Dialoge

Gute Dialoge schreiben: Wie geht das?

Ein Artikel von Lilian Noetzel über Dialogschreiben. Sie leitet das Live-Seminar „Gute Dialoge schreiben“

Gute Dialoge schreiben: Wie geht das? Das fragen sich viele AutorInnen, und wir möchten hier etwas Licht ins Dunkel des Gesprächs bringen.

Perfekt als literarische Mittel der Figurenführung

Dialoge sind ideal, um eine Geschichte voranzutreiben, Spannung aufzubauen und um Lügen zu entlarven. Oder um deren böses Werk anrichten zu lassen. Die Gesprächspartner können auch um Verzeihung bitten, etwas gestehen, vielleicht sogar jemanden verraten. Oder einfach nur Informationen vermitteln, die der andere Gesprächspartner (und der Leser) bisher nicht kennen kann. Dialoge sind perfekt als Mittel der Figurenführung im Text – und deshalb entscheidend für die Dramaturgie. Auch bringen sie durchaus Dynamik und Abwechslung in den Text.

Literarische Dialoge sind niemals zufällig

Wir sprechen im Leben miteinander, ohne groß darüber nachzudenken. Ein Wort ergibt das andere – und wenn wir nicht wissen, worüber wir sprechen sollen, machen wir eben Small talk.

Darüber hinaus benutzen wir im Leben unglaublich viele Füllwörter: Äh, also, ja … Solche Füllsel rutschen im normalen Gespräch – auch beim Telefonieren – einfach so aus unseren Mündern. Und gehen danach im Geräusch des Lebens einfach unter.

Aber in der Literatur ist das anders. Literarische Dialoge sind niemals zufällig. AutorInnen setzen sie zu bestimmten Zwecken ein: Sie charakterisieren damit die Sprecher, sie geben Informationen über Vergangenes oder sie machen Andeutungen; sie vermitteln Botschaften über Abwesende oder sie bestimmen das Verhältnis der Sprechenden zueinander. Dialoge in der Literatur sind in wichtigen Situationen der Geschichte sinnvoll.

Eine Situation, in der zwei Menschen miteinander sprechen

Erst einmal ist ein Dialog eine Situation, in der zwei Menschen miteinander sprechen.

Gute Dialoge zu schreiben, ob für einen Roman oder einen Film, beruht wesentlich auf dem Zuhören im Alltag, im Café, im Zug, der S-Bahn… überall da, wo sich „das Volk auf’s Maul schauen“ lässt. Wie spricht die besorgte, einige Kleinkinder im Auge behaltende Mutter mit ihrer Freundin? Wie unterhalten sich zwei Malerkollegen mit schmutzigen Stiefeln und halb vollen Bierflaschen auf dem Heimweg von der Baustelle im Bus? Was kennzeichnet das Gespräch zweier Herren im feinen Zwirn mit bereits gelockerten Krawattenknoten in der Hotelbar?

Spionieren Sie im Alltag

Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie Ihre Figuren es sind. Spionieren Sie im Alltag, überall da, wo Menschen miteinander sprechen. Natürlich kommen in Ihrem Text mehrere sprechende Figuren vor, und am spannendsten, vibrierendsten, sind die Erzählungen und Romane oder Filme, in denen jede Figur authentisch spricht. Es ist also kein Stilbruch, wenn verschiedene Dialoge Ihres Textes einen ganz unterschiedlichen Ton haben, sondern ein Zeichen dafür, dass Sie wirklich lebendig schreiben können.

Aus dem Vollen des Alltagsmaterials schöpfen

Machen Sie Notizen, wo immer Sie Gesprächssituationen beobachten können. Notieren Sie die Gesprächsatmosphäre, den vermuteten Gesprächsanlass, Informationen über die sprechenden Personen. Achten Sie auf deren Mimik, Gestik und Stimmwechsel. Das können Sie dann im Text beschreiben und in den Passagen zwischen der wörtlichen Rede einsetzen.

