Schlagwort: Schreiben

Sparschwein

Das Sparschwein – Short Story von Elena Fischer

„Das Sparschwein“ ist im Speed-Writing entstanden
Elena Fischer lebt in Mainz, arbeitet in Heidelberg und schreibt meistens im Zug.

Das Sparschwein

Er lag in seinem Hochbett. Das Sparschwein, das der Vater ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, ruhte auf seinem Bauch und sah ihn dümmlich grinsend an. Er fuhr über das glasierte, rosa Porzellan. Es fühlte sich kalt unter seinen Händen an. Das Schwein hatte einen Schlitz am Rücken und durch diesen Schlitz fraß es. Hier einen Euro, da zwei Euro Taschengeld, und manchmal, wenn er bei seiner Oma gewesen war, einen Fünf-Euro-Schein, aber das war die Ausnahme. Seine Mutter achtete darauf, dass er das Tier regelmäßig fütterte, sie wollte keinen Ärger mit dem Vater riskieren. Das, was das Schwein verschlang, war erst einmal verloren. Es hatte zwar ein Loch im Bauch, aber das war verschlossen.

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Max Frisch fragt: Wen soll das interessieren?

Max Frisch, gelassen, souverän und nachdenklich
Max Frisch, gelassen, souverän und nachdenklich

Max Frisch fragte: „Wen soll das interessieren“

in seinen Tagebüchern – und er meint mit „das“ eben das, was er schreibt. Der schweizer Autor (1911 – 1991) hat zeitlebens sein Schreiben durch die Reflektion über das Schreiben begleitet. Er formulierte dabei auch eigene Zweifel (die uns Prokrastinierern bekannt vorkommen, die wir wahrscheinlich aber anders ausdrücken würden):

Ja, wer soll lesen, was ich in diesen Heften schreibe. Und doch, glaube ich, es gibt kein Schreiben ohne die Vorstellung, dass jemand es lese, und wäre dieser Jemand nur der Schreiber selbst. Dann frage ich mich auch: Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewusster Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt in meiner Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor, wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es, man kann es nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten. Aber wen soll diese tote Haut noch interessieren! Die immer wieder einmal auftauchende Frage, ob denn der Leser jemals etwas anderes zu lesen vermöge als sich selbst, erübrigt sich: Schreiben ist nicht Kommunikation mit dem Leser, auch nicht mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist.
aus: Stiller

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