Intermezzo

Intermezzo – eine Kurzgeschichte von Sarah Keschke

Intermezzo ist im Kurs „Kreatives Schreiben“ entstanden. Für die Aufgabe gab es eine Reihe von Wörtern, die in eine Geschichte eingebaut werden sollten. Zwei dieser Wörter – Leguan und vespern – bereiteten mir zunächst einiges Kopfzerbrechen. Was in aller Welt sollte ich damit bloß anfangen?! Dann jedoch formten sich erste Ideen für ein Handlungsgerüst in meinem Kopf, und plötzlich ließ sich alles wunderbar verwursten.

Sarah Keschke kommt aus Deutschland und lebt seit vielen Jahren in Schottland

Intermezzo

Intermezzo

Corinna steuerte ihren Wagen die Landstraße entlang. Bis zum Wochenendhaus waren es noch etwa zwanzig Minuten. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Zeit, das Wochenende dort zu verschwenden. Sie musste noch dringend zwei Klassensätze Mathearbeiten korrigieren; ihre Planungen für die nächste Woche standen auch noch an. Vor dem Einbruch der Kälte sollte sie aber im Wochenendhaus wenigstens noch einmal nach dem Rechten sehen. Na ja, zumindest hatte sie ihre Arbeit hinten im Auto liegen. Vielleicht würde sie trotzdem noch einiges erledigen. Sie seufzte. Die viele Arbeit und der Stress im Beruf wurden einfach nicht weniger. Sie hatte gehofft, dass mit etwas mehr Routine alles besser zu schaffen sein würde. Nun war sie siebenunddreißig Jahre alt, hatte ein knappes Jahrzehnt im Job hinter sich, und es änderte sich nichts. Die Arbeit erschien ihr wie Kaugummi an den Fingern – je mehr sie versuchte, sie loszuwerden, umso mehr blieb sie an ihr kleben. Sie hatte nie das Gefühl, „fertig“ zu sein. Immer fand sich noch etwas, das schon seit Langem darauf wartete, erledigt zu werden. Es war, als ob die Arbeit sich unter ihren Händen vermehrte. Die Instandhaltung des Wochenendhauses kam noch als zusätzliche Belastung hinzu.

Corinna schaltete den Gang runter, da vor ihr ein Traktor aufgetaucht war. Mit aufreizender Langsamkeit tuckerte er vor ihr die Straße entlang. Ungeduldig trommelte Corinna mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Ihre Gedanken wanderten wieder zum Wochenendhaus. Eigentlich müsste alles von Grund auf renoviert werden, aber ob sich das überhaupt lohnte? Sie verbrachte kaum noch Zeit dort. Nachdem sie und Tobias sich das Haus gekauft hatten, waren sie oft am Wochenende hier gewesen. Seit ihrer Trennung hatte Corinna dies nur noch selten getan. Sie hatte sich zuerst gefreut, als Tobias ihr das Haus überließ. Allein fühlte sie sich jedoch immer ein wenig verloren. Außerdem hatte sie zu viel für ihren Job zu tun, und es blieb einfach kein Freiraum dafür. Nun waren es schon wieder mehrere Monate, dass sie nicht mehr dort gewesen war.

Der Traktor bog auf einen Feldweg ab, und erleichtert beschleunigte Corinna den Wagen. Sie folgte dem Schild zum Ort, in dessen Nähe das Wochenendhaus lag. Vielleicht sollte sie sich von dem Haus trennen, es verkaufen. Es lebte nichts mehr darin für sie. Je länger sie darüber nachdachte, um sie mehr reifte der Gedanke in ihr. Das würde das Beste sein. Das Wochenendhaus war nur noch eine Bürde für sie. Und das Geld vom Verkauf könnte sie besser für ihre Eigentumswohnung verwenden.

Erst jetzt bemerkte Corinna, dass sie beim Nachdenken den Wagen unwillkürlich weiter beschleunigt hatte. Sie trat leicht auf die Bremse und zwang sich, auf die Straße zu achten. Inzwischen war sie im Ort angekommen, durchquerte ihn und bog kurz darauf rechts auf einen Schotterweg ab. Mit knirschenden Geräuschen fuhr der Wagen langsam einen kleinen Hang hinauf. Corinna stieg aus und schloss die Autotür mit einem Knall. Die Luft des noch warmen Spätsommerabends empfing sie wie eine wohlige Umarmung. Glücklicherweise hatte sie ihren Bikini eingepackt. Vielleicht würde es in den nächsten zwei Tagen ja warm genug werden, um beim Korrigieren etwas Sonne und Luft an ihre Haut zu lassen.