Schreiben Sie das Abgelauschte später so genau wie möglich auf. Sie werden rasch den Unterschied zwischen realen und literarischen Dialogen spüren, können dank Ihrer Recherche aber aus dem Vollen des „Alltagsmaterials“ schöpfen. Im Seminar „Gute Dialoge schreiben“ üben wir gemeinsam, den richtigen Dialog-Ton für jede Figur zu finden und schlüssig weiter zu entwickeln.

Ein paar Beispiele für unterschiedliche Funktionen des Dialogs

Wir können diesen Dialog pur wiedergeben, also ohne dazwischen liegende Beschreibungen, wie folgenden Beispiele zeigen – und sie können dabei unterschiedliche Funktionen übernehmen:

Dialoge können dramaturgische Spannung aufbauen:

„Ich und böse sein! Aber wie kommst du hierher, wohin willst du?“

„Das ist gleich“, sagte sie und legte ihren Arm auf den seinen, „gehen wir, ich muss mit dir reden.“

(Lew Tolstoi: Anna Karenina)

Dialoge können Figuren einführen:

„Achtundsechzig – das ist die Grusinskaja“, sagte der Portier, und dabei begann er schon mit der rechten Hand die Post zu sortieren.
„Das ist die Tänzerin, das kennen wir schon. Seit achtzehn Jahren. Vor dem Auftreten kriegt sie jeden Abend ihre Nerven und macht Krach.“

(Vicky Baum, Menschen im Hotel (1929/2002))

Dialoge können Figuren charakterisieren:

Indem wir eine Figur weniger sagen lassen als der Leser bereits über sie weiß, lassen wir sie zurückhaltend, oder auch irritiert erscheinen; indem wir sie direkt aussprechen lassen, was sie denkt, zeigen wir sie als unmittelbar, und sie wird dadurch eine treibende Kraft im Roman.

Oftmals aber wird zudem etwas anderes gesagt als gemeint ist:

„Also, wenn sie mal wegfahren möchte, ausspannen, ich habe Platz genug …“ gibt Fechner sich großzügig, wohlwissend, daß sie sein Angebot niemals annehmen wird.

„Danke“, sagst du, und euch beiden ist klar, daß es „nein, danke“ heißt.

(John von Düffel, Hotel Angst (2007))

Wie klingt ein Dialog authentisch?

Was gute, authentisch klingende Dialoge sind, entscheidet der jeweilige Roman. Ein Dialog, den Figuren in einem Roman sprechen, wäre in einem anderen kein guter Dialog:

 „Wollen Sie ihn jetzt sehen?“

„Ich bin im Augenblick sehr beschäftigt. Später vielleicht.“

„Würden Sie mir in diesem Fall gestatten, Mr. Stevens, ihm die Augen zu schließen?“

„Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie das tun könnten, Miss Kenton.“

(Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb. (2003)

 

In Wolfgang Herrndorf’s Roman Tschick (2010) hören sich die Figuren ganz anders an:

 „Du musst keine Angst haben. Ich fahr wie’n Weltmeister.“

„Blink doch mal wie’n Weltmeister.“

„Ich hab noch nie geblinkt.“

„Bitte.“

„Wozu? Die Leute sehen doch, wo ich hinfahr. Und es ist sowieso keiner da.“

Sie sehen, dass der britische Landadel in einem ganz anderen Ton mit seinen Angestellten spricht, als es Herrndorf’s Jugendliche tun. Beide Dialoge sind vollkommen verschieden und sind im Rahmen des jeweiligen Roman-Milieus doch passend.

Dialoge mit Beschreibungen

Wir können Dialoge auch mit Beschreibungen versehen. Diese sprechen sozusagen mit und informieren über die Situation:

„Sie haben nicht genug Geld für ein Taxi“, ließ ich ihn wissen.

„Oh“, sagte der Mann in der weißen Smokingjacke. Er setzte sich in der kalten, nebligen Luft auf die Stufen am Eingang. „Augenblick noch“, sagte er.

„Wozu?“ fragte ich ihn.

„Muß mich erinnern, wo ich hingehe“, sagte er.

(John Irving, Das Hotel New Hampshire (1982))

Foto: Charles Deluvio / Unsplash

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