Passt, dachte Isabella.

Später dann, als Isabella und Schmidt längst ein Paar waren, sagte Schmidt einmal, dass er dem Hochzeitspaar nicht mehr als ein Jahr gegeben hatte. Da waren sie schon seit fünf Jahren verheiratet und Oktavia schwanger. Roy baute unermüdlich an „Mutterns Datsche“ weiter, einem kleinen Häuschen mit riesigem Grundstück an den Ausläufern des Grunewaldes, das Oktavia geerbt hatte. Mindestens einmal in der Woche saßen Schmidt und Isabella in dem großen Garten oder im Haus. Friedhelm und Antonia tobten um die alten Bäume herum, spielten Verstecken und schlugen sich die Beine blutig, während Isabella Oktavias neueste Kaffeekreationen ausprobierte.

Im Herbst vor zwei Jahren eröffnete Oktavia Isabella, dass sie gehen muss. Isabella kann sich noch sehr genau an den Nachmittag erinnern. „An deinem nächsten Geburtstag werde ich nicht mehr da sein, Isabella.“ Es war sehr warm an dem Tag, sie saßen draußen auf der steinernen Terrasse. Die alten Laubbäume hatten mit ihrer Wintervorbereitung bereits begonnen, erste rostrote Blätter lagen am Boden. Die verwelkten Reste an den Ästen filterten ein schummriges Herbstlicht. Oktavia saß in ihrem Korbstuhl, ein Bein über die Lehne geschwungen und sah genauso aus wie damals, als Isabella sie kennengelernt hatte. Oktavia schien zu den Frauen zu gehören, die nicht altern. Nur das Rot ihrer Haare war etwas dunkler. Isabella verstand nicht. „Wieso nicht, hast du keine Zeit? Wir können ja nachfeiern.“

„Nein, Isabella, du verstehst nicht. Ich werde überhaupt nicht mehr da sein. Ich werde meinen Rucksack schnüren und gehen.“ Isabella verstand nicht.

„Isabella, schau, meine Zeit hier ist vorbei.“

„Wer sagt das?“

„Na, wer wohl, ich sage das.“

„Das kannst du nicht machen, was ist mit Friedhelm? Was ist mit Roy. Und mit mir?“

„Isabella, es tut mir leid. Aber es geht nicht anders. Ihr kommt zurecht. Auch Friedhelm wird zurechtkommen.“

„Das ist doch keine Erklärung, Oktavia, du kannst mir doch nicht erzählen, dass die Zeit reif ist und nichts weiter. Das reicht nicht. Das kann ich nicht akzeptieren. Das ist keine Erklärung.“

„Ich werde erpresst, ich habe eine todkranke Mutter in Chile, der Berg ruft, was willst du hören, Isabella?“

„Irgendetwas, das ich verstehen kann, Oktavia. Etwas, das erklärt, warum ein Mensch ein Leben aufgibt. Einfach weggeht. Seinen Mann verlässt, sein Kind verlässt. Seine Freunde….“

„O.k. Isabella, ich hab mich verliebt.“

„Das glaub ich nicht.“

„Stimmt auch nicht. Isabella, wofür würdest du deine Familie verlassen. Für Roy?“

Isabella spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Ihr wohlgehütetes Geheimnis rechts und links um die Ohren gehauen bekam. Von ihrer besten Freundin.

„Isabella, ich weiß, dass du beide liebst, beide auf deine ganz eigene Art.“

Isabella fühlte sich wie durch den Reißwolf gezogen. Oktavia hatte recht. Sie liebte Roy. Über all die Jahre loderte die Flamme im Untergrund. Blieb eine Chimäre, von der sie hoffte, dass ihr irgendwann der Sauerstoff ausgeht. Und sie liebte Schmidt. Nicht immer, aber immer wieder. Ein Mensch zum Anfassen, der da war. Mit dem sie ein Kind hatte. Niemals würde sie gehen, nicht für einen Traum, eine Illusion. Niemals.

„Isabella es tut mir leid. Ich wollte dir nicht weh tun. Ich gehe nicht wegen Roy, wegen dir oder wegen irgendwelcher anderer Männer. Meine Zeit ist einfach abgelaufen. Betrachte mich als Episode. Ich kann dir nicht mehr erklären, das wäre gegen jede Abmachung.“

„Abmachung?“

„Mehr kann ich dir nicht sagen! Nur noch soviel: Irgendwann musst du dich auch entscheiden. Irgendwann musst du dir überlegen, mit wem du weitermachen willst.“

„Abgetaucht?“, fragt Schmidt, der vom Wasser zurückkommt. Isabella sitzt immer noch auf dem Sterin, auf dem er sie zurückgelassen hat.

„Was?“

„Ich frage nur, ob du grade einen Tauchgang einlegst. Isabella, Hallo!?! Du wanderst grade durch den Grunewald. Mit einem attraktiven jungen Mann, den du offensichtlich vergessen hast. Wie kann das sein, fragt sich das erstaunte Publikum!“, säuselt Schmidt mit klagender Stimme.