Corinna nahm ihre kleine Reisetasche und die Schultasche aus dem Kofferraum und stapfte über den Kies zur Haustür. Als sie den Schlüssel im Schloss umdrehen wollte, stutzte sie: Die Tür war nicht verschlossen. Corinna runzelte die Stirn. Sollte sie beim letzten Besuch vergessen haben, sie abzuschließen? Sie war damals in Eile fortgefahren, da sie einen dringenden Anruf von ihrer Mutter bekommen hatte und ihr zu Hilfe eilen musste. Es war also tatsächlich möglich, dass sie die Tür nur mit der Klinke geschlossen hatte. Hoffentlich war in der Zwischenzeit nichts gestohlen worden. Mit banger Vorahnung öffnete sie die Tür und spähte ins Haus. Zu ihrer Erleichterung starrten ihr keine herausgerissenen Schubladen entgegen. Kaum hatte sie jedoch ein paar Schritte ins Haus getan, stolperte sie. Sie sah auf den Boden und erblickte eine Plastiktasche. Es war eine große, quadratische Aufbewahrungstasche, wie sie oft zum Lagern von Bettzeug verwendet wurden. Wie kam diese Tasche hierher? Corinnas Blick streifte den Rest des Zimmers. Auf dem Tisch stand eine Teetasse, die sie mit Sicherheit nicht dort hinterlassen hatte. Ihr Herz begann zu klopfen. Hastig stellte sie ihre Taschen ab und begann hektisch, darin nach ihrem Handy zu suchen. Flatterig fuhren ihre Hände in den Taschen herum, wobei sie in zunehmendem Maße nervös wurde. Es dauerte eine Unendlichkeit, bis sie schließlich das Handy herausgefischt hatte. Noch in der Hocke wollte sie gerade die Nummer der Polizei wählen, als sie ein Geräusch im Schlafzimmer hörte. Sie erstarrte. Im nächsten Moment stand ihr ein fremder Mann gegenüber.

„Guten Tag“, sagte er. „Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt.“

Corinna richtete sich auf. „Was um Himmels willen machen Sie hier?!“

„Entschuldigen Sie. Ich nehme an, Ihnen gehört dieses Haus?“

„Allerdings. Und Sie gehören nicht hierher. Ich werde jetzt die Polizei rufen.“ Entschlossen tippte Corinna die Nummer in ihr Handy. Bevor sie jedoch auf die Verbindungstaste gedrückt hatte, sagte der Fremde:

„Warten Sie bitte einen Moment. Ich tue Ihnen nichts.“

Corinna war so verblüfft, dass sie ihre Hände wieder sinken ließ. Was wollte dieser Mann hier? Er wirkte nicht wie ein Einbrecher. Sie schätzte ihn auf Ende fünfzig. Seine alte, abgenutzte Kleidung stach ihr besonders ins Auge. Die verbeulte und verblasste braune Cordhose sowie das graue, zerknitterte Flanellhemd mochten ihm schon einige Jahre gedient haben. Die Wangen um seinen Bart waren offensichtlich schon länger nicht mehr rasiert worden. Seine grauen Haare wirkten, als ob sie unbeholfen mit einer Küchenschere bearbeitet worden wären; sie schienen  nur notdürftig mit den Fingern durchgekämmt zu sein. Corinna war geneigt, seine Erscheinung als heruntergekommen zu bezeichnen. Etwas hielt sie jedoch davon ab. Der Mann hatte etwas Außergewöhnliches an sich, das sie nicht sofort benennen konnte. Er wirkte weder schüchtern noch protzig. Vielmehr schien er in sich zu ruhen. Ja, das war es. Corinna spürte zu ihrer Verwunderung, wie erst ihre Angst und dann ihre Entrüstung einem Gefühl von Neugier wichen. Intermezzo

„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“ Corinnas Stimme klang nun etwas beherrschter und weniger barsch.

„Ich bin vor zwei Monaten durch einen Zufall an diesem Haus vorbeigekommen. Ich war mit dem Bus aufs Land gefahren, um für einen Tag dem hektischen Stadtleben zu entfliehen. Als ich entdeckte, dass die Tür nicht verschlossen war, habe ich mich vorübergehend hier niedergelassen. Denn ich bin, wie man so sagt, obdachlos.“

Corinna schnappte nach Luft. Unwillkürlich schnupperte sie, da sie den Geruch eines ungewaschenen Menschen im Zimmer erwartete. Stattdessen roch sie ihr eigenes Waschpulver und ihre Duschlotion. Er hatte sich ihrer Waschmaschine und ihrer Dusche bedient! Und mit Sicherheit hatte er in ihrem Bett geschlafen. Erneut stieg Ärger in ihr auf. Sie ekelte sich bei dem Gedanken, das Badezimmer und das Bett nach ihm zu benutzen. „Und nun haben Sie sich hier wohlig eingerichtet“, erwiderte sie in brüskem Ton.

