extrem

Azraela – ein Text aus dem Kurs Extremdenken

Extrem: seien Sie extrem. So lautet im Kurs Extremdenken die Aufforderung. Dabei können sich die TeilnehmerInnen ein Pseudonym ausdenken. Das kann extrem befreiend wirken. Bei dieser Teilnehmerin führte die Aufforderung zu diesem Text, der uns gerade in der aktuellen Situation viel zu denken geben kann – und sehr überraschend daher kommt. Also extrem.

Dieser Text stammt von Azraela. Azrael ist in der islamischen Tradition ein Engel des Todes ist und zu den vier großen Engeln dieser Religion gehört. Im Koran wird ein Engel des Todes ausdrücklich erwähnt (Sure 32:11)

Mein Name ist Azraela

Hallo. Guten Morgen. Mein Name ist Azraela. Ich habe mich für diesen Kurs angemeldet, weil das Extreme genau mein Ding ist. Eigentlich sogar meine Profession. Aber keine Angst. Ich bin rein interessehalber hier. Die Teilnahmebescheinigung brauche ich nur, um den Kurs steuerlich absetzen zu können.

Also Extrem heißt ja „die äußerste Grenze“. Da bin ich tätig. Ich bin nämlich der Tod, oder wenn ihr mögt, die Sensenfrau. Die Instanz, die dafür sorgt, dass der Löffel zur rechten Zeit am rechten Ort abgegeben wird.

Das ist ein ziemlich anspruchsvoller Job. Schließlich sollte man keine Fehler machen. Der Boss würde das gar nicht schätzen.  Einen Fehler in meinem Bereich wieder gerade zu rücken, oh je, das kommt den Aufräumarbeiten nach einem Super-GAU gleich. Bei Gelegenheit kann ich Euch ja mal ein paar Anekdoten erzählen.

Ich mache diesen Job seit dem Jahr 611. Ich bin also noch nicht solange dabei, habe aber gerade im letzten Jahrhundert gravierende Veränderungen miterlebt.

Ihr lacht

Zum Beispiel euer Grinsen, als ich mit meinem Job herausgerückt bin. Bis vor kurzem wäre das nicht passiert. Normal war, dass einige von euch in Ohnmacht fallen. Ihr an der Tür hättet wahrscheinlich versucht, euch leise aus dem Raum zu stehlen. Angefangen zu zittern hätte ihr anderen, und zu weinen. Ihr hättet euer Handy gezückt, um letzte Worte mit euren Lieben zu wechseln. Aber ihr hier? Ihr lacht. Bis kurz vor Schluss. Es ist immer dasselbe. Ich kenne das mittlerweile. Kurz vor Schluss hört das kollektive Grinsen auf. Mit einem Mal habt ihr keinen Plan und dann wird es eben auf den letzten Metern so richtig stressig für euch.

Weit über tausend Jahre war ich Teil des menschlichen Lebens, immer präsent. Man dachte häufig an mich und war nicht zu überrascht, wenn ich dann tatsächlich eines Tages auftauchte.

Natürlich hatte man auch damals so seine Tricks. Oft wurde versucht, mich zu umgehen und eine spezielle Beziehung zum Boss aufzubauen. Aber der hat eine ganz klare Linie, von der weicht er nicht ab. Umgehung der Hierarchie – nicht mit ihm. Ich, Azraela, bin zuständig fürs Abholen. Und ich hole jeden, absolut jeden ab. Früher oder später.

Namensliste

Das Konzept ist ganz einfach. Montags erhalte ich vom Boss eine Namensliste. Darauf sind fein säuberlich in Kolumnen die Menschen vermerkt, um die ich mich kümmern soll.  Mit Anschrift, Alter und Tätigkeit. Dann habe ich vierzig Tage Zeit für die Umsetzung, das heißt für die Trennung von Körper und Seele.

Diese vierzig Tage waren mir sehr wichtig, als ich mich für den Job beworben habe. Das gibt mir etwas Autonomie, die Dinge so zu gestalten, wie ich sie für richtig halte. Ich bin ja etwas näher dran an den Menschen als der Boss, der für das ganze Universum mit allen seinen Niederlassungen zuständig ist. Ich habe im Laufe der Zeit meine eigene Datenbank aufgebaut und weiß relativ genau, wer ein Miststück ist und so schnell wie möglich abgeräumt werden sollte und wem ich lieber noch seine vierzig Tage gönne. Oder auch, wer wirklich erlöst werden sollte, weil jede weitere Stunde eine Qual für ihn wäre. Auch solche Fälle gibt es. Die haben bei mir höchste Priorität. Ich bin da ganz professionell.