„Lass mal, Schmidt, mir ist nicht nach Späßen!“

„Isabella, mir ist nach Späßen! Ich hab mich wirklich sehr gefreut auf diesen Tag mit dir.“

„Ja, ich ja auch!“

„Aha, merk ich aber nichts davon!“

„Mein Gott Schmidt. Muss ich mich ständig halbtot lachen wegen deiner Späße? Es ist nicht alles lustig. Ganz und gar nicht. Es ist mein Geburtstag. Ich hab trotzdem miese Laune. Okay?“

„Nein, nicht Okay. Du hast nicht nur heute schlechte Laune. Wenn ich’s mir recht überlege, dann geht das schon ziemlich lange so. Es gab andere Zeiten, ganz andere Zeiten. Erinnerst du dich?“

Isabella hasst diese Diskussionen. Wenn Schmidt den Moralpredigtengesichtsausdruck aufsetzt. Der Herr Oberlehrer erklärt dir gelungenes Leben. Nur ein bisschen anstrengen, dann schafft man die Prüfung. Und wenn man sich nicht anstrengen will? Wenn man gar nicht weiß, wofür?

„Seit deine geliebte Freundin Oktavia weg ist…“

„Laß Oktavia da raus!“

„Oh, entschuldige. Ich wollte auf keinen Fall etwas gegen deine Heldin sagen. Ich bin ja nur der Schmidt. Der Mann von nebenan.“

„Werd jetzt nicht sarkastisch…“

„Vorher im Sonnenblick. Das war so ein Moment, das war so wie früher. Da hab ich gedacht, wir schaffen das. Aber jetzt. Ich hab keine Lust mehr, der Depp vom Dienst zu sein. Wir sehen uns heute Abend, Tschüss.“

„Ey Schmidt, du kannst mich doch nicht hier stehen lassen..“

Schmidt stampft davon, dreht sich nicht mehr um. Scheiße Scheiße Scheiße, denkt Isabella. Klasse Geburtstag! Nicht mal heute ohne Streit. Schmidt hat Recht. Seit Oktavia weg ist, funktioniert nichts mehr. Isabella kommt sich vor wie eine ungeölte alte Maschine. Mit Mühe hält sie sich am Laufen. Ab und zu gibt es eine kleine Explosion, eine Verpuffung, dann rattern die Räder wieder. Quietschend mit nervensägenden Geräuschen. Aufs Eis geht sie nur noch, um Antonia einen Gefallen zu tun. Meist sitzt sie daneben und schaut zu, wie Friedhelm und Antonia übers Eis schlittern. Sie brauchen mich immer weniger, denkt Isabella. Wenn ich so weitermache, braucht Schmidt mich auch nicht mehr. Und Roy? Hockt in Mutterns Datsche, als wär sie eine Festung. Dabei gehört sie ihm nicht mal. Bevor Oktavia verschwand, hatte sie noch eine Hypothek auf das Haus aufgenommen und es dann mit einem notariellen Vertrag an Friedhelm verschenkt. Ein junges Pärchen läuft an Isabella vorbei. Sie starren Isabella an und schauen schnell weg, als sich ihr Blick kreuzt. „Schön aufpassen! Das Leben kann auch schiefgehen“. Isabella dreht sich um und stiefelt davon. „Unverschämtheit“ dringt an ihr Ohr.

***

Das Da Maria ist seit einem halben Jahr wieder das Da Maria. Zuvor war es Ristorante Gianna, davor Die Suppennudel und noch früher eine Trattoria de Grotto. Dazwischen gab es noch ein oder zwei weitere Besitzer mit entsprechenden Namenswechseln, an die sich Isabella nicht mehr erinnern kann. Am schlimmsten war Die Suppennudel, deren Besitzer mit deutschem Essen und einer riesigen Auswahl an Suppen aufwartete, die alle ähnlich aussahen und ähnlich schmeckten. Als der Neffe des früheren Besitzers das Da Maria wiedereröffnete, bestimmte Isabella kurzentschlossen, dass sie dort ihren Geburtstag feiern will. Ein Revival-Geburtstag nach zwanzig Jahren. Schmidt hat einen Tisch für acht Uhr und sechs Personen reservieren lassen.

In dem Moment, als Isabella den Raum betritt, weiß sie, dass ihre Entscheidung ein Fehler war. Das Restaurant besitzt nichts mehr von dem früheren Ambiente. Was von außen noch einladend wirkt, ist, wenn man in dem riesigen Raum steht, künstlich und kühl. Grünlich schimmernde, indirekte Beleuchtung, gerade, ungemütliche Möbel und eine Sterilität, die aus jeder weißen Wandpore tropft. Isabella erinnert sich, wie sie sich früher durch die engen Stuhlreihen gequetscht hatte. Jetzt fühlt sie sich verloren in dem spärlich eingerichteten Raum, in dem nur wenige Tische besetzt sind und die Gäste auf wundersame Weise geschrumpft wirken.

Schmidt ist noch nicht da. Ob er kommt? Isabella hat den restlichen Nachmittag auf einer Bank am Wannsee verbracht. Hat die Gedanken kommen und gehen lassen. Hat sich vorgenommen, sich zu ändern. Für ihre Familie zu kämpfen, um Schmidt zu kämpfen, sie will ihn nicht verlieren. Sie will, dass Antonia mit beiden Eltern erwachsen wird. Eltern, die sich nicht ständig streiten. Keine ständig nörgelnde Mutter, deren Gewicht sich konstant wieder nach oben bewegt. Isabella will kämpfen.