„Nun ja, wie gesagt, es sollte vorübergehend sein. Aber ich werde natürlich sofort gehen. Lassen mich nur schnell meine Habseligkeiten zusammensuchen.“ Mit diesen Worten wandte er sich um und ging ins Schlafzimmer zurück. Intermezzo

Corinna stand noch immer an der Haustür. Erst jetzt wagte sie sich weiter ins Zimmer hinein. Sie setzte sich an den Tisch und starrte vor sich hin. Die Gedanken purzelten ihr durch den Kopf. Sie war erleichtert, dass der Mann ohne weitere Schwierigkeiten gehen wollte. Weshalb jedoch fühlte sie sich gleichzeitig wie ein Eindringling in ihrem eigenen Haus? Sie spürte Mitgefühl mit ihm und wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. In diesem Moment kam der Fremde wieder aus dem Schlafzimmer und ging zur Plastiktasche, um seine Sachen hineinzutun.

„Warten Sie“, unterbrach Corinna ihn zu ihrer eigenen Überraschung. „Wo wollen Sie denn jetzt hin? Woanders können Sie hier in dieser Gegend nicht bleiben. Und um diese Zeit fährt kein Bus zurück in die Stadt.“ Sie sah ihn unschlüssig an, bevor sie fortfuhr: „Ich habe ein kleines Zelt im Abstellraum. Wenn Sie wollen, können Sie heute Nacht hinter dem Haus im Zelt schlafen. Es ist sicher noch warm genug.“ Corinna war erschrocken über ihre eigenen Worte. Was tat sie da? Sie bot einem wildfremden Mann an, direkt hinter ihrem Haus zu übernachten. In der Hoffnung, er würde ablehnen, beobachtete sie ihr Gegenüber. Er sah erst auf den Boden, dann sah er Corinna mit einem Ausdruck von Dankbarkeit an. „Das würden Sie tatsächlich zulassen? Dafür wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar. Das ist wirklich großzügig. Ich glaube, ich nehme das Angebot an.“ Intermezzo

Corinna schluckte. Da hatte sie sich ja etwas eingebrockt. Aber nun war die Sache beschlossen. Sie gab sich einen Ruck, stand auf und holte das Zelt aus dem Abstellraum. Als sie es dem Mann übergab, meinte er:

„Ich bin übrigens Rudi.“

„Ach so, ja, also ich heiße Corinna. Wir können aber gern beim ‚Sie’ bleiben.“

„Schon in Ordnung. Ich geh dann mal nach draußen und baue das Zelt auf.“ Mit diesen Worten verschwand er.

Corinna fühlte sich wie benommen. Sie hatte nun gleichzeitig jedoch das starke Bedürfnis, das Haus wieder in Besitz zu nehmen. Sie ging ins Schlafzimmer, zog die Bettwäsche ab und stopfte sie in die Waschmaschine. Dann bezog sie das Bett neu und machte sich anschließend daran, das Badezimmer gründlich zu reinigen. Um zu verhindern, dass Rudi erneut ins Haus kommen musste, brachte sie ihm seine Tasche nach draußen und stellte sie ihm mit den Worten hin: „Brauchen Sie sonst noch etwas?“ Intermezzo

„Nein, schönen Dank. Und morgen bin ich weg. Versprochen.“ Er lächelte sie an und sah ihr dabei offen in die Augen. Corinna erwiderte den Blick und fragte sich, was für ein Mensch da vor ihr stand. Was für eine Geschichte mochte er wohl haben? Nun, es ging sie nichts an. Morgen würde er weg sein und sie würde sich ihren Pflichten widmen können. Sie ging zurück ins Haus und verschloss sorgfältig die Haustür. Anschließend machte sie sich fertig fürs Bett, zog entgegen ihrer Gewohnheit das Rollo vor dem Schlafzimmerfenster tief herunter und legte sich hin. Lange Zeit konnte sie nicht einschlafen. Sie schaute wiederholt ängstlich zum Fenster und horchte auf mögliche Geräusche an der Eingangstür. Schließlich überwältigte sie die Erschöpfung und sie fiel in einen unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf. Intermezzo

Am nächsten Morgen stand Corinna früh auf, da sie einiges zu tun hatte. Vorher wollte sie sich jedoch zumindest ein Frühstück im Freien gönnen. Vor dem Haus baute sie einen Klapptisch auf und arrangierte darauf Marmeladen und Käse, die sie zusammen mit Aufbackbrötchen von zu Hause mitgebracht hatte. Es war kühler, als sie erhofft hatte. Sie zog sich daher einen dicken Pullover und dicke Socken an und setzte sich mit einer großen Kanne Tee an den Tisch. Nachdem sie ein paar Bissen von ihrem Brötchen gegessen hatte, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und atmete tief ein. Die frische Luft tat ihr gut, und ihr Körper entspannte sich fühlbar. Weshalb hatte sie im Alltag so wenig Zeit für solche Dinge? Ein ruhiges Frühstück, frische Luft, Spaziergänge. Wie selten kam sie dazu. Ihr Job in der Schule fraß sie vollständig auf. An wirkliches Leben war dabei kaum noch zu denken. Allenfalls in den Ferien konnte sie mal etwas anderes tun. Aber selbst dann wartete ein Haufen Arbeit auf sie – Korrekturen, Planungen, Vorbereitungen. Richtig abschalten konnte sie höchstens einmal im Jahr in den Sommerferien, wenn sie für zwei Wochen wegfuhr. Corinna atmete noch einmal tief durch und wandte sich dann wieder ihrem Brötchen zu. In diesem Moment hörte sie hinter dem Haus Schritte, die sich langsam näherten. Gleich darauf kam Rudi mit verstrubbelten Haaren um die Ecke. Er blieb stehen und deutete mit einem Lächeln eine leichte Verbeugung an. Intermezzo