Hat der Boss einen Fehler gemacht?

Obwohl… Trotz meiner riesigen Erfahrung und dadurch gewonnenen Souveränität gibt es immer wieder Momente, wo ich auf der Liste Namen entdecke, bei denen ich denke – warum ist der oder die da jetzt drauf? Hat der Boss einen Fehler gemacht?  Nein. Er macht nie Fehler – Stichwort Unfehlbarkeit – und ich habe früh gelernt, seine Entscheidungen nicht zu hinterfragen oder gar bei ihm vorstellig zu werden. Das habe ich im Jahr 932 einmal versucht. Hui, hat der mich eingenordet. Das gab ein Donnerwetter ohne gleichen. Alle Register hat er gezogen: Tiefschwarze Wolkentürme, Blitz und Donner, tosende Winde, sintflutartige Regenfälle, Erdbeben. Mann, war der sauer. Seitdem weiß ich: An der Montagsliste ist nicht zu deuteln. Ich habe nur die vierzig Tage Manövriermasse. Aber immerhin.

Das zweite Mal war ich beim Boss so um 1918. Ich war noch ganz fertig vom ersten Weltkrieg und dann kam schon die spanische Grippe um die Ecke. Also, da habe ich gestreikt. Ich konnte nicht mehr. Wie sollte ich diese Massen bewältigen?!

In Sachen Krieg

Ich hatte dann tatsächlich ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Boss. Ich habe ihm meine Erfahrungen geschildert und meine Analyse gleich mitgeliefert. Erstens hatte er zugelassen, dass die Menschen sich unglaublich vermehrten. Ich meine, früher gab es zum Beispiel die Pestepidemien, wo ich 30 bis 50 Prozent der Menschen eines Landstriches versorgen musste.

Aber die Basis war viel kleiner, und das ist doch entscheidend. 1918 gab so es viel mehr Menschen auf der Erde. Plötzlich ging es um Milliarden, nicht mehr um ein paar hundert Millionen. Zweitens hatte es Veränderungen bei der Kriegsführung gegeben. Es gab immer Phasen, wo ich in Sachen Kriege gut beschäftigt war. Aber das war zu schaffen, weil diese Kriege regional begrenzt waren. Sogar den Dreißigjährigen Krieg, wo ganze Landstriche entvölkert wurden, habe ich noch irgendwie gewuppt. Aber jetzt ging es nicht mehr um lokale Kriege, sondern um WELT-Kriege. Hallo! Mit viel mehr Menschen als früher. Das war die Krux. Das habe ich ihm gesagt.

Wir haben gemeinsam überlegt, was wir tun könnten. Er hat mir dann spontan empfohlen, weitere Mitarbeiter einzubinden und vielleicht auch einige der Pensionäre zu aktivieren. Mit einem Mal hatte ich einen ganzen Stab an Mitarbeiter*innen zu führen. Das ist nicht immer einfach, sage ich euch, denn von denen hat jeder und jede seinen eigenen Tick, seine Historie, seine Art und Weise, die Dinge zu regeln. Da muss ich aufpassen, dass alles einigermaßen gemäß unseren modernen Standards abläuft.

Die drei Schicksalsgöttinnen

Eine große Erleichterung waren die Parzen. Die drei Schicksalsgöttinnen sind sehr erfahren. Sie haben ja auch einige Jahrtausende mehr auf dem Buckel als ich. Die älteste der drei, Atopos, führt ihr Team sehr gut.  Wenn ich am neununddreißigsten Tag merke, dass ich meine Liste nicht mehr abgearbeitet bekomme, dann gebe ich sie einfach an sie weiter und sie und ihr Team kümmern sich um den Rest. Sie machen das äußerst korrekt. Noch nie ist ein Lebensfaden von jemandem abgeschnitten worden, der nicht auf der Liste stand.

Leider merke ich, dass die Parzen von ihrem Job, den sie jetzt schon wirklich sehr lange machen, etwas angeödet sind. Während ich mich mit den individuellen Fällen beschäftigen kann, geht es bei ihnen ja „nur“ um das korrekte Fadenabschneiden. Um sie bei Laune zu halten, habe ich im letzten Jahr elektrische Messer besorgt. Das kam aber gar nicht gut an. Da sind sie traditionell. Sie mögen keine modernen Gerätschaften, sie sind noch ganz handwerklich unterwegs. Und sie behaupteten, dass sie mit den wild wirbelnden Messern vielleicht doch einmal einen falschen Lebensfaden erwischen könnten. Das halte ich ehrlich gesagt für völlig ausgeschlossen, da die Fäden sehr weit auseinanderliegen. Aber ich konnte mich nicht durchsetzen und die elektrischen Messer gingen unbenutzt zurück an Amazon.