Hinten links in der Ecke warten Roy und Friedhelm. Roy gestikuliert wild und redet auf Friedhelm ein, der mit verbissenem Gesichtsausdruck auf die Tischdecke starrt. Friedhelm hat wenig von seinen Eltern. Er ist klein. Die aschblonden glatten Haare verdecken die Hälfte des schmalen Gesichts mit den braunen Augen. Lange feingliedrige Hände sind ständig auf der Suche nach Gegenständen, bevorzugt Stifte, die man zwischen den Fingern drehen kann.

Im Moment zerpflückt Friedhelm einen Zahnstocher. Offenbar nicht den ersten. Auf der weißen Tischdecke liegen überall verstreut kleine Holzstückchen.

Als Roy Isabella sieht, bricht er die Unterhaltung abrupt ab und steht auf. Es wird gegrüßt, umarmt, zum Geburtstag gratuliert. Selbst Friedhelm steht auf.

„Wo ist Schmidt, wo ist Antonia?“, fragt Roy.

„Sie kommen gleich!“, sagt Isabella. Hoffentlich.

Isabella ist froh, dass Roy die Unterhaltung übernimmt. Es scheint ihm gut zu tun, einmal abends nicht in der Festung zu sitzen. Roy erzählt von dem Oleanderstrauch, den er im letzten Jahr gepflanzt hat und der über den Sommer hinweg die Herrschaft über das Haus übernommen hat. Er fängt unvermittelt an zu lachen, als er sieht, wie Antonia hereinstürmt.

„Wo ist Papa?“, ruft Antonia und begrüßt die kleine Truppe.

„Kommt gleich!“, meint Isabella. „Lasst uns schon mal bestellen. Schmidt ist sicher noch kurz in der Werkstatt.“

„An deinem Geburtstag? Ich ruf ihn an“, meint Antonia und tippt blind ein paar Tasten an ihrem Handy.

„Nein, lass sein!“, ruft Isabella, „lass ihn mal machen. Sobald er kann, wird er kommen. Du kennst deinen Vater. Wenn er arbeitet, arbeitet er. Zu den unmöglichsten Zeiten.“

Irgendetwas in Isabellas Stimme lässt Antonia das Handy weglegen.

Sie bestellen. Sie trinken. Sie essen. Sie warten. Schmidt kommt nicht. Eine unangenehme Befangenheit macht sich breit. Selbst Antonia spricht nur das Nötigste. Friedhelm hüllt sich in Schweigen. Isabella hält sich an ihrem Weinglas fest und Roy rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum.

Als Isabella vorsichtig beginnt, auf ein frühes Ende des Abends einzustimmen, weil ja ein langer Tag, aufregend und eine gewisse Müdigkeit ihrerseits, man kann sich ja jederzeit wieder sehen und so weiter, steht Roy auf und sagt, dass er etwas sagen muss.

Alle Augen sind auf Roy gerichtet.

„Ich möchte, auch wenn Schmidt jetzt nicht da ist…“, beginnt er und setzt sich wieder hin, „… ich möchte euch sagen, dass ich und Friedhelm. Also, Friedhelm und ich, dass wir beide zusammen – na ja – wegziehen. Weg aus Berlin.“

„Wie bitte!?“, ruft Isabella.

„Ja, ich, ähm, spiele schon länger mit dem Gedanken. Ich kann und möchte hier nicht bleiben. Ich habe ein Angebot. Wir gehen nach München.“

Du gehst nach München – ich ganz bestimmt nicht!“, bellt Friedhelm.

„Friedhelm, das Thema hatten wir! Ich weiß, dass das für dich beschissen ist, aber es geht nicht mehr. Ich kann hier nicht mehr bleiben und ich kann dich nicht einfach hier lassen. Wo denn?“

„Du bist so ein Arsch!“, zischt Friedhelm und rennt aus dem Lokal.

„Ich geh ihn suchen!“, Antonia macht sich auf den Weg.

Isabella sitzt am Tisch, die Geldbörse in der Hand und starrt Roy an.

„Es tut mir wahnsinnig leid, Isabella. Ich wollte deinen Geburtstag nicht sprengen. Aber ich musste euch das sagen, es ist – ein blöder Moment. Trotzdem – ham ja alle gemerkt, dass was nicht stimmt. Ach, es tut mir leid!“

„Es tut dir leid!“, leiert Isabella wie ein Papagei.