„Ich möchte nicht stören, aber dürfte ich vielleicht noch einmal die Toilette benutzen?“, fragte er höflich.

Corinna konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und erwiderte: „Ja, natürlich. Wenn Sie möchten, können Sie auch duschen.“ Nun war es auch egal. Sie konnte ja hinterher wieder saubermachen.

„Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen.“ Er ging ins Haus und kam eine Viertelstunde später mit nassen und notdürftig geglätteten Haaren wieder heraus. „Ich baue nur schnell das Zelt ab.“

„Möchten Sie eine Tasse Tee? Ich habe auch noch ein Brötchen übrig.“ Corinna wunderte sich zunehmend über ihr eigenes Verhalten.

„Ich möchte sie wirklich nicht in Ihrer Ruhe stören.“

„Sie stören nicht. Ich muss zwar gleich etwas tun, aber für einen Moment können Sie sich gern zu mir setzen. Neben dem Haus lehnen ein paar Klappstühle an der Wand. Holen Sie sie einfach einen.“

Rudi deutete wieder eine Verbeugung an, holte sich einen Stuhl und setzte sich mit einem dankbaren Blick an den Tisch. Nachdem sie eine Weile schweigend gesessen hatten, fragte Corinna unvermittelt:

„Wie kommt es, dass sie kein Zuhause haben?“

Rudi legte sein Brötchen auf den Teller, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und erwiderte: „Nun, das ist eine lange Geschichte. Die Kurzform wäre: Ich habe es im Beruf nicht lange ausgehalten; ich brauchte meine Freiheit.“

„Und da haben sie einfach ihren Job geschmissen?“

„Sozusagen, ja.“ Er machte eine Pause. Nach einer Weile fuhr er fort: „Anfangs steuerte ich auf eine Universitätskarriere zu. In diesem Metier gibt es jedoch einige Zwänge und Verpflichtungen, die mich von den eigentlich wichtigen Tätigkeiten abgehalten haben.“

Corinna wurde neugierig. „Darf ich fragen, was für Tätigkeiten dies waren?“

„Nun, ich hatte mich der Philosophie verschrieben. Die Lektüre philosophischer Bücher und das Verfassen eigener Schriften waren mein Lebensinhalt.“

„Gehört das denn nicht zu den Tätigkeiten an der Uni?“

„Ja und nein. Natürlich beschäftigt man sich mit Philosophie. Auch wird von einem erwartet, permanent zu schreiben und zu veröffentlichen. Nur hat man für diese Dinge nicht so viel Zeit, wie ich es mir gewünscht hätte.“ Intermezzo

Corinna sah ihn verständnislos an. Rudi erwiderte dies mit einem Lächeln und erklärte: „Man muss immer einen Großteil seiner Zeit anderen Dingen widmen. Das reicht von Prüfungen über Verwaltungsarbeiten bis hin zu Networking und Fundraising. Da bleibt kaum Zeit für die eigentlich philosophische Arbeit.“ Rudi sah einen Moment lang sinnend auf seine Teetasse. „Wissen Sie“, fuhr er schließlich fort, „eine der Hauptfragen in der Philosophie der alten Griechen war die Frage nach der besten Art und Weise zu leben. Diese Frage gerät im Berufsalltag viel zu sehr in den Hintergrund. So habe ich mich schließlich von der Universität abgewandt und die Karriere sausen lassen.“ Rudi stockte und sah sie an. „Über dieses Thema habe ich seit Jahren nicht gesprochen.“

„Entschuldigen Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.“ Intermezzo

„Nein, nein. Ist schon in Ordnung.“

Corinna wartete einen Moment, bevor sie das Gespräch fortsetzte. „Das war ein wirklich gewagter Sprung.“

„Das ist sicherlich richtig, aber ich machte mir damals keine großen Gedanken um die Zukunft. Ich war noch jung, hatte einige Ersparnisse und auch ein kleines Erbe. Weiter dachte ich nicht.“

„Und irgendwann war das Geld aufgebraucht?“

„Richtig. Zuerst habe ich noch Gelegenheitsarbeiten angenommen. Dann wurde es zunehmend schwieriger, etwas zu finden.“ Rudi rückte seinen Stuhl zurecht. „Bereut habe ich es trotzdem nicht.“