Nicht mehr top motiviert

Na, und dann kam es so, wie es kommen muss, wenn die Mitarbeiter sich der modernen Technik verweigern und nicht mehr top motiviert sind – es gab einen Auftragsstau, manche Namen der Liste blieben unbearbeitet.  Das geht natürlich überhaupt nicht. Glücklicherweise hatte ich rechtzeitig mit dem Sensenmann Kontakt aufgenommen. Der war im Mittelalter sehr aktiv und sichtbar. Seit etwa hundert Jahren ist er aber nicht mehr sehr gefragt. Er hat seine Auszeit genossen, war aber jetzt sehr begeistert, sich wieder einbringen zu können.

Sobald ich meine Bitte vorgetragen hatte, holte er schon seinen Wetzstein hervor, dengelte routiniert die Sense, die noch griffbereit neben ihm lag und nur leichten Rost angesetzt hatte. Er machte ein paar vorsichtige Mähversuche, hatte aber schnell den Schwung wieder raus. War ich erleichtert! Wenn die Parzen Namen übrigließen, dann kam am vierzigsten Tag der Sensenmann und machte klar Schiff. Stolz konnte ich beim Rapport dem Boss immer eine vollständig abgearbeitete Liste präsentieren.

Die Walküren

Es gab andere Kandidaten, mit denen es nicht so glatt lief. Die Walküren waren ab 1939 mit Begeisterung dabei. Sie sehen nämlich ihre Aufgabe darin, Krieger vom Schlachtfeld nach Walhalla zu führen. Das sehen sie sehr eng. Denn sie sind nur für Krieger zuständig, alle anderen lassen sie links liegen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde es ihnen schnell langweilig. Krieg in Europa war out. Wir beraumten eine Strategiebesprechung an. Ich schlug ihnen vor, sich zum Beispiel an den Gepflogenheiten der Azteken zu orientieren. Bei den Azteken wurden Frauen, die im Kindbett bei der ersten Geburt gestorben waren, mit Kriegern gleichgesetzt. Die dazugehörigen Geister hießen Cihuateteo.

Frauenkram ist einfach nicht prestigeträchtig

Na – da war was los! Die Walküren wollten mit Frauen partout nichts zu tun haben, es würde die Krieger herabwürdigen, wenn sie sich auf diese Stufe begeben würden. Sie würden allen Respekt in der Götterwelt einbüßen. Frauenkram ist einfach nicht prestigeträchtig. Ich verwies auf die Frauenbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber das war erst recht ein rotes Tuch. Es ist schon eine traurige Tatsache, dass einem ausgerechnet Frauen bei diesem Thema oft in den Rücken fallen. Ihr schlagendes Argument am Ende war, dass die Sterberate von Frauen im Kindbett in Nordeuropa zwischenzeitlich minimal ist. Das war nicht von der Hand zu weisen.

Da hätte ich mich vorher besser informieren sollen. Und damit war diese Idee für die Lösung der Unterbeschäftigung der Walküren gestorben. Zaghaft versuchte ich noch, das Thema Globalisierung in den Raum zu stellen. Wenn schon in Nordeuropa so zögerlich gestorben wird, ist in anderen Ländern der Welt definitiv weit mehr zu holen. Aber, wie ich schon geahnt hatte, die Walküren sind überzeugte Identitäre. Für sie zählt nur Nordeuropa. Der Rest der Welt ist ihnen schnuppe.

Hermes

Es gibt aber auch Lichtblicke. Hermes, der Seelenbegleiter, ist mein Held. So ein netter Typ. Total informiert und professionell und zugewandt. Seine Dienste sind zwischenzeitlich so gefragt, dass er riesige Workshops veranstaltet. Er kann tatsächlich ganze Stadien füllen. Und deshalb habe manchmal sogar ich Probleme, dort noch einen Platz für einen besonders bedürftigen Fall zu finden. Die Aufgabe von Hermes, seit Anbeginn der Zeiten, ist es, die Menschen mit ihrer neuen Situation als Gestorbene vertraut zu machen und sie danach ins Licht zu führen. Also die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Auf ihre Fragen, Bedenken, Ängste wegen der anstehenden Veränderung einzugehen und sie vorsichtig an die veränderte Situation heranzuführen. Change-Management erster Güte.