Roy nimmt Isabella die Geldbörse aus der Hand und hält ihre Hände fest: „Isabella, ich hab’s mir nicht leicht gemacht, das musst du mir glauben!“

„Glaub ich! Roy, glaub ich. Es ist nur – ein bisschen viel heute. Die beiden Männer, die ich –die mir – sehr wichtig sind, scheinen sich gerade zu entschließen, zu gehen. Die hauen mir im Moment mein Leben um die Ohren. Das ist ein bisschen viel heute.“

„Isabella – ich wollte das nicht. Ich würde alles dafür geben, dass …. Seit Oktavia weg ist … ich. Weißt du, es war wie ein Traum. Oktavia – Friedhelm. Wie ein Traum, der irgendwann geplatzt ist. Ich muss etwas tun, ich kann hier nicht so einfach weitermachen. Ich komm mir vor wie im Gefängnis, seit sie weg ist. Wie einer, der an Fäden hängt, eine Marionette. Ich muss etwas tun. Ich halt das so nicht mehr aus. Isabella verstehst du das?“

„Keine Ahnung, Roy. Ich versteh überhaupt nichts mehr. Ich weiß nur, dass es mir genauso geht. Seit Oktavia weg ist, ist alles beschissen. Das ist alles, was ich verstehe. Es ist zum Kotzen! Und ich will nicht, dass du gehst. Das weiß ich, das weiß ich ganz sicher!“.

Roy streicht mit seiner großen Hand über Isabellas Wange. Wischt die Tränen weg.

„Isabella, ich wünsche mir nichts mehr, als dass du mitgehst. Ich möchte dich so gerne bei mir haben. So lange schon. Es war nicht unsere Zeit. Aber jetzt, vielleicht ist das jetzt unsere Zeit?“

Isabella sieht in das gealterte Gesicht des großen Mannes und spürt die Wärme seiner großen schwieligen Hände, die sich langsam in ihr ausbreitet.

„Roy, vielleicht ist das unsere Zeit. Vielleicht nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich bei dir sein möchte und bei Antonia und bei Schmidt. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich brauche Zeit. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Roy lehnt sich über den Tisch und küsst Isabella kurz auf den Mund.

„Ich brauche Zeit, Roy. Lass mir ein wenig Zeit.“

„Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, Isabella.“

Roy lächelt, streicht Isabella nochmals über die Wange, steht auf und geht. Isabella schaut ihm hinterher.

Jetzt sitz ich hier also – alleine, denkt Isabella und starrt auf ihr Weinglas, das sie immer noch in der Hand hält. Die andere lag eben noch in Roys Hand. Jetzt streicht sie damit die letzten Holzsplitter der Zahnstocher vom Tisch. Jeden einzeln. Sie darf keinen vergessen. Sie müssen alle vom Tisch. Alles muss weg. Ich muss hier raus.

Isabella zahlt und geht. Draußen auf der Goltzstraße schlendern die Menschen als wäre die Welt in Ordnung. Als wäre die Tür in den Angeln. Als wäre die Sau vom Eis. Als wäre das Leben ein ruhiger Fluss. Ob die keine Probleme haben? Isabella schaut in die Gesichter. Eilige, fröhliche, gemütliche Gesichter. Ich bin eine von ihnen. Sie sehen, was ich sehe. Seltsam. Und ich muss eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung. Irgendwann musst du dich auch entscheiden, mit wem du weitermachen willst. Wer hatte das gesagt? Mein Herz zerspringt, wie ein Kristallglas in der Spülmaschine. Wer hatte das gesagt?

Am Ende der Goltzstraße dreht Isabella um und schlendert wieder zurück. Erstaunlich warm für so einen Oktoberabend, ideal, um auf einer Straße immer hoch und runter zu laufen. Was wollte ich hier nochmal? Ach so, ja, eine Entscheidung treffen. Am besten im Gehen. Entscheidungen lassen sich gut im Gehen treffen. Immer in Bewegung bleiben, dann entscheidet es sich leichter. Hübsches Wetter. Kann man schön langsam laufen. Ganz gemütlich. Ideal zum Nachdenken. Immer hoch und runter, die eine Straße. Gibt keine andere. Wahrscheinlich tun das alle! Muss mal genauer hinschauen, dann erkenn ich bestimmt das eine oder andere Gesicht wieder. Die, die vor mir sind und dann umdrehen, die müsste ich ja erkennen. Wenn wir immer alle so die Straße entlang laufen und wieder zurück, dann müsste ich die ja erkennen. Du meine Güte, langsam verlier ich den Verstand.

„Ist schon ein eine wirklich nette Straße hier!“

Isabella schreckt auf und starrt in das Gesicht eines alten Mannes. Er hat sich nicht verändert. Er sieht genauso aus wie vor zwanzig Jahren. Isabella kann sich an jede einzelne Falte in dem verwitterten, freundlichen Gesicht erinnern. Sie hat ein glasklares Bild vor Augen, wie er ausgesehen hat, bis ins Detail identisch mit dem, das sie jetzt sieht. Selbst der Anzug, der Hut und der Stock ist derselbe. Spricht sehr dafür, dass ich den Verstand verloren habe.

„Sie schon wieder!“, hört sich Isabella sagen.

Der Alte schließt die Augen und lacht laut auf.

„Kommen Sie, mein Kind. Gehen wir ein paar Schritte. Diese Straße eignet sich ganz hervorragend zum Flanieren.“

Der Alte streckt Isabella seinen Ellbogen entgegen. Isabella hakt sich zögerlich ein. Er ist aus Fleisch und Blut, kein Zweifel.