Corinna sah ihn ungläubig an. „Es macht Ihnen nichts aus, keine Bleibe zu haben?“

„Na ja, eine Unterkunft mit Bett, Stuhl und Tisch ist schon hilfreich. Besonders wenn man schreiben möchte. Das ist mir jetzt jedoch für den Winter zugesagt worden. Im Großen und Ganzen ziehe ich mein jetziges Leben den Zwängen vor, denen ich vorher unterlag.“

Corinna sah ihn nachdenklich an. „Freiheit haben Sie jetzt zumindest reichlich.“

„Sofern ich schreiben kann, ja. Denn Freiheit ist nicht so sehr die Freiheit von etwas, als die Freiheit zu etwas.“ Rudi hielt inne, nahm einen Schluck Tee und fügte dann an: „Die Zeit in Ihrem Haus hat mir ein Stück dieser Freiheit wiedergegeben.“ Bei diesen Worten vermied er es, sie anzusehen.

Corinna wandte ihre Augen von ihm ab und sah sinnend auf die große Eiche vor dem Haus. Nach einer langen Pause sagte sie schließlich: „Wenn Sie möchten, können Sie gern noch eine Nacht im Zelt schlafen. Mir macht das nichts aus.“

„Nein, nein. Das kann ich wirklich nicht annehmen. Ich habe Ihre Gastfreundschaft schon zu sehr in Anspruch genommen.“

„Doch, wirklich. Bleiben Sie noch. Ich muss heute einiges tun, aber heute Abend können Sie mit mir zusammen essen. Ich esse nicht gern allein. Wie wär’s?“

Rudi sah sie aus dem Augenwinkel heraus prüfend an. „Wenn Sie wirklich darauf bestehen, werde ich keinen Widerstand leisten. Ich würde mich allerdings gern erkenntlich zeigen.“

„Hm, ich glaube, ich wüsste da etwas. Ich bin nämlich eigentlich gekommen, um Dinge im Haus in Ordnung zu bringen. Wie sind Sie denn handwerklich so?“

„Nicht überragend, aber fürs Nötigste reicht es. Das musste ich für meine Gelegenheitsarbeiten lernen. Das Quietschen der Türscharniere habe ich übrigens schon behoben. Und die Ofentür ließ sich nicht schließen. Das habe ich auch gerichtet.“

Corinna sah ihn verwundert an. „Das ist ja wunderbar. Wenn Sie mögen, könnten Sie sich noch der Eiche zuwenden. Einige Zweige sind zu nahe ans Dach gewachsen und könnten Schaden verursachen. Wären Sie in der Lage, sie zu beschneiden?“ Intermezzo

„Ich werde mein Möglichstes tun.“

Corinna lächelte ihn an. Darauf zeigte sie ihm eine Leiter und die nötigen Gartenwerkzeuge. Während Rudi sich am Baum zu schaffen machte, deckte Corinna den Tisch ab. Anschließend holte sie die Mathearbeiten aus dem Haus und begann mit der Korrektur. Intermezzo

Im Laufe des Vormittags wurde es doch noch überraschend warm. Corinna dachte an ihren Bikini, verwarf den Gedanken jedoch. Sie hielt es nicht für ratsam, sich vor Rudi derart zu entblößen. Nach einer Weile konzentrierter Arbeit ging sie ins Haus, um sich eine Tasse Tee zuzubereiten. Als sie gerade dabei war, in der Kochnische den Wasserkocher anzustellen, steckte Rudi den Kopf zur Tür herein.

„Mit dem Baum bin ich fertig. Was gibt es sonst noch zu tun?“

„Also, wenn Sie wirklich noch nicht genug haben, könnten Sie vielleicht an einigen Stellen die Farbe an Wänden und Türen ausbessern. Ich habe Farbtöpfe hinten im Auto. Ich werde sie gleich holen, nach meiner Tasse Tee. Wollen Sie sich selbst auch eine Tasse Tee oder Kaffee zubereiten?“ Dann fügte sie neckend, jedoch ohne Häme hinzu: „Sie kennen sich ja schon aus.“

Mit einem Grinsen erwiderte er: „Vielen Dank. Das mache ich gern.“ Corinna ließ ihren Tee ziehen und bewegte dabei den Teebeutel ungeduldig am Band auf- und ab, als ob sie den Prozess dadurch beschleunigen würde. Rudi wartete währenddessen auf das heiße Wasser, so dass beide für einen Moment hilflos nebeneinanderstanden. Schließlich unterbrach Rudi das peinliche Schweigen. Er zeigte auf ein Piano im hinteren Teil des Zimmers und fragte: „Sie musizieren?“ Intermezzo