Da sind schon einige Sitzungen notwendig, bis das alle wirklich verinnerlicht und angenommen haben. Andererseits gibt es als Ansporn die Aussicht, ins Licht geführt zu werden. Zugegeben, das versprechen viele Therapeuten und windige Heilsbringer, aber Hermes ist halt echt. Er verströmt eine angenehme Autorität und Authentizität, er ist ganz nah am Thema dran, er kennt dank seiner Erfahrung wirklich alle Verwerfungen, die dieser Übergang bei Menschen auslösen kann und weiß, wie er sie sicher durch diese verstörende Phase bringen kann. Wie gesagt – Hermes ist mein Held.

Die Schamanen

Was Freundlichkeit angeht, sind auch die Schamanen wirklich gut. Ihre Erfahrung reicht sogar noch weiter zurück als die von Hermes. Also wirklich in die dunkle Vorzeit. Aber sie sind einen Ticken zu bodenständig. Sie schaffen es einfach nicht, ein großes Auditorium zu bespielen. Sie sind stark in den Einzelfällen, zupackend, pragmatisch, sehr sicher in ihren Ansagen. Ich setze sie gerne bei völlig verlorenen Seelen ein, die die im Leben nie irgendeinen Rückhalt hatten. Da machen sie einen phantastischen Job und ich mag sie wirklich gerne.

Christopherus

Christopherus ist auch nicht schlecht. An ihm schätze ich seine Stärke. Er ist einfach ein Hüne. Das ist sehr praktisch, wenn es um Schwergewichte geht. Insbesondere um solche, die finden, dass der Boss einen Fehler gemacht hat und sie garantiert noch nicht dran sein können. Sie klammern sich mit aller Kraft an ihren Stammtisch, ordern noch eine Maß und möchten auch unbedingt noch ihren Schweinebraten mit Knödeln und Kraut fertig essen. Und noch eine Maß und dann noch ein Obstler und dann noch eine Bretzn und dann …  So werde ich nie fertig. Da schicke ich Christopherus. Der nimmt den Widerspenstigen auf die Schulter und ab geht‘s.

Nur darf man bei Christopherus den Check nicht vergessen, bevor er losstiefelt. In der Anfangszeit seines Heiligseins hatte er nämlich noch einen Hundskopf, so wie Anubis. Den hat er eigentlich schon um 500 abgelegt. Aber er ist etwas schusselig und dann steht er vor mir, meint, er wäre startbereit und guckt mich aus großen braunen Hundeaugen treuherzig an. Da muss ich ihn dann nochmal zum Umziehen zurückschicken. Ich meine, der arme Bayer, der mit dem Bild seines schönen Christopherus mit Christus auf der Schulter durchs Leben gegangen ist und jetzt steht ihm selbiger kurz vor Schluss mit Hundekopf gegenüber. Das gibt nur Durcheinander und Ärger. Deshalb: Check vor jedem Einsatz.

Banshee Sisters

Schwierigkeiten gibt es auch immer mit den Banshee Sisters. Die jüngere der beiden ist super süß. Eine echte Fee, ganz leicht und sanft. Aber oftmals auch etwas verträumt. Da bin ich nicht immer sicher, ob sie sich am richtigen Haus ins Fenster setzt, um dem Bewohner das Ende seines Lebens anzukündigen. Glücklicherweise hat es bisher meistens geklappt und da sie so süß ist, kann man die paar Irrtümer, die ihr unterlaufen, glücklicherweise auch schnell grade biegen. Die Menschen lachen dann und sind erleichtert und freuen sich, eine echte Fee getroffen zu haben. Ich sage ihnen natürlich nicht, dass es trotzdem eine echte Banshee war, die sie gesehen haben. Sie könnten sich im Nachhinein noch zu Tode erschrecken und dann hätten wir den Salat.

Mit der älteren Schwester ist es wesentlich schwieriger, um nicht zu sagen katastrophal. Die Jüngere so ein zartes, nettes Elfchen, die Ältere eine hagere, kalkweiße Frau, die einen aus rotgeränderten Augen ansieht, dass es einem graust. Die Arme hat Burnout. Das ist 1848 passiert, während der großen irischen Hungersnot. So viele Tote in so kurzer Zeit, so viel Elend, so viele verlorene Leben, auch und gerade weil die Engländer den Menschen in ihrer Kolonie nicht zu Hilfe kamen. Da kann man sich schon die Augen ausweinen und darüber verrückt werden.