„Ach, meine Liebe. Ich hatte schon Angst, dass Sie den Humor verloren haben! “

„Ich dachte eher an meinen Verstand.“

„Aber nein, wieso denn das? Ihr Verstand funktioniert doch ganz einwandfrei, nicht wahr. Es ist doch eher das Herz, das Probleme macht.“

„Sie sagen es!“

„Dabei weiß ein Herz immer sehr genau, was es will!“

„Meines nicht! Ganz sicher nicht. Sie können sich nicht vorstellen, was mir mein Herz heute schon so alles gesagt hat.“

„Ein Herz spricht nicht, meine Liebe, ein Herz tut etwas. Es schlägt. Ein Muskel, nicht wahr. Es funktioniert auch ohne Training. Viele Herzen schlagen ohne Training. Das ist sehr schade und sehr traurig. Schauen Sie sich um!

Haben Sie Ihr Herz trainiert die letzten Jahre, mein Kind? Ich fürchte, nein.“

Wenn ich nur ewig so laufen könnte, mit diesem freundlichen alten Kerl. Isabella saugt die Ruhe auf, die von ihm ausgeht. Sie stellt sich vor, wie sie mit ihm über das Ende der Straße hinausgeht und durch uralte Kirchen schlendert. Wie sie Kapitelle begutachten, die Symmetrie einer gotischen Kathedrale bewundern und sich vor steinernen Wasserspeierdämonen gruseln ….

„Bevor ich gehe, will ich Ihnen noch mein Geburtstaggeschenk geben, nicht wahr.“

„Bleiben Sie doch noch!“, sagt Isabella erschrocken.

„Oh, Isabella, das geht leider nicht. Sie liegen mir sehr am Herzen, das müssen Sie mir glauben. Aber bleiben kann ich nicht, das wäre gegen die Abmachung!“

Abmachung, welche Abmachung? Wer hatte das nochmal gesagt. Isabella runzelt die Stirn.

„Wissen Sie, ich bin ja so eine Art Gymnastiklehrer. Herzgymnastik.“, wieder hört Isabella das fröhliche, laute Lachen neben sich. Es steckt an. Nicht nur Isabella, auch die Menschen, die an ihnen vorbeilaufen, fangen an zu grinsen. Einige stimmen in das laute Gelächter ein. Ein Virus, der bei Blickkontakt überspringt. Es ist, als ob die gesamte Goltzstraße lacht.

„Und der Gymnastiklehrer kann ja nicht für Sie die Gymnastik übernehmen, nicht wahr. Das müssen Sie schon selber tun.“ Jetzt hat er etwas von Schmidt, denkt Isabella schmunzelnd.

Der Alte greift in seine Manteltasche und zieht ein kleines flaches Päckchen heraus.

„Nutzen Sie es, meine Liebe. Wir sehen uns noch einmal. Ich freue mich!“

Isabella starrt dem Alten hinterher, der sich noch einmal umdreht, ihr zuwinkt und an der nächsten Ecke verschwindet. In ihrer Hand liegt das kleine Geschenk. Liebevoll eingepackt, mit einer weißen Schleife über rotem Papier.

Sie setzt sich auf eine Bank, und vergräbt ihre Hände in den Manteltaschen. Das Päckchen liegt wie ein kleines Juwel auf ihrem Schoß. Isabella zieht überrascht die rechte Hand wieder aus der Manteltasche. Ein zweites Geschenk liegt darin. Die Schlaufe noch mehr zerdrückt, als sie es am Mittag schon war, nachdem Schmidt das Päckchen aus seiner Jackentasche gezogen hatte.

Jetzt liegen hier also zwei Geburtstagsgeschenke, denkt Isabella. Welches zuerst?

 

Dezember 2025

Später leg ich mich dann zu dir. Aber jetzt muss ich noch ein wenig leben.

Isabella steht langsam auf. Mit dem Rest des Wassers aus der blechernen Gießkanne wäscht sie ihre erdigen Hände. Neben Schmidts Baum blüht jetzt eine kleine Christrose, direkt vor seiner Tafel und mitten im Winter. Isabella hat keine Ahnung, ob die Christrose das überleben kann. Einen Versuch ist es wert, ein kleiner Gruß an Schmidt zur Weihnachtszeit. Das musste sein, auch wenn es verboten ist im Friedwald etwas zu pflanzen. Die Gräber an den Wurzeln der Bäume brauchen keine andere Pflege als die von der Natur. So wollte es Schmidt. „Holz zu Holz“, hat er gesagt. „Da bin ich richtig.“

Ich muss mich sputen, mein Lieber. Heute ist ein wichtiger Tag. Auf bald!

Isabella packt die kleine Gießkanne und den Spaten ein. Sie schaut sich um. Es ist ruhig im Friedwald. Winterliche Stille liegt über den Bäumen, der Allee und dem prächtigen Eingangstor, durch das Isabella jetzt geht. Die Wege sind noch nicht geräumt, es ist sechs Uhr am Morgen. Eine feine Schneeschicht liegt wie ein Satinmantel auf den Straßen. Isabellas kleiner Civic sticht wie eine rote Beere aus den parkenden schneebedeckten Autos. Das wird lustig, denkt sie. Kaum Verkehr und Glatteis. Schmidts letztes Geschenk vor zwei Jahren. Ein Schleudertraining beim ADAC. Isabella musste ihre ganze Überzeugungskraft aufbieten, damit die Trainer bereit waren, eine dreiundsiebzigjährige Frau zum Kurs zuzulassen. „Ich zeig ihnen, was ich drauf hab!“. Und das hat Isabella dann auch getan.