„Ja, nein. Also, ich habe früher Klavier gespielt – bis in meine frühen Erwachsenenjahre. Als meine Tante starb, vererbte sie mir daher dieses Klavier. Nun habe ich aber viele Jahre nicht mehr gespielt, weil die Zeit nie reicht. Und ungenutzt nimmt das Klavier in meiner Wohnung einfach zu viel Platz in Anspruch. Deshalb steht es jetzt erst einmal hier. Ich werde es wohl irgendwann weggeben.“

„Sie erlauben?“ Mit fragendem Blick machte Rudi einen Schritt in Richtung des Instruments. Corinna sah ihn überrascht an, nickte jedoch wortlos. Rudi öffnete wie selbstverständlich den Klavierhocker, nahm eines der wenigen Notenhefte heraus, die darin untergebracht waren, stellte die Noten vor sich auf und setzte sich. Obwohl er wesentlich größer als Corinna war, hatte der Hocker bereits genau die richtige Höhe für ihn. Corinna nahm dies gelassen hin.

Rudi begann zu spielen. Gebannt lauschte Corinna den sicher und souverän gespielten Noten. Mit einem leicht dahinfliegenden Stakkato breiteten die Töne sich im Zimmer aus. Corinna fühlte, wie die Musik ihr Inneres durchströmte. Alles in ihr reagierte auf dieses ihr wohlbekannte Stück. Wie lange hatte sie selbst nicht mehr gespielt? Sie hörte nicht einmal mehr Musik; zu Konzerten ging sie schon gar nicht. Was für eine wunderbare Welt hatte sie mit der Musik hinter sich gelassen.

Nach einigen Minuten hörte Rudi mitten im Satz auf zu spielen. „Ich mache hier mal Schluss. Dies ist ein etwas längeres Stück.“

„Ich weiß. Das ist der letzte Satz aus einer der Sonaten von Haydn. Das ist das Stück, das ich vor Jahren zuletzt geübt habe. Sie spielen unglaublich gut.“

„Danke. Ich habe früher einige Preise gewonnen. Jugend musiziert und so. Für eine Weile wollte ich damals sogar Musik studieren. Dann habe ich mich jedoch anders entschieden. Solange ich noch meine Wohnung und mein Klavier hatte, konnte ich täglich spielen. Das liegt nun allerdings Jahre zurück.“ Mit einem verschämten Lächeln fügte er an: „Ich habe in den letzten Wochen wieder etwas geübt.“

„War mir schon klar. Spielen Sie ruhig noch ein bisschen. Ich hole in der Zwischenzeit die Farbe.“ Mit diesen Worten ging sie nach draußen. Durch das geöffnete Fenster hörte sie Rudi weiterspielen. Die Musik drang zu ihr herüber wie eine an- und abschwellende Welle, die den Raum zwischen Rudi und ihr mit temperamentvoller Lebendigkeit erfüllte.

Corinna brachte die Farbtöpfe ins Haus. Dann stellte sie Brot und Käse auf die Küchenablage. Während Rudi vom Klavier herüberkam, sagte sie: „Wenn Sie Hunger haben, bedienen Sie sich.“

„Ja, danke. Da kann ich etwas vespern.“

„Vespern? Kommen Sie aus Süddeutschland?“

„In der Tat. Normalerweise merkt man das meiner Aussprache nicht mehr an. Von Zeit zu Zeit verrät mich jedoch meine Wortwahl.“

„Ja, hier im Norden benutzen wir das Wort tatsächlich nicht. Ich finde es allerdings sehr appetitlich. Da stelle ich mir alles Mögliche an Leckereien vor.“

„Na ja, es ist halt eine Zwischenmahlzeit.“

„Gut, dann vespern Sie also.“ Damit ging sie wieder nach draußen und setzte sich an ihre Korrekturen.

Im Laufe des Tages fanden sich weitere Arbeiten, die Rudi mit großer Bereitwilligkeit übernahm. Am Abend hatte Corinna ihre Korrekturen beendet und ebenfalls einen großen Teil der Vorbereitungen erledigt. Zufrieden trug sie alles ins Haus und begann, in der Kochnische eine einfache Mahlzeit zuzubereiten. Rudi hatte sich in der Zwischenzeit rücksichtsvoll ins Zelt zurückgezogen. Es war noch mild genug, um draußen zu sitzen. Corinna deckte daher den Klapptisch, trug das Essen hinaus und bat Rudi, sich zu ihr zu setzen.

Nachdem er ein paar Bissen gegessen hatte, lobte Rudi ausgiebig das Reisgericht. Dabei gelang es ihm, sämtliche Zutaten und Gewürze zu benennen. Corinna sah ihn verblüfft an. Er ignorierte dies jedoch und sagte:

„Ich habe Ihnen einiges von mir erzählt. Hoffentlich habe ich Sie nicht gelangweilt.“

„Nein, gar nicht. Im Gegenteil. Ich finde das sehr interessant.“

„Sie sind Lehrerin?“

„Bingo. War wohl nicht schwer zu erraten – bei den Stapeln von Klassenarbeiten auf dem Tisch.“

„Kein leichter Beruf.“

„Stimmt. Als Sie von der Tätigkeit an der Uni sprachen, kam mir vieles bekannt vor. Auch in meinem Job gibt es unzählige Aufgaben, die über den eigentlichen Unterricht hinausgehen. Manchmal weiß ich kaum, wie ich alles schaffen soll. Für anderes bleibt sowieso keine Zeit.“

„Das Problem des Terrariums.“

Corinna sah ihn verständnislos an. „Des Terrariums?“

Rudi lachte. „Wissen Sie, was ein Leguan ist?“

„Nicht so genau.“ Corinna war nun vollständig verwirrt.

