Schreibtisch mit Aussicht

Das große Ich: Die Frauen und das Schreiben

Schreibtisch mit Aussicht: Die Frauen und das Schreiben

Was bedeutet das Schreiben für Frauen?

Der Band „Schreibtisch mit Aussicht“ versammelt Essays von Autorinnen unterschiedlicher Generationen (von Joan Didion, geb. 1934, bis zu Olivia Sudjic, geb. 1988). Ausgehend von Joan Didions berühmtem Essay „Why I write“ thematisieren sie die das große „I“ (Ich), das das Schreiben bedeutet. Didion hat den Titel von George Orwell ausgeliehen und bringt das Schreiben auf die Formel:

In vieler Hinsicht ist das Schreiben der Akt, ich zu sagen“.

Dieser z.T. „aggressive Akt“ der Selbstbehauptung erweist sich für Frauen als mühsam – und vor allem für solche mit Kindern. Buggys, Windeln, Tränen abwischen, Rotz, der aus der Nase läuft … machen den Plan des Einsam-am-Schreibtisch-Sitzens oft einen Strich durch die Rechnung, so dass das Schreiben oft an einem anderen Ort stattfinden muss.

„Seit ich ein Kind habe, kann ich also überall schreiben (in Cafés, an fremden Tischen, abends im Bett, zwischen zwei Terminen). Aber nicht, weil ich das will, sondern weil es nicht anders geht“,

berichtet Antonia Baum, und führt aus, was fast noch schlimmer ist:

„Aber selbst – und das ist das Entscheidende – … bleibt man als Schriftstellerin doch auf den weiblichen Körper zurückgeworfen, weil er ein durch den männlichen Blick fetischiertes Objekt ist, das sich im Akt des Schreibens vermeintlich exponiert.“

Zimmer mit Aussicht“, auf den der Titel anspielt, war ein besonderer Film, heiter, unbeschwert, ein Film, der Freiheit, Leichtigkeit, Liebe und die Überwindung von Klassenschranken assoziierte. Vielleicht war das der Wunsch von Ilka Piepgras, der Herausgeberin der Anthologie „Schreibtisch mit Aussicht“: dem Gefühl der Freiheit beim Schreiben einen Platz zu geben? Auf jeden Fall wollte sie „das klischeehafte Bild der zeitgenössischen Schriftstellerin“ brechen und „ihre Kunst als das zeigen, was sie tatsächlich ist: harte Arbeit.“

Schreibtisch mit Aussicht

Darin unterscheiden sich schreibende Frauen wenig von ihren männlichen Kollegen, George Orwell verglich die Arbeit an einem Buch mit „einer schmerzhaften Krankheit“, Eva Menasse sagt dazu, es sei, wie „durch einen brennenden Reifen zu springen“.

Die Autorinnen träum(t)en von der großen Freiheit, die der Schreibtisch bedeutet. Doch wie schwer es vielen fällt, diese Freiheit zu erreichen, darüber sprechen sie frei-mütig, manche demütig, andere wütend. Die Anthologie bestätigt leider allzu häufig die Benachteiligung der Frauen, aber sie zeigt auch die ungeheure Energie, die von dem Schreibwunsch ausgeht und breitet beispielhaft Wege zur Schriftstellerin aus.

Die Autorinnen sind sich einig darüber, dass es für Frauen eine andere Sache ist, zu schreiben als für Männer. Frauen werden z.B. gefragt:

„Schreibst du noch oder hast du einen Job gefunden?“ (Ann Tyler),

oder sie schreiben darüber, wie sie das Schreiben in die Zeit zwischen Kindererziehung und Haushalt quetschen – und wie noch so schöne Ideen dabei am Krankenbett des Kindes in die stille Nacht da draußen auf Nimmerwiedersehen entfleuchen. Manche Autorinnen berichten, wie sie neidisch auf den Erfolg des Schriftsteller-Mannes an ihrer Seite sind (Kathryn Chetkovich) und sie hieraus nicht etwa Motivation schöpfen, sondern

„ein paar unglückliche Stunden am Schreibtisch“

verbringen,

„bevor ich in die Stadt ging und mir eine schwarze Hose und eine Seidenbluse kaufte“

– die für ein Abendessen mit dem Lektor des Mannes gedacht sind. Dieser Lektor war zufällig auch jener, der den ersten Roman von Chetkovich abgelehnt hatte und, fast noch schlimmer, sich einfach nicht mehr daran erinnern konnte.

Dafür hat Elfriede Jelinek die passende Umschreibung gefunden:

Die Frau hat kein Werk. Mir fehlt in der Debatte um weibliche Kunst und Weiblichkeit im Öffentlichen immer ein einziges Wort: Verachtung.

Elena Ferrante kennt dafür die Gründe:

„Wir haben das alte literarische Modell noch nicht ganz überwunden, das uns an der Seite eines übermächtigen Mannes zeigte, der für uns und unsere Kinder sorgt. Und so stellen wie unseren eigenen inneren Reichtum und unsere intellektuelle Autonomie, die wir entdeckt haben, im minderwertigen Tonfall dar.“

Allerdings, so meine ich, ist das nicht ein altes literarisches Modell, sondern ein noch allzu oft übliches soziales Gefüge.