Isabella weiß genau, wo sie auf die Tube drücken kann und wo sie vorsichtig sein muss. Auf keinen Fall darf sie geblitzt werden. Dann ist der Führerschein weg – in ihrem Alter. Schmidt liebte es, neben Isabella im Auto zu sitzen. Antonia nahm das Angebot nur im Notfall an. Den Führerschein hat Isabella erst spät gemacht. Fünfzehn Jahre hat sie ihn jetzt und fuhr vom ersten Tag an so, als wäre Autofahren ihre Berufung. Schnell, umsichtig und aggressiv. Die ruhige Isabella verwandelte sich hinter dem Lenkrad in eine Kampfdrohne. Schimpfte wie ein Rohrspatz, überholte an den unmöglichsten Stellen, damals noch oft mit einem lachenden Schmidt und selten mit einer kreidebleichen Antonia im Wagen.

Fünfundzwanzig Minuten später biegt Isabella in die Toreinfahrt von Mutterns Datsche. Seit Schmidts Tod wohnt sie ganz alleine in dem kleinen und für sie doch viel zu großen Haus, wie Antonia findet. „Bitte Mutter, wenn du fällst, wenn irgendetwas ist, wer soll dir dann helfen?“

„Ich zieh nur noch einmal um, mein liebes Kind. Da kannst du soviel mit deinen Augen rollen, wie du willst. Ich wohne hier seit zwanzig Jahren. Du, Schmidt, Roy, Friedhelm, Oktavia – alle haben hier gewohnt. Die stecken alle in dem Haus. Ich bleib bei ihnen.“

„Ach Mama, du bist grässlich sentimental. Aber gut, du bist auch grässlich fit. Bleib, wo du bist. Ich klopf dann immer mal wieder an.“

„Tu das, mein Kind.“

Sie ist beharrlich, denkt Isabella unter der Dusche. Kommt tatsächlich regelmäßig an mit Prospekten irgendwelcher Altersresidenzen, guten Ratschlägen und der Gewissheit, auf Granit zu beißen.

Isabella hat sich für den heutigen Tag ein Kleid gekauft. Silberne Pailletten oben, weite wallende Taftrockschichten unten. Ich glitzere wie ein Weihnachtsbaum, denkt Isabella grinsend. Großartig! Jetzt noch der Lidstrich, dann bin ich bereit, meine Tochter zu verheiraten. Isabella betrachtet sich im Spiegel. Schmal ist sie geworden. Die XXL-Größen sind langsam, fast unmerklich geschmolzen bis zur S-Größe, einfach so. Trotz der Törtchen, die es bei jedem Geburtstag im Sonnenblick gibt. Zwanzig Schwarzwälder Kirschtörtchen im Sonnenblick, in jedem Jahr eines und ausschließlich zum Geburtstag. Das ist Isabellas Sonnenblickpakt. Eine neue Zeitrechnung, die an ihrem fünfundfünzigsten Geburtstag begann. Das Törtchen gibt es nur zum Geburtstag und nur im Sonnenblick. Daran hält sie sich. Eisern. Und niemand weiß davon. Das ist Isabellas ganz persönlicher und geheimer Pakt.

An ihren fünfunfsiebzigsten Geburtstag im Sonnenblick kann sich Isabella noch sehr gut erinnern. Heute vor genau zwei Monaten saß sie mit Antonia auf der Terrasse, als ihre Tochter ihr beim zwanzigsten Törtchen verkündete, dass sie heiraten will, noch in diesem Jahr.

„Hier im Sonnenblick will ich feiern, Mama. Schade nur, dass Papa nicht dabei sein kann.“

„Wirklich, Kind? Das Sonnenblick ist nicht das, was es einmal war. Schau dich um! Es ist alt geworden – das Sonnenblick.“

Isabella betrachtete die Risse, die die Terrakottafliesen auf der Terrasse durchziehen, die weißen filigranen Eisenstühle, von denen der Lack abblättert, und die runden Blechtische, die ihre Flecken unter cremeweißen Plastikwebdecken verstecken.

„Es ist wunderschön hier“, meinte Antonia, „an diesem Ort möchte ich feiern, genau hier. Weißt du noch, damals, als sie diese Korbimitate hatten? Da hätte ich mir’s vielleicht nochmal überlegt. Aber jetzt. Das ist wie ein verwunschener Garten mit Blick auf den See.“ „Na ja“, murmelte Isabella und schaute sich um. Alle Tische waren besetzt. Die Kellner hetzten in der Oktobersonne durch die Tischreihen, schleppten Tonnen an Sahne, Kaffee, Eis und Kuchen auf ihren braunen runden Tabletts.