„Also, das ist eine Art Echse. Leguane kommen aus Südamerika und dem Süden der USA. Man kann sie bei uns als Haustiere im Terrarium halten, aber sie brauchen das richtige Klima, d. h. viel Licht und Wärme, sowie die richtige Ernährung. Sonst gehen sie ein. Ich hatte als Kind einen Leguan. Daher weiß ich es.“

„Aha“, machte Corinna befremdet.

Rudi schmunzelte und erklärte: „Für viele Menschen sind die Bedingungen in ihrem ‚Terrarium’, d. h. in ihrem Beruf, in ihrem Leben, nicht die richtigen. Bei mir war dies sehr stark der Fall. Das ‚Terrarium’ an der Uni hatte nicht das richtige Klima für mich und ich bekam nicht die nötige geistige Nahrung. Ich war ein hochsensibler Leguan. Also musste ich das Terrarium wechseln.“

Corinna schob sich eine Gabel voll Reis in den Mund und kaute nachdenklich, während Rudi anfügte: „Sie sollten sich natürlich an mir auf keinen Fall ein Beispiel nehmen.“ Corinna blickte ihn mit gerunzelter Stirn an.

„Man muss nicht so extrem werden wie ich. Aber viele Leute schieben ihre Wünsche und ihr eigentliches Leben Jahr für Jahr auf. Sie leben unzufrieden und warten oft auf die große Erlösung, was auch immer das sei. Über dem Aufschieben schwindet das Leben dahin, und so mancher von uns stirbt, ohne sich jemals Muße gegönnt zu haben.“

Corinna starrte ihn an. „Haben Sie sich den Satz gerade ausgedacht?“

Rudi lachte. „Nein, der stammt vom griechischen Philosophen Epikur. Ein sehr denkwürdiger Satz.“

„Hm“, machte Corinna und schwieg. Rudis Worte bewegten sie. Gleichzeitig fühlte sie sich unwohl, denn das Gespräch wurde ihr jetzt zu persönlich. Sie zog es daher vor, das Thema zu wechseln. „Sie sagten, Sie hätten eine Wohnung in Aussicht?“

„Ja, ich soll eine kleine Sozialwohnung bekommen. Zu Beginn des nächsten Jahres.“ Intermezzo Intermezzo

Corinna schwieg wieder. Sie hätte nicht gerade dieses sensible Thema anschneiden sollen. Sie bemühte sich, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Sie haben heute eine Menge geschafft. Das hätte ich sonst alles neben meiner Schularbeit erledigen müssen. Das war eine große Hilfe für mich.“

„Ich wünschte, ich hätte mehr tun können. Ich habe schließlich Ihr Haus in den letzten Wochen genutzt; außerdem sitze ich jetzt hier draußen und genieße eine gekochte Mahlzeit. Der Dank ist ganz auf meiner Seite.“ Wieder deutete er eine Verbeugung auf die für ihn typische Weise an. Intermezzo

Corinna lächelte. „Wie wär’s mit Tee oder Kaffee?“ Intermezzo

„Da sag’ ich nicht Nein.“

 

Der restliche Abend verlief mit weiteren Gesprächen. Als es dunkel und kühler wurde, erhob Rudi sich, bedankte sich erneut höflich und begab sich ins Zelt. Corinna deckte den Tisch ab und machte sich an den Abwasch. Die Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf. Sie brauchte länger als gewöhnlich für diese Tätigkeit; mehrmals unterbrach sie ihre Arbeit und sah vor sich hin. Als sie endlich im Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Auf dem Rücken liegend starrte sie an die Decke. Ihre Gedanken wanderten zu Rudi. Er würde für mehrere Monate keine Bleibe haben. Zumindest einen Teil des Winters würde er draußen schlafen müssen. Aber was hatte das mit ihr zu tun? Sie war nicht verantwortlich für ihn. Immer wieder versuchte sie, die Gedanken fortzuschieben. Immer wieder kamen sie zurück und störten ihre Ruhe. Weshalb ließ sie Rudi nicht einfach für die nächste Zeit hier wohnen? Sie brauchte das Haus nicht, und der Verkauf konnte ohne Weiteres noch warten. Corinna runzelte die Stirn und prüfte ihre Idee kritisch. Verrückt war es wohl, aber es schien ihr die richtige Entscheidung zu sein. Sie drehte sich auf die Seite und schlief kurz darauf ein. IntermezzoIntermezzoIntermezzo