Ich wusste, dass sie sich von ihren Erfahrungen nie richtig erholt hat. Anfangs dachte ich, ich könnte ihr vielleicht helfen, indem ich ihr einfache Aufgaben gebe. Ich schickte sie zu uralten Leuten, die ihr ganzes Leben lang zu Mensch und Tier wirklich durch und durch fies gewesen waren. Ich dachte, damit kann sie sich wieder an ihren Job herantasten. Um solche ausgemachten Dreckskerle muss man ja nun wirklich keine Träne vergießen. Aber sie vergoss. Und sie heulte, und sie schrie, und aus ihren geschundenen Augen triefte das Wasser, dass einem angst und bange wurde.

Petrus

Nach ein paar Wochen meldete sich Petrus bei mir. Immer öfter würden bei ihm Leute aufschlagen, die völlig verstört seien, weil sie in ihren letzten Stunden ein unheimliches Heulen und Kreischen von einem der Nachbarhäuser gehört hätten. Diese Leute müsse er erstmal ausruhen lassen. Er habe extra dafür eine Bank am Himmelstor aufgestellt. Wenn sie ankämen, könne man mit ihnen erstmal gar nichts anfangen. Sie könnten nicht mal seinen Instruktionen, wie sie zu ihrer Wolke kommen, folgen.

Mittlerweile würde er ihnen handgeschriebene Wegbeschreibungen mitgeben, weil auch die Bank allmählich überfüllt sei. So könne das nicht weitergehen. Was denn da bei mir schief laufe? Ob ich meinen Laden nicht im Griff habe? Spätestens jetzt war mir klar, dass es ein ernsthaftes Problem mit der älteren Banshee-Schwester gibt. Ich habe sie nun in Reha geschickt, aber ich fürchte, das wird nichts mehr. Auch wenn wir mittlerweile gute Traumatherapeuten im Team haben. Manche Sachen überfordern sogar uns.

Muut

Das sind so die Momente, wo ich mich gerne mal mit Muut treffe. Muut ist eine echte Freundin. Sie ist tiefenentspannt, total verständig und abgeklärt und mit sich und ihrem Tun vollkommen im Reinen. Sie kümmert sich hauptsächlich um die Angelegenheiten der Cahuilla-Indianer in Südkalifornien. Der Tod ist dort nichts Extremes. Dort wird man geboren, man lebt, man stirbt. So ist das halt. Kein Aufhebens. Einfach ein Kreislauf, in den sich alle seit Urzeiten hineingefunden haben. Muut kommt im richtigen Moment mit leisem Eulenflügelschlag vorbei und das ist es.  Ich liebe es, mit ihr ruhig dazusitzen und ein bisschen zu sinnieren.

Charun

Denn Auszeiten brauche auch ich gelegentlich. Es gibt ja immer etwas, das nicht rund läuft. Meine neueste Baustelle ist Vanth, die Etruskerin. Seit Ewigkeiten begleitet sie Charun und weist mit ihrer Fackel den Weg zur Unterwelt. Und mit einem Mal ist sie mit dieser Position nicht mehr zufrieden. Sie hätte es satt, immer nur Charun zuzuarbeiten. Die untergeordnete Position nerve sie. Sie wolle jetzt endlich selbständig sein,  habe genug Erfahrung gesammelt und überhaupt, Charun habe keine Ahnung von einem zeitgemäßen Totenreich. Ihre Ideen seien viel besser. Ich habe ihr angeboten, ihre Fackel auf LED umzurüsten. Da hat sie mich angesehen, als ob ich plemplem wäre.

Das könne doch nicht mein Ernst sein. So eine Pseudolösung. So eine Furzidee angesichts ihres grundlegenden Problems der Missachtung von aufstiegswilligen Frauen. Die kann einem vielleicht auf den Wecker gehen. Nörgel, nörgel, nörgel. Tag und Nacht. Ich habe jetzt erstmal für sie den Kontakt zu Hushbishag hergestellt. Die hat das alte sumerische Totenreich noch unter sich, das ja noch mehr aus der Zeit gefallen ist als das von Charun. Vielleicht hat die Interesse daran, mit Vanth zusammenzuarbeiten. Dann können die beiden das Ding aufmöbeln und ich könnte mein Angebot um eine weitere attraktive Unterwelt erweitern. Ob der Boss vielleicht einen günstigen Kredit vergibt oder zumindest eine Bürgschaft? Ich werde ihn beim nächsten Rapport mal fragen.

Foto von Zoltan Tashi, Unsplash

Comments (2)

  • Domenika Kratzborn

    So etwas humorvolles zum Thema Tod zu schreiben, finde ich ganz klasse! Und dann die Verknüpfungen mit all den mythologischen Figuren, ganz zu schweigen von der Aktualität in Zeiten des Covid-Virus! Gratuliere zu deiner Fähigkeit zum Querdenken! LG

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