„So verwunschen finde ich das nicht.“

„Ach Mama, du siehst das nicht. Das kann nur ich sehen. Das ist der richtige Ort für mich, für uns beide.“

Jetzt hab ich den Lidstrich versaut, verdammt. Viertel nach neun! Isabella steht immer noch vor ihrem Badezimmerspiegel. Wie so oft in letzter Zeit, vergisst sie die Zeit, bleibt an Erinnerungen hängen. Das muss am Alter liegen, denkt Isabella. Dabei soll der Vorteil des Alters ja sein, dass man sich für die Zukunft keine Szenarien mehr ausdenken muss. Wo hat sie das gelesen? Egal. Vielleicht keine großen Szenarien, aber kleine. Zum Beispiel einen Termin auf dem Standesamt. Um zehn. Schaff ich. Muss nur ein wenig auf die Tube drücken. Isabella lässt Lidstrich Lidstrich sein, zieht schnell Mantel, Mütze und Handschuhe an und packt die Schlittschuhe ein. Auf keinen Fall die Schlittschuhe vergessen! Der Wannsee ist gefroren. Kein Wunder bei der Kälte. Seit einer Woche schon kann man auf dem See spazieren gehen, oder Schlittschuhfahren! Das will Isabella ausnutzen. Nicht in der Eishalle, sondern auf dem See – es gibt nichts Schöneres.

Zwei Minuten vor zehn quetscht Isabella ihren Civic in eine kleine Parklücke direkt vor dem Charlottenburger Standesamt, einer wunderschönen Villa mit einem kleinen Park und einem hohen hölzernen Eingangsportal. Kurz nach zehn hat sie das Trauzimmer gefunden. Antonia steht schon vorne und blickt sich kurz um, als Isabella das Zimmer betritt. Beide lächeln. Groß ist sie, denkt Isabella. Woher sie diese Größe hat? Und schön ist sie! Mit den hochgesteckten glänzenden Haaren, den großen freundlichen Augen und der markanten Nase, die jedem Sektglas und jedem Kuss in die Quere kommt. Die Standesbeamtin spricht über Zusammengehörigkeit, Füreinanderdasein, offiziell werden. Isabella hört nicht hin. Sie hat nur Augen für ihre Tochter. Sieht sie, wie sie sich mit dem Nachbarsjungen prügelt, wie sie mit Schmidt durch die Wohnung jagt, wie sie Pickel bekommt, wie sie für Gandhi schwärmt, wie sie auf der Empore steht, um ihr Abiturzeugnis entgegenzunehmen, wie sie nach München geht, wie sie ihre erste Anstellung bei Technology Consulting bekommt, wie sie hier vor der netten Standesbeamtin steht und ja sagt zu Friedhelm.

 

Friedhelm war geblieben, damals vor zwanzig Jahren. Friedhelm war geblieben und Roy ging. Es war ein wortkarger Abschied. Isabella übernahm die Formalitäten, übernahm Mutterns Datsche, übernahm den Sohn von Roy und Oktavia. So jedenfalls kam es Isabella vor. Wie ein Geschäft, das man abschließt in beiderseitigem Einverständnis. Wir machen das so, es wäre das Beste für alle, genauso machen wir das. „Du, Antonia und Schmidt, ihr drei. Ihr zieht in die Datsche, kümmert euch um Friedhelm. Ich komm ab und zu vorbei“, so ähnlich hatte es Roy ausgedrückt. Mit Handschlag, Vertrag muss nicht sein, wir vertrauen. Wie früher. Handschlag gilt. Isabella konnte es nicht verstehen. Dieser Mann hatte ihr eine Liebeserklärung gemacht und tat jetzt so, als wären sie entfernte Geschäftspartner, die sich notgedrungen mit eisernem Lächeln die Hand geben. Dabei wäre Isabella beinahe mitgegangen, damals. Es fehlte nicht viel und sie hätte Roy begleitet nach München. Sie kann sich noch genau erinnern, wie sie auf der Bank saß in der Goltzstraße. An ihrem fünfundfünfzigsten Geburtstag. Mit zwei kleinen Geschenken in der Hand. Ein völlig verrückter Tag war das gewesen. Der Tag, an dessen Ende Isabella wusste, dass sie in Berlin bleiben will, mit Antonia und mit Schmidt. In Schmidts Päckchen war ein Ring, innen eine Gravur: Isabella und Carsten. Eigentlich kenne ich nur einen Schmidt, dachte Isabella, mal sehen, was sich hinter einem Carsten verbirgt. Im Geschenk des alten Mannes war eine Eintrittskarte für das Eisstadion. Eine simple Eintrittskarte. Auf der Bank in der Goltzstraße war Isabellas Entschluss gereift.

Ich bleibe hier und trainiere. Herzgymnastik. Hier gibt es viel zu tun für mich.

Friedhelm kam erstaunlich gut zurecht, machte sein Abitur, ging studieren und kam auch nach seinem Auszug regelmäßig in die Datsche. Anfangs kam auch Roy, um Friedhelm zu besuchen. Plötzlich stand er da, ohne Vorankündigung, blieb ein paar Tage und verschwand wieder. Isabella wusste nicht mehr, was sie mit diesem großen wortkargen Mann reden sollte. Er wirkte wie ein verschlossener Schrank, dessen Schlüssel verloren gegangen war. Einmal waren Schmidt und Isabella nach München gefahren. Es war schön dort. Roy lebt zurückgezogen in einem kleinen Haus außerhalb. Es hat eine verwinkelte Holzterrasse mit Blick auf ein behäbiges Gebirge. Eine Terrasse, von der sich Isabella kaum lösen konnte, die ihr zuzuraunen schien, dass sie bleiben soll. Von der aus sie die beiden Männer beobachtete, die sie beide liebte ­ und das tut sie immer noch.