Am nächsten Morgen deckte Corinna den Tisch draußen für zwei. Anschließend ging sie hinter das Haus, um Rudi zum Frühstück einzuladen. Als sie um die Ecke kam, blieb sie abrupt stehen. Das Zelt lag säuberlich zusammengelegt auf dem Gras. Rudi war weg. Corinna lehnte sich an die Hauswand und verharrte dort einige Minuten. Sein heimliches Verschwinden gab ihr einen Stich. Sie war erstaunt über ihre Reaktion. Schließlich riss sie sich los und ging wieder nach vorne. Langsam begann sie ihr Frühstück. Zu ihrer Verwunderung fehlte ihr Rudis Anwesenheit. Er hatte etwas Beruhigendes und gleichzeitig Anregendes an sich. Nachdenklich saß Corinna eine Weile am Tisch. Schließlich zwang sie sich aufzustehen; sie deckte ab, holte ihre verbleibende Arbeit nach draußen und machte sich daran.

Am frühen Nachmittag packte Corinna ihre Sachen ins Auto. Dabei stellte sie fest, dass sie am Vortag nach dem Zurückstellen der Farbtöpfe vergessen hatte, das Auto wieder abzuschließen. Sie sollte wirklich vorsichtiger sein. Sicherheitshalber ging sie daher noch einmal ins Haus zurück und prüfte, ob alle Fenster verschlossen waren. Im Vorübergehen fiel ihr Blick auf das Klavier. Die Noten standen noch darauf, wie Rudi sie hinterlassen hatte. Corinna verharrte mitten im Zimmer und sah das Klavier an. Schließlich ging sie auf den Klavierhocker zu und setzte sich zögernd darauf; gleich darauf stand sie wieder auf und stellte die Höhe des Sitzes richtig ein. Sie blätterte zum Beginn des Satzes, legte die Finger auf die Tasten und begann suchend, die ersten Noten zu spielen. Nach ein paar Minuten brach sie unvermittelt ab. Sie riss das Notenheft vom Ständer, schmiss es in den Hocker und ließ den Klavierdeckel laut zuklappen. Darauf eilte sie nach draußen und zog mit einer energischen Bewegung die Haustür hinter sich zu. Als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, zögerte sie einen Moment. Dann verschloss sie die Tür.

Corinna fuhr durch den Ort bis zur Landstraße. Erst als am Straßenrand Bäume auftauchten und rasch an ihr vorbeizogen, wurde ihr Kopf wieder frei für Gedanken. Eigentlich war es nicht verwunderlich, dass sie nach so vielen Jahren nicht sofort schwierige Stücke spielen konnte. Sie hätte es mit etwas Leichterem versuchen sollen. Ihre Gedanken wanderten von ihrem Klavierspiel zum gesamten Wochenende. Es war die erholsamste Zeit seit den letzten Ferien gewesen. Und dabei hatte sie für die Schule gearbeitet! War es wirklich eine solch gute Idee, das Haus zu verkaufen? Vielleicht sollte sie es behalten und wieder häufiger dorthin fahren. Mit ihrer Arbeit oder besser noch: ohne Arbeit. Sie musste sich einfach freie Zeit schaffen. Für das folgende Wochenende hatte sie eine Einladung. In der Woche darauf würde sie jedoch wieder herkommen können. Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange. Irgendwo musste sie auch noch ihre alten Noten haben. Darunter waren auch viele leichte Stücke. Die würde sie heraussuchen und mitbringen. Am Horizont erblickte Corinna jetzt zarte, wattige Wolken. Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Arbeitsalltag. Vielleicht sollte sie nicht so anspruchsvoll mit sich selbst sein, einige Dinge leichter nehmen und sich dadurch Zeit schaffen. Wie oft hatte sie auch schon an eine Reduzierung ihrer Stunden gedacht, diesen Gedanken jedoch immer wieder verworfen. Warum eigentlich nicht? Sie sollte diese Möglichkeit ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Sie folgte weiter der Landstraße, die nun eine scharfe Biegung nach links machte. Die Sonne schien ihr plötzlich direkt ins Gesicht. Corinna hielt an und suchte nach ihrer Sonnenbrille im Handschuhfach. Als ihre Hand darin herumfuhr, fühlte sie ein Stück zusammengelegtes Papier und zog es heraus. Sie faltete das Blatt auseinander und las die mit Bleistift geschriebenen Worte: „Vielen Dank für die Begegnung mit Ihnen. Mit einem Gruß von Leguan zu Leguan.“ Darunter war ein echsenartiges Wesen gezeichnet. Corinna schmunzelte und steckte das Blatt in ihre Hosentasche. Dann startete sie den Wagen wieder und fuhr mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Haus.

Foto von Viktor Talaschuk (Unsplash)

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