Werke von Frauen sind per oft auch in der Wahrnehmung der eigenen Geschlechtsgenossinnen weniger wert –immer noch besprechen zumindest die deutschen Feuilletons weniger Bücher von Frauen als von Männern, immer noch geben Männer ihr gewaltiges Urteil ab, während Frauen von Verzweiflung sprechen, vom Verlieren der Ideen, vom täglichen Kampf um die kleine Freiheit am Schreibtisch. Die zweitjüngste der Autorinnen, Antonia Baum, 1984 geboren, thematisiert diese Kluft z.T. so:

„Vielleicht leidet mein Glaube an mich und mein Schreiben also auch an der Macht des männlich geprägten Schriftsteller-Schriftsteller-Klischees, nämlich der Idee, man müsse lange, lange allein sein und sich ohne Zeitdruck und Effizienzgedanken in etwas versenken können, um etwas Gutes zustande zu bringen.“

Sie fragt, ob das, was sie schreibt, Sinn ergäbe (eine typisch weibliche Frage) und wirft den Ball den LeserInnen zu:

„Also, auf welche Gedanken kommen Sie, wenn Sie an das Wort ‚Schriftstellerin‘ denken?“

Darüber nachzudenken lohnt sich sich, denn viele tragen insgeheim noch mindestens ein kleines Stück Verachtung für das Tun von Frauen in sich.

Auch Sibylle Berg meint:

„Es ist aber immer noch so, dass Werke von Schriftstellern als welthaltiger und universell gültiger gelten. … Immer noch fallen den meisten, wenn es um Literatur geht, eher Autoren ein.“

Und Sri Hustvedt findet ihre ganz eigene Methode, sich aus diesen Geschlechterklischees zu winden:

„In meinen Träumen werde ich zwischen den Geschlechtern hin- und hergerissen und frage mich, welches meins ist. Dass ich es nicht weiß, lässt mir keine Ruhe, aber wenn ich schreibe, wird ebendiese Ambivalenz meine Befreiung, und ich bin frei, mich in Männer und Frauen hineinzuversetzen und ihre Geschichte zu erzählen.“

Diese Anthologie ist weit mehr als eine Klage über die Benachteiligung schreibender Frauen. Sie lässt uns tief in Schreibprozesse blicken und in die Prozesse, die aus Frauen Schriftstellerinnen machen.

„Kurz gesagt, ich versuchte zu denken. Ich scheiterte. Meine Aufmerksamkeit kehrte unweigerlich zum Konkreten zurück, zum Greifbaren, zu dem, was im Allgemeinen von allen, die ich kannte und seitdem kennengelernt habe, für nebensächlich gehalten wird. Ich versuchte zum Beispiel, Hegels Dialektik zu ergründen, und konzentrierte mich stattdessen auf einen blühenden Birnbaum vor dem Fenster und die besondere Art, wie die Blütenblätter zu Boden fielen“.

Damit beschreibt Joan Didion genau das, was auch wir bei schreibwerk berlin für das A&O des Schreibens halten: Nicht das Allgemeine der (intellektuellen) Gedanken ist wichtig, sondern das Besondere der Blütenblätter, die zu Boden fallen.

Und wo bleibt der Schreibtisch? Den gibt es auch. Eva Menasse lässt vor ihm den Kopf nach unten hängen, bis sie ihre Schreibdepression überwindet, sie sagt es anders: „Ich hänge über der Schlucht“ (damit meint sie eine Schreibblockade) und Sri Hustvedt erklärt die „vier Kanten“ ihres Schreibtischs:

„Skrupel, Zuversicht, Beharrungsvermögen und dieses Unverfügbare namens Erfahrung. In der Mitte: die reine Freude an der Grabung in einem Gelände, das vor dieser einsamen Bergmannsarbeit in einem bewusstlosen Dunkel lag“.

Nicole Krauss beschreibt, wie ein Schreibtisch zum Motiv für einen Roman werden kann. Und Katharina Hagena formuliert es so:

„In diesem Raum zwischen fiktiven Erinnerungen und erinnerter Fiktion steht mein Schreibtisch.“

„Schreibtisch mit Aussicht“ ist ein Buch über Frauen, die in Cafés oder sonstwo schreiben, ein Buch über Frauen, die nur manchmal den Kopf hängen lassen, denn sie alle eint, dass sie sich „fröhlich und frei im großen Wald der Geschichten tummeln“ (Elif Shafak). Und es ist ein sehr erhellender Band über das Schreiben von Frauen. Nicht nur für Frauen.

Ilka Piepgras – Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
Sachbuch, Verlag Kein & Aber

Hardcover
Format: 12,5 x 20,5 cm , 288 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5826-2

Titelfoto: Darya Tryfania, Unsplash

 

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