Isabella steht vor der Tür des Trauzimmers mit einem Sektglas in der Hand. Heute ist es besonders schlimm mit den Erinnerungen. Sie überfallen sie wie gemeine Diebe. Rücksichtslos, ohne Gewissen. Heute ist die Hochzeit von Antonia und Friedhelm, verdammt nochmal. Isabella umarmt Antonia und Friedhelm, schüttelt Hände, hält die Tränen zurück.

„Lass uns anstoßen“, sagt Roy, „auf unsere Kinder!“

„Auf unsere Kinder!“, sagt Isabella.

***

Im Sonnenblick warten rund vierzig Hochzeitsgäste auf der Terrasse, Freunde und Verwandtschaft. Alle sind dick eingepackt. Es ist kalt. Trotzdem hält man es gut aus, denn die Dezembersonne beschenkt die Gesellschaft mit einem märchenhaften Mittagslicht, das sich auf den Gesichtern der Menschen spiegelt. Sie sehen aus wie Sonnenanbeter in einem Sanatorium. Rote Wangen, dunkle Brillen und den Kopf der Sonne entgegengestreckt. Manche mit Decken um die Schultern. Isabella ist feierlich zumute, als sie auf der dünnen, knirschenden Schneeschicht auf das Sonnenblick zuläuft. Die lärmgedämmte Winterlandschaft, die Schneekristalle am Schilfgras, die im Licht funkeln und der See, der schlaftrunken unter der Eisdecke ruht, scheinen das Hochzeitspaar zu begrüßen. Als sei das nicht genug, beginnen nun die Hochzeitsgäste zu singen. Ein Liebeslied, vierstimmig, zunächst leise. Antonia bleibt stehen, mit ihr die anderen Ankömmlinge. Jetzt kann Isabella die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie nimmt Roys Arm und ein Taschentuch. Isabella hat immer Taschentücher dabei, gebügelte Stofftaschentücher. Ohne die Stofftaschentücher geht Isabella nicht aus dem Haus.

 

An der langen U-förmigen Tafel herrscht ausgelassene Stimmung. Die letzte Rede ist gerade verklungen, als Roy aufsteht. Keiner hat mehr erwartet, dass noch jemand etwas sagen will.

„Ich habe mir sehr lange überlegt, was ich meinem Sohn und meiner Schwiegertochter mit auf den Weg geben will!“

Roy steht da. Ein großer breiter Mann mit weißem Haar und verwittertem Gesicht, er spricht weiter:„Und ich will es kurz machen, denn ich bin kein großer Redner“. In seinen ledernen Händen hält er behutsam ein Glas, als wäre es ein kostbares Kristall.

„Aber eines möchte ich loswerden. Eines möchte ich euch mit auf den Weg geben.“ Er blickt etwas verlegen zum Hochzeitspaar, räuspert sich und fährt fort: „Vergesst euch nie! Vergesst nie, dass der Andere da ist. Behaltet euch im Blick! Euch selbst und den Anderen.“

Die Hochzeitsgesellschaft ist seltsam berührt von dieser kleinen, eigentlich banalen Rede. Für einen kurzen Moment bleibt es still. Eine Stille, die niemanden beunruhigt. Es ist ein kurzes wohltuendes Innehalten, bis die Gespräche wieder in Gang kommen, die beiseite gelegte Fröhlichkeit wieder aufgenommen wird.

 

Nach dem Essen verkünden Antonia und Friedhelm, dass jetzt Zeit sei für einen kleinen Spaziergang oder was auch immer die Gäste tun wollen. Man sehe sich wieder in zwei Stunden, dann würde getanzt bis in die Puppen.

„Wollen wir?“, sagt Roy zu Isabella.

„Auf jeden Fall! Hast du deine Schuhe dabei?“

„Auf jeden Fall! Was denkst du. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen!“

Isabella lächelt. Sie weiß, dass Roy Schlittschuhe läuft. In München hat er es gelernt. Sie kamen nie dazu, gemeinsam zu fahren. Es ist das erste Mal.

Auf einer Bank direkt am See ziehen sie die Schlittschuhe an. Isabella sieht aus wie ein Engel mit ihrem weißen Taftrock und dem weißen wollenen Mantel. Eine gealterte weiße Fee. Dann fahren sie los. Zunächst langsam, dann waghalsiger ziehen sie Bahnen auf dem glitzernden Eis, das in der Nachmittagssonne leuchtet. Sie laufen gemeinsam. Sie laufen einzeln. Voneinander weg. Aufeinander zu. Roy fährt vor. Er ist geschickt, dreht sich um. Isabella fährt auf ihn zu, nimmt Schwung. Dann springt sie.

Am Rand des Sees sieht Isabella einen alten Mann. Das ist er, kein Zweifel. Er winkt. Neben ihm steht eine junge rothaarige Frau. Auch sie winkt. Oktavia winkt und lacht.

Photo by Filip Mroz on Unsplash

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Hanne Landbeck

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