Schneeflockenmethode

Plotten – aber wie? I: Die Schneeflockenmethode

Plotten – aber wie? I: Die Schneeflockenmethode

Die Schneeflockenmethode ist eine Möglichkeit, zu einem Plot zu kommen. Ein Plot beschreibt die Handlung von Anfang bis zum Ende.

Der Plot ist das Rückgrat des Romans, hat mal jemand gesagt und einen Kurs so genannt.

Was bedeutet das? Wie geht die Schneeflockenmethode?

Dabei ist das Bild „Schneeflocke“ eine Metapher. Die Schneeflocke hat ein Zentrum, aber sie hat auch viele Verästelungen und Spitzen. Sie verbindet sich mit weiteren Schneeflocken zu einem Schneeball. Wird also größer und größer und fester – weiter sollte man über die Metapher nicht nachdenken, denn sonst schmilzt unser schönes Konstrukt wie der Schneemann beim ersten Sonnenschein. Stellen wir uns also einen richtig guten alten Winter vor. Der Schnee liegt die ganze Saison über.

Ich konstruiere nun einen möglichen Roman am Beispiel einer Zeitungsnotiz, die ich als Inspirationsquelle nutze:

Jeffrey Toobin nach Masturbation im Zoom-Call vom New Yorker suspendiert

Worum geht es bei der Schneeflockenmethode?
Vom Satz zum Absatz zum Charakter

Das Zentrum der Schneeflockenmethode ist die Antwort auf die Frage: Worum geht es in dem Roman? Bedingung für die Antwort: erst einmal nur einen Satz formulieren: 

Und meine 1Satz-Zusammenfassung lautet folgendermaßen:

Die Ehefrau des von der ZEIT suspendierten Starautors  Gerhard Laberenz ist aufgrund der Ereignisse gezwungen, ihre bisherige Rolle als Nurehefrau und Mutter aufzugeben und für die beiden halbwüchsigen Kinder zu sorgen, wobei sie allerhand Abenteuer und auch eine neue Liebe erlebt, bis sie am Ende zufrieden, glücklich – und erfolgreich ist.

Das ist zwar ein langer Satz, aber er beinhaltet grob die Geschichte, die ich mir ausgedacht habe.

Ein ganzer Absatz

Aus dem einen Satz wird nun im zweiten Schritt ein ganzer Absatz. Darüber hinaus konzentriere ich mich auf die Wendepunkte, die die Struktur meines Romans bestimmen:

Maria Loberenz-Casper, Mutter von Lea, 16 und Tobias, 14, muss – nachdem ihr Mann nach einem extrem peinlichen Skandal seinen Job verloren hat, ihr Leben ändern. Sie reicht die Scheidung ein, sucht sich einen Job, erlebt eine neue Liebe und wird beruflich erfolgreich. Ihr Wunsch, selbst als Autorin bei der ZEIT zu arbeiten, erfüllt sich nicht sofort, sie muss als Aushilfe in einem Café im Hamburger Hafen arbeiten. Dabei begegnet sie Susanne, die sehr praktisch veranlagt ist und beim Umzug hilft. Denn das Haus der Familie muss verkauft werden, es hat sich herausgestellt, dass der Mann nicht nur Masturbierer ist, sondern auch Spieler und das Familienvermögen verspielt hat. Die Kinder drehen durch, Lea zieht vorübergehend zu ihrem Freund, gerät in Drogenkreise; Tobias klaut ein Motorrad und hat einen Unfall. Der Ehemann trinkt heftig und legt sich nachts immer vor die Tür, schließlich bringt er sich um. Susanne steht Maria zur Seite, am Ende sind die Kinder wieder auf dem richtige Weg, Maria erhält ein Angebot von der ZEIT (Ressortleiterin) und das Ende ist ziemlich happy.

Das wären die ersten beiden Etappen der Schneeflockenmethode, die Randy Ingermanson entwickelte.

Die dritte Stufe

Die dritte Stufe betrifft die Charaktere: Hier erhalten sie ihren Namen, ihre Ziele und ihren Charakter. Auch beachten wir hier die Veränderung der Charaktere im Laufe der Geschichte.

Auf Maria angewandt wäre das:

Maria Loberenz-Casper, geborene Casper, lässt sich scheiden und heißt ab sofort wieder Maria Casper. Sie hat sich im Laufe ihrer Ehe sehr stark – gezwungenermaßen – auf die Kinder und den Haushalt konzentriert, obwohl sie wie ihr Mann einen Super-Abschluss der berühmten Hamburger Journalistenschule in der Tasche hatte. Ihr Ziel ist es, ebenfalls erfolgreiche Autorin zu werden. Heimlich möchte sie ihren Mann bei der ZEIT beerben. Bisher war sie verzagt, weil sie so zurückgehalten wurde mit ihrem beruflichen Ehrgeiz, jetzt lernt sie, mit Rückschlägen zu leben und dabei ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sie kämpft um das Wohl ihrer Kinder und managt dabei noch den nötigen Umzug. Auch lernt sie, den Verlust der bisherigen (vermeintlichen) Sicherheit zu verarbeiten und ist am Ende eine starke, in sich gefestigte Person. Zudem hat sie ein spätes Coming-out.

Und jetzt kann ich einen Szenenplan entwickeln und dann beginnen zu schreiben. Dabei beachte ich natürlich, dass nicht nur die Schneeflocke ein sehr ästhetisches Gebilde ist, sondern dass mein Roman es auch wird.

Einfach, oder?

Foto: Marc Newberry, Unsplash

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